Panorama
Aktuelle Nachrichten aus der Gesellschaft

14. Januar 2010

Hobbyautoren: Die Selbstverleger

 Von Patrick Beuth
Schreiben ohne Verlag - online veröffentlichen und vermarkten die neuen Autoren sich selbst. Foto: FR/Galanty

Auf die Gnade der Verleger sind Autoren heute nicht mehr angewiesen. Sie veröffentlichen und vermarkten sich selbst - online. Ein Streifzug durch die Welt der elektronischen Belletristik. Von Patrick Beuth

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Literatur im Netz

www.scribd.com

Millionen von Büchern, Rezepten und Bedienungsanleitungen. Wer etwas hier anbietet, bestimmt auch den Preis. Hobbyautoren, darunter auch Deutsche, stellen ihre Werke oft kostenlos zur Verfügung. Die können direkt auf der Seite gelesen, als PDF heruntergeladen - oder im Shop gekauft werden, wenn sie doch etwas kosten. Auch Verlage bieten hier eBooks an. Manche Nutzer laden Bücher, an denen sie keine Rechte haben, illegal hoch.

www.fastpencil.com

Plattform, auf der Autoren jederzeit mit anderen über ihre Werke kommunizieren und sie gemeinsam weiterentwickeln können. Auch Fotografen und Illustratoren sind dabei, die helfen, ein Buch optisch zu gestalten. Die Verbreitung des Buches kostet 20 US-Dollar innerhalb des FastPencils-Angebots, für 100 Dollar bekommt es ISBN und wird auch bei Amazon und Barnes & Noble angeboten.

www.smashwords.com

Reine eBook-Seite, auf der Autoren ihre Bücher in zehn verschiedenen Formaten anbieten können - passend für die meisten populären Lesegeräte vom Kindle bis zum iPhone. Dazu müssen sie einfach nur ein nach bestimmten Vorgaben formatiertes Word-Dokument hochladen, den Rest erledigt Smashwords. Viele Bücher kosten ein paar Dollar, die Seite verdient Geld, indem sie einen Teil des Verkaufspreises einbehält.

www.iuniverse.com

Eine Seite nur für ambitionierte Autoren. Die Service-Pakete kosten zwischen 499 und 4200 US-Dollar, dafür gibt es dann persönliche Beratung, gebundene Rezensions-Exemplare und teilweise auch Unterstützung bei der Vermarktung. Im Shop gibt es die Bücher dann nicht nur in elektronischer Form, sondern auch gebunden oder als Taschenbuch zu kaufen. Die eBooks sind deutlich günstiger als die Papierversionen.

www.xinxii.com

Deutsche Plattform, die dem GD-Verlag gehört. Hier können Autoren ihre Werke als eBooks anbieten und den Preis selbst festlegen. XinXii (abgeleitet vom chinesischen Begriff für "Information") behält 30 Prozent der Verkaufspreises ein. Alle Bücher können auf der Seite von den Lesern bewertet und kommentiert werden. Neben Büchern werden hier auch Baupläne, Business-Pläne, Songtexte und andere Dokumente veröffentlicht.

www.bookrix.de

Rund 20 000 ausschließlich kostenlose Bücher gibt es auf der deutschen Seite. Sie können online am Bildschirm gelesen oder in mehreren eBook-Formaten heruntergeladen werden. Unter jedem Buch kommentieren und bewerten Leser die Werke, die auch in Sozialen Netzwerken wie Facebook oder in Blogs eingebunden werden können. Autoren können sich in einem persönlichen Profil vorstellen.

Dee Dawning nennt sich der Autor von Romanen wie "Three Way" oder "Getting Naked at the Hilton". Es sind himmelschreiend trashige Pornogeschichten, vermischt mit Science Fiction, Neonazis und arabischen Terroristen. Sie kosten zwischen 99 Cent und vier Dollar. Es gibt sie nur in elektronischer Form.

Dawning heißt mit bürgerlichem Namen Duane Edward Daum, ist Mitte 50, lebt in dem 5000-Seelen-Ort Cave Creek ein paar Meilen nördlich von Phoenix, Arizona. Hauptberuflich baut er Häuser. Es sind schlechte Zeiten zum Häuserbauen in den USA, deshalb widmet sich Daum jetzt verstärkt seinem Hobby, dem Schreiben. "Zwölf Stunden täglich", sagt er. Als Dee Dawning, oder auch D.E. Dawning, hat er bereits zehn Bücher veröffentlicht. "Ich habe sogar noch ein weiteres Pseudonym, aber das verrate ich nicht." Manche seiner Bücher sind bei kleinen Erotik-Verlagen erschienen, die aus nicht viel mehr als einer unattraktiven Internetseite bestehen. Aber eigentlich braucht Daum auch keinen Verlag. Er ist ein Selbstverleger. Die freizügigsten seiner Werke veröffentlicht er im Alleingang, im Internet. Wie viele tausend andere Autoren auch.

Die Webseiten, die das möglich machen, heißen Smashwords, iUniverse, FastPencil, XinXii oder Scribd. Sie erlauben es, teils sogar kostenlos, eigene Dokumente hochzuladen und in bis zu zehn verschiedenen Dateiformaten zum Download bereitzustellen, damit sie auf E-Readern, Smartphones oder dem Computer zu Hause lesbar sind. Den Preis legen die Autoren selbst fest. Häufig verschenken sie ihre Bücher.

"Du solltest niemanden um Erlaubnis fragen müssen, wenn du ein Buch schreiben und veröffentlichen willst", heißt es bei FastPencil. Deshalb kann man auf der Seite auch gleich eine ISBN bestellen und das Buch bei Amazon und Barnes & Noble in den Katalog aufnehmen lassen. Die Werbung übernehmen die Autoren selbst: bei Twitter, Facebook, MySpace und Bloggern, die ihre Werke rezensieren wollen.

Neu ist dabei nicht, dass Menschen im Internet Kurzgeschichten, Reiseberichte, Gedichte und Romane veröffentlichen. Das tun sie schon, seit es das World Wide Web gibt.

Neu ist, mit welchen Ambitionen sie es tun, mit welchem Willen zur Selbstvermarktung, mit welchen Möglichkeiten, ihre Werke auf verschiedenen Kanälen und Geräten anzubieten.

Der absehbare Durchbruch elektronischer Lesegeräte, der sogenannten E-Reader, hilft ihnen dabei enorm. Amazon etwa trommelte im Weihnachtsgeschäft enorm für seinen "Kindle" und verkündete am 25.12., man habe an diesem Tag erstmals mehr E-Books als gedruckte Bücher verkauft. Laut Forrester Research dürften bis Ende 2010 immerhin zehn Millionen der Geräte allein in den USA verkauft werden. Je normaler der Anblick eines Lesegerätes wird, desto ernstzunehmender wird auch der Inhalt, das elektronische Buch.

Duane Daum hat bisher nur ein- bis zweitausend seiner E-Books verkauft. "Aber ich freue mich auf ein phänomenales Wachstum dieses Marktes und meinen Anteil daran", sagt er. Solange er seine Einkünfte nicht mit Verlagen und Agenten teilen muss, würden ihm zehntausend verkaufte Bücher im Jahr reichen, um davon leben zu können.

Nicht alle wollen so weit gehen. Aber sie wollen die neu gewonnene Freiheit nutzen und endlich eine Grenze überschreiten, die es so in anderen Kunstformen nie gab: Jede Garagenband konnte sich schon immer irgendwie ein paar Auftritte organisieren, jeder Maler seine Werke im öffentlichen Raum aufhängen oder an die Wand sprühen. Nun sind auch die Schreiber wirklich unabhängig in ihrem Anspruch auf Öffentlichkeit und nicht mehr auf die Gnade der Verlage und Lektoren angewiesen. Also schreiben sie die Bücher, die sie schreiben wollen: kurz oder ausufernd, geistreich oder flach, und häufig mit Figuren, die sie aus anderen Büchern oder Filmen klauen. Manche erfinden dabei sogar neue Wege, wie ein Roman entstehen und sich verbreiten kann.

Karen Liller etwa hat keine Sekunde darüber nachgedacht, ein Buch auf Papier zu schreiben. Die 29-jährige Frankfurterin ist die wohl bekannteste unbekannte Autorin Deutschlands. Sie veröffentlicht ihr Romandebüt in ihrem Blog auf sechziggrad.de, in mehreren Kapiteln und mit teils längeren Pausen dazwischen.

Am 1. Januar hat sie angefangen. Eigentlich wollte sie das Buch am 31. Dezember beenden. Doch weil sie hauptberuflich in einer PR-Agentur arbeitet und zwischenzeitlich geheiratet hat, hat sie die Deadline nicht einhalten können. Das ist aber auch so ziemlich das einzige, was sie mit einem klassischen Autor gemeinsam hat.

Liller schreibt "Chick Lit", einen Frauenroman mit deutlichen Anleihen bei Sex and the City. Ihr Stil passt zum Medium: die Sätze sind eher kurz und einfach, Jugendslang und Anglizismen allgegenwärtig. Am Ende jedes Kapitels soll ein "Teaser" neugierig auf die Fortsetzung machen. Das Blog enthält aber nicht nur die Kapitel, sondern dazwischen auch Einträge über den Schreibprozess. Alles ist kommentierbar, und wenn Leser über bestimmte Dinge stolpern, werden die Kapitel eben überarbeitet.

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