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29. Juni 2013

Hochwasser in Deutschland: Nach der Flut fängt die Arbeit erst an

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Die Siedlung Gruna ist vom Hochwasser der Mulde umschlossen.  Foto: dpa

„So geht das nicht weiter hier:“ Zwei Jahrhundertfluten reichen. Die Linkes und Schmidts aus Gruna wollen keinen neuen Deich. Sie wollen umsiedeln. Nun ist Krach im Dorf.

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Ines Linke sucht die Katzen. Sie hastet mit einem Teller Futter auf dem Rasen hinterm Haus herum, irgendwo müssen sie doch sein. Endlich kommt eine. Nebenbei erzählt Ines Linke, wie es ihr gerade geht. „Wollen Sie wissen, was los ist? Ich kann nicht mehr schlafen“, sagt sie. „Wenn es anfängt zu regnen, kriege ich Schweißperlen auf der Stirn.“ Sie stellt den Teller ins Gras, die Katze kommt aus der Hecke geschossen und frisst gierig das braune Futter. Ihr Mann Andreas ist gerade mit Maler Krause gekommen. Sie stehen vorn am Gartentor. „Meine Frau ist ein Nervenbündel“, sagt Linke „So geht das nicht weiter hier.“

Er und der Maler gehen rein, ein modernes Haus, gelber Klinker, großzügig angelegt. An der braunen Haustür klebt noch der graue Schlamm. Drinnen alles ausgeräumt, die Fliesen aufgehackt, Höllenlärm, Bautrockner brummen, das Erdgeschoss ist leer, das Mobiliar oben. Es ist drückend heiß wie in einem Gewächshaus. „Das war mal mein schönes Haus“, ruft Linke. Neben dem Kachelofen klebt ein kleines Schildchen etwa in Kniehöhe am Türrahmen: „Hochwasser 2002“.

Vor dreizehn Jahren sind Andreas und Ines Linke eingezogen. Sie haben das Haus gebaut, es war ihr Traumhaus. Zwei Jahre später stand es etwa 80 Zentimeter unter Wasser, 80.000 Euro Schaden. Anfang Juni 2013, bei Jahrhundertflut Nummer zwei, waren es sechzig Zentimeter. Jetzt reicht es, zwei große Fluten in elf Jahren, das übersteigt das Ertragbare. Ihnen geht es wie vielen Flutopfern: Es fehlt die Kraft, alle paar Jahre komplett neu anzufangen. Sie fühlen sich nicht mehr sicher, sie schlafen schlecht, schrecken auf, wenn Regen aufs Dach fällt. Sie werden ganz unruhig, wenn in der Tagesschau wieder von einer 5b-Wetterlage die Rede ist, die sich über Polen, Österreich, Tschechien, Süd- und Ostdeutschland gebildet hat und in den nächsten Tagen Starkregenfälle schickt. Sie haben keine Ruhe und keine Freude mehr in ihren Häusern. „Ich liebe diese Gegend“, sagt Linke. „Ich komme von hier. Aber jetzt geht es nicht mehr, ich halte das nicht aus. Wir müssen weg.“

Ines Linke kann nicht mehr schlafen. Die Angst vor dem Regen treibt ihr den Schweiß auf die Stirn.  Foto: BHO

Eine Idylle, eine Katastrophe

Gruna in Nordsachsen zwischen Bad Düben und Eilenburg, ein kleines Dorf am Fluss Mulde, über 700 Jahre alt, 200 Einwohner. 70 Häuser, ein Kirchlein, der Wendenturm, das alte Rittergut und der Gasthof. Der Dorfkern liegt genau in einer malerischen Schleife des Flusses am Rand des Naturparks Dübener Heide. Wiesen, so weit das Auge reicht, Störche und Milane kreisen am Himmel. Eine Idylle, eine Katastrophe. In der Ferne mähen Bauern Gras und kehren es zusammen. Als Viehfutter unbrauchbar. Es stand unter Wasser, ist nur noch Müll. Ein Mann kommt mit einer Schubkarre voller Dreck aus seinem Haus. Er schwitzt, er ist schlecht gelaunt, kein Wunder. Er sagt, er schiebe schon den ganzen Tag Dreck. 2002 sei das Wasser wenigstens etwas sauberer gewesen. „Diesmal war es eine üble Brühe.“

Anfang Juni, als die Mulde zu einem Strom anschwoll und die ganze Gegend in einen großen See verwandelte, standen alle Häuser in Gruna im Wasser, 70 von 70. Das alte Gruna ist wie ein Topf, den man ins Land gedrückt hat. Wenn es über den Rand reinläuft, ist alles verloren. Das Dorf hat einen alten Ringdeich, einen Rand, aber er hilft nicht wirklich. Die Mulde brach durch, außerdem sprudelte Grundwasser aus Hausbrunnen von unten ins Dorf. Nicht zum ersten und nicht zum zweiten Mal. Andreas Linke will weg, er sagt, das Dorf sei nicht zu retten. Der Versicherungsmakler hat Unterschriften gesammelt. Ein Drittel der Leute, sagt er, will wegziehen wie er. Zwei Drittel wollen bleiben. Nun ist der Dorffrieden im Eimer. Was tun? „Es ist doch billiger, uns alle umzusiedeln“, sagt Linke. Er glaubt den Ankündigungen nicht, die aus der Landespolitik nach der Flut kamen: Der Deich soll verbessert und ausgebaut werden. Einen Polder will man anlegen, der Flutwasser aufnehmen kann. Etwa 5,5 Millionen Euro würde das alles angeblich kosten. 2014 soll das Planfeststellungsverfahren beginnen.

„Die sagen den Leuten nicht die Wahrheit“, schimpft er. „Wir werden hingehalten und eingelullt.“ Es müssten noch teure Pumpen her, die das Grundwasser in Schach halten könnten. Alles würde viel teurer, alles würde sich ewig hinziehen. Das kleine Gruna stehe jawohl nicht oben auf der Prioritätenliste. Er schimpft, er muss mal Dampf ablassen. Nach 2002 sei doch auch nichts richtig gemacht worden. Ein paar Spundwände, die nicht hielten. Fünf Vermessungstrupps seien im Dorf herumgerannt. „Und nichts ist seitdem passiert.“

Er ist wütend. Es sei doch besser, die Leute zu entschädigen und die ganze Gegend in ein Überflutungsgebiet umzuwandeln. Man könnte 500 Hektar Flutflächen schaffen, das sei sinnvoller. Und dann sagt er: „300.000 Euro Entschädigung und ich bin sofort weg.“ So viel will Linke für Haus und Grundstück haben. Damit könnte er anderswo in der Gegend neu anfangen. „Billiger geht es nicht.“

In Sachsen und den anderen von der Flut heimgesuchten Ländern wird genau das gerade diskutiert: Wo lohnt es, Deiche und Dämme zu verstärken? Wo muss zusätzlicher Flutraum geschaffen werden? Wo ist es klüger, Häuser und vielleicht ganze Orte aufzugeben? Sachsens SPD hat gerade einen Fonds gefordert, aus dem Umsiedler bezahlt werden sollen, die CDU/FDP-Landesregierung prüft die Idee, weiter und klüger ist man noch nicht.

"Die sagen den Leuten nicht die Wahrheit"

Die Teufel stecken ja auch in den Details, Beispiel Gruna: Soll man die einen entschädigen und umsiedeln und für den Rest, der bleiben möchte, dennoch eine Menge Geld ausgeben für höhere Deiche? Soll man womöglich alle zwangsumsiedeln, wie es im Braunkohlebergbau seit Jahrzehnten üblich ist? Ein heißes Thema, die Landesregierung in Dresden fasst es mit ganz, ganz spitzen Fingern an. Andreas Linke verhandelt mit dem Maler. Zwischendurch erzählt er. Er habe versucht, in Gruna eine Art Bürgerversammlung einzuberufen, um darüber zu reden, was werden soll. Aber nichts da, er sei direkt angefeindet worden, sagt er.

Die Mehrheit steht dagegen. „Lasst uns erst einmal aufräumen und zur Ruhe kommen“, meint Bürgermeister Lothar Schneider. Linkes Gerede vom Umsiedeln rücke alles nur in ein schlechtes Licht. Mitten im Ort steht ein kleiner Bauwagen. Er war Schneiders Krisenzentrum während der Flut. Dramatische Szenen spielten sich ab. Das Dorf musste von Bundespolizisten aus Hessen per Hubschrauber evakuiert werden. Nun wird aufgeräumt. Es riecht muffig, vor jedem Haus entlang der Dorfstraße liegen Berge aus Schutt, abgeklopftem Putz, Fliesen, Steinen, Sperrmüll. „Die Leute wollen wieder aufbauen“, sagt der Bürgermeister. „Oder sieht so ein Dorf aus, das aufgegeben hat?“ Das Dorf ist gespalten. Antje Bieligk, die Wirtin vom Fährhaus, will weitermachen. Seit 1806 gebe es einen Fährbetrieb, seit 1860 stehe ein Fährhaus hier. „Nie sind die Menschen weggelaufen. Wir tun es auch nicht.“ Sie ist verärgert wie viele in Gruna. Die ganze Debatte um Umsiedlung schade nur, sagt die blonde Frau. „Wer hilft denn einem Dorf, das von der Hälfte aufgegeben wird?“

Genau gegenüber vom Gasthaus auf der anderen Straßenseite wohnt seit mehr als 30 Jahren Friedhelm Schmidt mit seiner Familie. Der 57-Jährige, seine Frau Marlies, die schwerbehinderte Schwiegermutter, sein 86-jähriger Vater, alle wurden per Hubschrauber ausgeflogen. „Es reicht“, sagt Schmidt. „Wir werden gegen den Fluss nicht ankommen.“ Er hat schon so oft seinen Keller ausräumen müssen, dass er gar nicht mehr weiß, wie oft. „Mein Vater wurde bei Hochwasser geboren“, erzählt er. Schmidt ist ein ruhiger Mann, der nicht zu Hysterie und Panikmache neigt. „Das hat doch keinen Sinn mehr hier“, sagt er. Der alte Hühnerstall hinter ihm hat seit der Flut 2002 einen fingerbreiten Riss im Mauerwerk.

Noch einmal will er das nicht erleben. Er fühlt sich nicht alt, aber er fühlt sich zu alt, um alle drei oder fünf Jahre seine Familie zu retten und sein Haus untergehen zu sehen. „Oben an der Zufahrtsstraße nach Gruna könnte man doch neu anfangen“, sagt er. Hoch genug sei das Gebiet, Platz für alle sei genügend, außerdem sei es öffentlicher Grund und nicht Privatbesitz. „Neu-Gruna“, sagt er, „warum denn nicht.“

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