Isle de Jean Charles. Von der Straße nach Isle de Jean Charles ist nur eine Fahrspur geblieben. Die andere ist vor ein paar Jahren ins Meer gerutscht. Was übrig ist vom schmalen Asphaltstreifen soll links und rechts aufgeschütteter Kies schützen. Doch selbst jetzt kitzeln träge Wellen auf beiden Seiten bedrohlich die Ränder der Straße, die nur Zentimeter aus dem Wasser ragt.
Dabei ist es fast windstill, die Sonne brennt heiß über der kleinen Insel an der Südspitze Louisianas. Bei Montegut, dem letzten Ort auf dem Festland, hat Chris Chaisson mit seinem schwarzen Truck jene hoch aufgeschüttete Deichanlage hinter sich gelassen, die Louisianas Küste künftig vor Jahrhundertstürmen schützen soll. Isle de Jean Charles liegt draußen vor dem Erdwall, den Launen der Natur ausgesetzt, ausgestoßen, ein verwunschener Ort am Ende der Welt.
Fünfmal, erzählt Chris Chaisson, war die kleine Straße, die zur Insel führt, allein im letzten Monat kniehoch geflutet. "Du kamst nicht mehr durch mit dem Auto, die Leute saßen auf der Insel fest." Auch das schmale Eiland versinkt im Meer. "Früher konnte man mit dem Pferd zum Festland reiten, da war hier nur ein schmaler Graben", sagt Chaisson und schiebt die Sonnenbrille in die Stirn. Heute trennt eine ausgreifende Bucht die Insel, mehrere hundert Meter breit, das Werk unzähliger Stürme und der heimtückischen Bodenerosion im Mississippi-Delta.
Die Menschen auf Isle de Jean Charles haben all dem immer wieder getrotzt. In dem kleinen Dorf, einer Ansammlung schäbiger Hütten und Wohnwagen entlang der staubigen Island Road, leben Houma-Indianer. Der kleine Stamm zählt rund 1600 Angehörige. Westlich der Mississippi-Mündung leben sie auf sechs Landkreise verstreut. Vor weißen Siedlern und feindlichen Stämmen waren sie einst ins unzugängliche Flussdelta geflohen.
Angeln werden nicht mehr gebraucht
Rund ein halbes Dutzend Houma-Dörfer gibt es noch. Auf Isle de Jean Charles haben die Häuser längst Strom, von den Dächern ragen rostige Antennen auf. Doch der Stamm lebt wie in alter Zeit noch immer vom Meer. "Die meisten Houma sind Fischer", sagt Chris Chaisson. Der junge Indianer studierte Theologie, wurde später Feuerwehrmann und arbeitet heute für die Stammesverwaltung. Seine Großeltern liegen auf dem kleinen Inselfriedhof begraben, dem das Wasser gefährlich nahe kommt.
Chaissons Onkel Theo, ein freundlicher Mann mit Goldkette und Hufeisenglatze, gehört auf der Insel ein Anlegesteg und ein kleiner Laden. Schon mittags sitzt der Mittfünfziger mit zwei Freunden auf der verwitterten Terrasse über der dritten Dose Budweiser-Bier. "Ich muss bald ins Armenhaus", lacht er und haut mit der Hand auf den Tisch, "ach, was soll´s. Wird schon." Der Kühlschrank ist noch voll. Aber die Geschäfte laufen schlecht.
Angeln und Köder werden nicht mehr gebraucht, seit hier das Fischen verboten ist. Das Öl draußen auf dem Golf von Mexiko bedroht auch das traditionelle Leben der Houma. "Ich kann nicht mehr hinter mein Haus gehen und die Angel ins Wasser werfen", klagt Chris Chaisson. Viele Houma aber, vor allem die Älteren, kennen kein anderes Leben. "Nach jedem Hurrikan ging es weiter. Jetzt ist da dieses große Fragezeichen. Niemand weiß, was werden soll."
Das Öl hat die Insel noch nicht erreicht. "Aber es kommt", sagt Michael Dardar düster, der Vizechief des Stammes. Selbst wenn das Bohrloch jetzt versiegelt werde, treibe einfach zu viel Öl im Meer. Für ihn ist der giftige Teppich draußen im Golf nur das jüngste Unheil, das über sein kleines Volk hereinbricht.
Bettelarme Houma hängen nicht am Subventionstropf
Seit der Mississippi eingedeicht wurde, erreichen die vom mächtigen Strom mitgeführten Sedimente nicht mehr das Delta. Schifffahrtsrouten wurden gebaggert, die Ölindustrie pflügte schnurgerade Kanäle von Bohrinsel zu Bohrinsel durch die Sumpfmarsch. In der Folge rückte das Salzwasser vor, wurde die Erosion beschleunigt. "Schritt für Schritt hat die Industrialisierung Südlouisianas unsere Lebensgrundlage zerstört", sagt Michael Dardar: "Die Ölpest könnte nun der letzte Schlag sein."
Dabei sind die oft bettelarmen Houma stolz, nicht wie andere Indianervölker in unwirtlichen Reservaten ein Leben am Subventionstropf zu fristen. Das Mississippi-Delta bietet noch immer alles, was sie zum Leben brauchen. "Houma-Fischer lieben das freie Leben auf dem Meer", sagt Dardar, "wir sind nicht gewohnt, in strukturierten Jobs zu arbeiten." Der Vizechief, der zugleich Chefhistoriker des Stammes ist, zitiert aus einem alten Buch: "Zu versuchen, die Houma ohne ihr Verhältnis zum Wasser zu verstehen, ist, als wollte man die Existenz des Schattens ohne das Licht begreifen." Das Wasser am Golf aber ist jetzt von der Ölpest bedroht.
Für die Menschen auf Isle de Jean Charles ist das bittere Ironie. Seit Jahren wehren sie sich gegen die Umsiedlung aufs Festland. Immer wieder hat der Landkreis Terrebonne ihre Bitte ausgeschlagen, die versinkende Straße zur Insel höher zu legen. Kein Geld, hieß es. Beim nächsten Wirbelsturm wird das Eiland wieder hüfthoch unter Wasser stehen, wie zuletzt vor zwei Jahren nach Hurrikan Gustav. In 15 Jahren, sagen Schätzungen, könnte Isle de Jean Charles ganz im Meer verschwinden. Der Natur hätten sich die Houma am Ende vielleicht gebeugt. Doch die Petro-Industrie ist ein Feind, den sie aus tiefem Herzen verachten.
Gierig nach Öl
"Als in den 1930er Jahren im Golf von Mexiko Öl gefunden wurde, haben sie unser Land gestohlen", sagt Michael Dardar. Damals lebten die Houma am Rande des Meeres in isolierten Küstensiedlungen weitgehend autonom. "Unser Volk sprach kaum Englisch, fast niemand konnte lesen, sie haben die Leute mit Raubverträgen überrumpelt." Auf dem Lirette Oil and Gas Field, das die Houma beanspruchen, entstand später die damals größte Erdgas-Förderanlage der Welt.
Noch in den 1990er Jahren hätten Ölfirmen Petitionen nach Washington geschickt, damit die Indianerbehörde dort den Stamm nicht offiziell anerkennt. "Wir haben den Antrag 1983 gestellt", erzählt der Vize-Chief, "bis heute warten wir auf Antwort." Würde die United Houma Nation von der Regierung als Urvolk registriert, könnte sie Schutzklauseln einklagen, womöglich auch alte Landrechte.
Bei Chris Chaisson stand kürzlich ein gebeugter Mann im Büro und bat um Hilfe. Netze knüpfen und Garnelen fangen sei alles, was er könne, sagte der alte Indianer. Beides geht nicht mehr, wegen der Ölpest. "Er wusste nicht, was aus ihm werden soll", erzählt Chaisson. Der Mann sei ein Vorbote, der Anfang vom Ende, fürchtet er. "Sie waren gierig nach dem Öl", sagt sein Onkel Theo und meint nicht nur BP. Auf Isle de Jean Charles wird man das nie verstehen.
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