Zudem hat Lillers Protagonistin ein gewisses Eigenleben: Sie heißt Josephine, und sie hat eigene Profile bei Twitter und bei Facebook. Eine solche Vernetzung verselbständigt sich schnell - vor allem durch die neue Währung des Internets, die Empfehlung, und das ist durchaus beabsichtigt: "Ich hatte schon im ersten Monat 80 feste Leser, die auch regelmäßig kommentiert und mich kritisiert haben. Ich hab´ mir bei Twitter relativ schnell ein Netzwerk aufgebaut aus Hobbyautorinnen, aber auch Profi-Schriftstellern. Und ich habe eine Facebook-Gruppe gegründet, wo ich mein Buch vorgestellt habe. Irgendwann war ich beim Social Web Breakfast in Frankfurt, bekam eine Einladung zur Cebit in Hannover, wo ich das Buch vorgestellt habe, und dann kamen die ersten Medienanfragen." Danach hatte sie bis zu 800 Leser am Tag.
Nicht alle sind begeistert. "Was ich schreibe, finden auch viele scheiße", lacht sie. Aber je mehr von ihnen sich einmischen, desto mehr wird aus dem Buch ein Projekt: "Man öffnet den eigentlich geschlossenen Vorgang des Romanschreibens ein bisschen. Der Social Web Roman passt sehr gut in die Zeit", glaubt Liller. Wenn er fertig ist, will sie ihn auch als E-Book anbieten, für 2,49 Euro vielleicht. "Das wäre die logische Weiterführung meines Projektes. Diesen Sharing-Gedanken finde ich ganz wichtig. Es ist doch eigentlich nur logisch, dass man sagen kann, wenn ich was geschrieben habe, dann möchte ich auch bestimmen, dass es veröffentlicht wird."
Auf einen Verlag ist sie mit ihrer Idee noch nicht zugegangen. "Ich weiß aber auch nicht, wie Verlage auf ein Buch reagieren, das schon komplett online erschienen ist." Andere haben ihr jedenfalls davon abgeraten: "Ich bin mal bei MeinVZ in eine Gruppe von Hobbyautoren eingetreten und habe versucht, mit denen zu diskutieren. Die nannten meinen Plan die bescheuertste Idee, die man haben kann, denn danach hätte ich überhaupt keine Chance mehr bei Verlagen. Mein Buch wäre ein verbranntes Dokument."
Das allerdings ist Unsinn. "Natürlich würde ich ein solches Buch noch verlegen, wenn es gut ist", sagt Michael Krüger, seit 15 Jahren Chef des Hanser Verlags. "Das liest doch niemand online. Keine Sau durchstöbert all das, was es im Netz gibt."
Allerdings glaubt Krüger nicht, dass im Netz viele Talente zu finden gibt. Das sei wie in anderen Kunstformen auch: "Jeder kann auf der Straße singen oder Geige spielen, aber ob das der Musik etwas hinzufügt und die Menschheit weiterbringt, ist fraglich. Verlage sind eben eine Qualitätskontrolle."
In Japan ist man schon einen Schritt weiter
Ob das Geschäftsmodell irgendwann trotzdem zur Bedrohung für seinen Verlag werden kann, mag Krüger aber nicht abschließend beantworten. Was, wenn nicht nur die neuen, sondern auch die etablierten Autoren den Verkauf lieber selbst in die Hand nehmen und dabei auf elektronische Buchformen setzen? "Ich bin kein Prophet. Da findet eine Revolution statt. Und man weiß erst nach der Revolution, ob der König gehängt wurde."
Im Kaiserreich Japan ist man mit der Revolution schon einen Schritt weiter. Schon vor zwei Jahren gehörten dort vier der fünf meistverkauften Bücher einer neuen Stilform an: dem Handyroman, auf Japanisch "keitai shosetsu". Hunderttausende Geschichten, die auf dem Handy gelesen und manchmal auch geschrieben werden, in kurzen Kapiteln, in einem verknappten und dialoglastigen Stil. Auf speziellen Internetseiten wie "Magic I-sland" stehen sie zum Download bereit. Manche sind kostenlos, andere werden von Verlagen verkauft. Und weil das mobile Internet in Japan sehr viel stärker verbreitet ist als hierzulande, gehört das Buch auf dem Display längst zum Alltag.
Der erste Star dieser Szene kam aus Tokio, nannte sich Yoshi und schrieb, wie die meisten, über das (Liebes-)Leben japanischer Mädchen und junger Frauen. Mit "Deep Love", zunächst über die eigene Homepage verbreitet, gelang ihm der Durchbruch. Vor allem bei jungen Frauen kam sein Fortsetzungsroman so gut an, dass er auch als gedrucktes Buch noch 2,7 Millionen Mal verkauft wurde. Ein passender Film, eine TV-Fernsehserie und ein Manga folgten.
Es dürfte noch zwei oder drei Jahre dauern, bis solche Erfolgsgeschichten auch in anderen Ländern normal werden. Erst muss das E-Book eine selbstverständliche Alternative zum gedruckten Buch werden, und dann muss jemand die Perlen im Schweinestall finden. Etwas, das den heutigen Maßstäben von Literatur entspricht, ist selten auszumachen in der Masse an Teenager-Lyrik, Sexgeschichten und fantasieloser Fantasy. Was noch fehlt, sind einige meinungsführende Blogger oder andere Multiplikatoren, die echte Talente aufspüren. Netzwerke wie Twitter und Facebook könnten diese Filterfunktion künftig noch stärker übernehmen, als das bei Autoren wie Karen Liller der Fall ist: Wer online von den richtigen Nutzern weiterempfohlen wird, bekommt Rezensionen und Werbung umsonst.
Wo das nicht reicht, hilft ein Autor wie Duane Daum etwas nach: Weil niemand seine Bücher bei Amazon rezensieren wollte, hat er es einfach selbst gemacht. Dabei spart er nicht mit Superlativen und Reizwörtern "Dee Dawning ist sensationell heiß", schreibt er. Er muss schließlich noch ein paar Tausend Bücher verkaufen.
Schräge Kandidaten, internationale Musik: Das ist der Eurovision Song Contest in Baku. Wegen der politischen Zustände in Aserbaidschan wird er dieses Jahr heftiger Kritik begleitet. Mehr dazu im Spezial.
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