Panorama
Aktuelle Nachrichten aus der Gesellschaft

23. Juli 2011

Hungersnot: Auszug aus dem verfluchten Land

 Von Johannes Dieterich
Die Situation in Somalia ist dramatisch: Eine halbe Million Kinder sind vom Hungertod bedroht. Foto: REUTERS

Zwölf Millionen Somalier sind nach UN-Angaben vom Hungertod bedroht und flüchten in das benachbarte Kenia. Doch auch dort ist die Situation dramatisch. Kinder sind besonders schlimm betroffen. Ein Report aus dem Krisengebiet.

Drucken per Mail
Spendenkonten

Bündnis Entwicklung Hilft:
Konto 51 51,
Bank für Sozialwirtschaft,
BLZ 370 205 00

Diakonie Katastrophenhilfe:
Konto 502 707,
Postbank Stuttgart,
BLZ 600 100 70

Caritas international:
Konto 202, Bank für
Sozialwirtschaft Karlsruhe,
BLZ 660 205 00

Deutsches Rotes Kreuz:
Konto: 41 41 41, Bank
für Sozialwirtschaft
BLZ 370 205 00

Das Schlimmste sollte jetzt vorüber sein. Die weiß gleißende Sonne, deren Hitze den Schädel zum Kochen brachte, ist nun ein warmer gelber Ball, und der Wind, der den Sand in jede Pore, in die Augen und zwischen die Zähne trieb, hat sich beruhigt. Osman Liban Ali und sein Freund Hassan müssen nur noch wenige Kilometer mit ihrem Eselwagen an den am Wegesrand liegenden Kuh- und Ziegen-Kadavern vorbeimarschieren. Dann wird ihr Marsch vorbei sein, der sie elf Tage und Nächte lang fast ununterbrochen auf den Beinen hielt. Morgen früh werden sie sich in die Schlange vor dem Empfangszelt des ostkenianischen Flüchtlingszentrums Dadaab einreihen. Mit Badelatschen an den rissig gelaufenen Füßen, irgendwo zwischen den anderen 1500 somalischen Landsleuten, die sich derzeit Tag für Tag über die Grenze schleppen.

Islamisten behindern Hilfe

Somalia leert sich. Nach Angaben der Vereinten Nationen spielt sich am Horn von Afrika die schlimmste humanitäre Katastrophe der letzten Jahre ab: Erstmals seit der äthiopischen Tragödie vor einem Vierteljahrhundert spricht der Staatenbund offiziell von einer Hungersnot. Zwölf Millionen Menschen sind nach UN-Angaben von dem Desaster betroffen, eine halbe Million Kinder sollen vom Tod durch Verhungern bedroht sein. Im Mittelpunkt der Katastrophe steht dieses Mal das Bürgerkriegsland Somalia, das von der schlimmsten Dürre seit 60 Jahren heimgesucht wird: Drei Jahre lang haben die Kleinbauern Osman und Hassan keinen richtigen Regen mehr erlebt. Schließlich waren sämtliche von Osmans 50 Ziegen und zehn Rindern verendet: Dem 28-Jährigen blieb nichts anderes übrig, als mit seiner Familie zu fliehen.

Dabei haben Hassan und er noch Glück gehabt. Ihre Flucht verlief fast ohne Zwischenfälle: Osmans Frau und seine vier Kinder konnten sogar eine Mitfahrgelegenheit auf einem Lastwagen ergattern. Wenn alles gut geht, wird er sie im Flüchtlingslager wieder finden. Anderen, wird solches Glück nicht zuteil. Salma Mahmod zum Beispiel: Die 30-jährige Witwe, die zusammengesunken in einer Schlange auf ihre Registrierung wartet, verlor auf der Flucht drei ihrer vier Kinder.

Jeden Morgen sammeln Mitarbeiter der „Ärzte ohne Grenzen“ vor dem Empfangszelt im Lager jene Menschen auf, die vor Schwäche nicht mehr auf die Beine kommen. Wieviel Flüchtlinge auf der oft bis zu drei Wochen dauernden Reise Richtung Kenia umgekommen sind, wissen weder die UN noch private Hilfsorganisationen zu sagen. Denn die Landstriche, durch die die Fliehenden ziehen, sind wegen der Präsenz der al Schabab („die Jungs“) genannten radikal-islamistischen Milizionäre für Ausländer tabu.

Leere Dörfer oder gefüllte Friedhöfe

Auch Osman weiß nicht, ob die beiden älteren Frauen, die ihn Tage zuvor erschöpft am Wegrand kauernd um eine Mitfahrgelegenheit anflehten, heute noch am Leben sind: Mitnehmen konnte er sie auf seinem Eselskarren jedenfalls nicht.

Osmans Heimatdorf in der somalischen Juba-Region ist inzwischen vollkommen ausgestorben. Nachdem das Vieh tot, die Ernte vertrocknet und die ersten Nachbarn gestorben waren, habe die große Flucht begonnen, erzählt der Farmer. Auch wenn die „Jungs“ von al-Schabab dies mit massiven Drohungen noch zu verhindern suchten. Die radikalen Islamisten hatten trotz der sich anbahnenden Hungersnot seit zwei Jahren keine Hilfsorganisation mehr ins Land gelassen, aus Furcht, das Volk könne sich zu den westlichen Gönnern hingezogen fühlen. Nur für einige Tage Anfang Juli revidierten die Gotteskämpfer diese Strategie. Grund ist die Sorge bald nur noch über leere Dörfer oder gefüllte Friedhöfe zu herrschen. Gestern kehrte die Miliz wieder zu ihrer ursprünglichen Position zurück. Rebellensprecher Sheik Ali Mohamud Rage sagte, dass die verbotenen Hilfsorganisationen auch weiterhin „nicht willkommen“ seien. „Es gibt eine Dürre in Somalia, aber keine Hungersnot“, so Rage. Die Erklärung der UN sei „zu 100 Prozent falsch“ und „politisch“ motiviert. Der Staatenbund hingegen schätzt, dass in den vergangenen 45 Tagen 11000 Somalier an Hunger gestorben seien.

UN-Flüchtlingswerk ist überfordert

Farmer Osman glaubt, mit der Ankunft in Kenia das Schlimmste hinter sich zu haben. Eine Hoffnung, die er wohl bald revidieren muss. Genau wie Nunay Ali Hassan. Vor 15 Tagen kam der 80-jährige Greis im Lager Dadaab an: Jetzt sitzt er mit Frau, 98-jähriger Mutter und drei Enkeln in einem aus Zweigen und Decken gebauten Wüsten-Iglo – und wartet, bis mitleidige Nachbarn etwas von ihrem Maisbrei mit ihm teilen. Bei ihrer Ankunft erhielt die Familie zwar das obligatorische farbige Armband, doch bis zur offiziellen Registrierung, die auch zum Empfang von Nahrungsmittelhilfe berechtigt, können Wochen vergehen. Denn das UN-Flüchtlingswerk ist mit der Registrierung der Neuankömmlinge vollkommen überfordert, 27.000 Flüchtlinge stehen mittlerweile auf den Wartelisten. Zu viele strömen nach Dadaab, täglich werden die Wartezeiten länger. Dabei ist das Zentrum selbst völlig überfüllt. Schon vegetieren weit mehr Menschen in den Wüsten-Iglos außerhalb der Camps vor sich hin, als in den zu kleinen Städtchen herangewachsenen Quartieren des Zentrums leben. In letzteren suchen Somalier bereits seit mehr als zwei Jahrzehnten Zuflucht vom Chaos in ihrer anarchischen Heimat.

„Bulabakti“ heißt das Areal, in dem Greis Nunay sein Iglo errichtet hat: „Der Platz der Kadaver“. Einst wurden hier die Überreste geschlachteter Tiere hingeworfen. Inzwischen hat der makabre Name einen noch grausigeren Beigeschmack erhalten: In den 15 Tagen, die der 80-Jährige hier mittlerweile vegetiert, sind in der Nachbarschaft bereits vier Menschen verendet. Neben Nunays Iglo ruft ein nackter kleiner Junge, dessen faltiger Po auf akute Mangelernährung hinweist, nach seiner Mutter, im nahegelegenen Hospital musste der Arzt Moses Lagat bereits zum zweiten Mal die Station für mangelernährte Kinder vergrößern. Mehr als 30 schreiende Patienten liegen hier, mehr Skelett als Mensch, alle lebensgefährlich erkrankt, wie auch die zweijährige Tamima, die kaum noch fünf Kilos auf die Waage bringt. Sie kam mit ihrer 34-jährigen Mutter bereits vor einem Monat im Flüchtlingszentrum an. Geholfen hat ihr das bisher nicht.

Womöglich ist die derzeitige Hungersnot eine der bestvorhergesagten Katastrophen dieser Welt. Bereits seit Monaten machten Experten auf die bevorstehende Dürre am Horn von Afrika aufmerksam. Diese ist eine Konsequenz der regelmäßig auftretenden Abkühlung des Pazifiks, des sogenannten La-Niña-Effekts. Zusammen mit dem somalischen Bürgerkrieg versprach die Trockenheit eine katastrophale Mischung abzugeben – und trotzdem blieben vorbeugende Maßnahmen, die die Wucht der Krise hätten mindern können, aus. „Keiner zahlt für eine nur angekündigte Katastrophe“, bringt Johann van der Kamp von der Deutschen Welthungerhilfe den Zynismus auf den Punkt. „Das Desaster muss schon perfekt ist, damit die Regierungen in die Tasche greifen.“ Für Zigtausende kommt das zu spät.

Kaum Unterstützung aus Berlin

Allerdings scheint die Hilfsbereitschaft nicht einmal nach Beginn der jetzigen Katastrophe auf Touren zu kommen. Nach Auffassung der Vereinten Nation wären über eine Milliarde Dollar nötig, um der Not wirksam begegnen zu können. Doch bislang haben sich die Regierungen der Industrienationen lediglich zur Zahlung von 200 Millionen Dollar verpflichtet. Als besonders sparsam stellt sich die Bundesregierung in Berlin heraus: Sie hat bislang gerade mal 8,5 Millionen Euro zugesagt. Staatliche Hochverschuldung im Euro-Raum und andere Folgen der Weltwirtschaftskrise hätten die Freizügigkeit in den Geberländern stark eingeschränkt, klagt van der Kamp: „Und dabei wird sich die Lage am Horn von Afrika in den kommenden Monaten noch rapide verschlechtern.“

Unter den privaten Hilfsorganisationen ist die von Medienberichten angefeuerte Maschinerie schon besser angelaufen, was der Wirksamkeit der Hilfsprogramme allerdings nicht unbedingt zu Gute kommt. Derzeit strömen Wohlfahrtsexperten ins Epizentrum der Katastrophe nach Dadaab, um sich einen Anteil an den publikumswirksamen guten Werken zu sichern, während bereits anwesende Wohltäter die neue Konkurrenz aus dem Feld zu schlagen suchen. Wer wie das mächtige US-Hilfswerk Care einen Langzeitvertrag mit dem Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen zur Nahrungsverteilung abgeschlossen hat, will jetzt die Früchte seiner Monopolstellung ernten: Medienpräsenz und damit mehr Spenden. Die Effizienz muss da hintenanstehen.

Noch verheerender wirken sich politische Verwicklungen im kenianischen Gastland aus. Die letzten Kilometer legen viele Hungerflüchtling nämlich entlang eines riesigen Areals zurück, das bereits seit Monaten mit Wasser- und Stromversorgung, Lagerräumen und sogar Schulgebäuden als Flüchtlingslager bezugsfertig ist. Dessen Eröffnung kündigte Kenias Premier bereits vor einer Woche an – doch sein Sicherheitsminister, der einer anderen Partei angehört, fiel dem Regierungschef in den Rücken. Was in der kenianischen Zwangskoalition der beiden verfeindeten Parteien vor sich geht, wissen selbst politische Beobachter nicht so genau zu sagen.

Dem Farmer Osman Liban ist es egal. Der 28-Jährige hofft nur, dass er zumindest seine Frau und seine Kinder wohlbehalten wieder findet. Eine Hoffnung, die angesichts der Zustände im Flüchtlingszentrum von Dadaab wohl trügerisch ist.

Zur Homepage

Jetzt kommentieren

Ressort

Aktuelle Nachrichten aus der Gesellschaft.

Kalenderblatt 2014: 22. Oktober

Das aktuelle Kalenderblatt für den 22. Oktober 2014: Mehr...

Videonachrichten Panorama
Fotostrecke
Costa Concordia

Das Wrack der Costa Concordia fasziniert - möglicherweise wegen des starken Kontrasts, der ihm innewohnt. Hier der verbogene und angerostete Teil, der eineinhalb Jahre unter Wasser lag. Dort jene farbenfrohen Flächen, die den Eindruck vermitteln, es sei nichts passiert. Wir haben einige Motive im Großformat zusammengestellt: Zur Premium-Galerie.

Videonachrichten Leute
Fotostrecke
Hunde-Dusche: Ein Labrador-Golden-Retriever-Mischling bekommt in Deutschlands erstem Hundewaschsalon in Duisburg eine Dusche.

Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.