Missfällt ihm etwas, schweigt dieses Sängers Höflichkeit nicht. Ritchie Blackmore, den früheren Gitarristen und Spiritus Rektor von Deep Purple, nannte er mal einen „intellektuellen Zwerg“. Vielleicht war dies auch ein Ausdruck davon, wie sehr Ian Gillan das Zerwürfnis mit dem anderen Superstar der legendären Hardrockband verletzt hat. Mehr als 20 Jahre ist das her, und eigentlich galt Gillan schon damals, als noch eine geföhnte Mähne sein rundes Gesicht einrahmte, als ausgesucht höflicher Zeitgenosse.
Längst trägt er die grauen Haare kurz, sein Gesicht ist schmal geworden, seine Sprechstimme vom Alkohol tief und rau, seine Singstimme bluesig. Und doch wird der Mann, den nicht nur eingefleischte Fans zu den besten Rocksängern aller Zeiten zählen, auch heute noch für seine höchsten Töne bewundert. Und für seine kritischen Töne zu Politik und Gesellschaft geschätzt. Er liest viel: Philosophie, Religion, Geschichte. Und er neigt zu Grübelei und Schwermut. „Die Welt treibt mich um“, sagt er. Nur gut, dass er nicht schweigt.
Ian Gillan, 1945 im englischen Hounslow geboren, wurde 1969 erstmals Sänger von Deep Purple, die 1968 gegründet worden waren. Mit Gillan und seinen Songs wie "Smoke On The Water" erreichte die Band Weltruhm. 1973 verließ er die Band, nahm Solo-LPs auf, sang bei Black Sabbath. 1984 war er bei der Reunion von Deep Purple dabei, 1989 verließ er die Band erneut im Streit mit Gitarrist Ritchie Blackmore. Seit 1992 singt Gillan wieder bei Deep Purple.
David Coverdale, 1951 im britischen Saltburn geboren, wurde 1973 Gillans Nachfolger. Er spielte mit Purple drei Alben ein, bis sich die Band 1976 auflöste. Nach zwei Solo-LPs gründete er 1978 Whitesnake, deren unumstrittener Bandleader er bis heute ist. Die Alben "Slide It In" (1984) und "1987" waren große kommerzielle Erfolge. Nach elf Jahren Pause erschien jetzt das elfte Album "Good to Be Bad".
Für die Jäger und Sammler wurden in den letzten Jahren alle wichtigen Purple-CDs neu abgemischt und zum 25- oder 30-jährigen Bestehen der Original-Alben mit üppigem Booklet und teils unveröffentlichten Songs wiederveröffentlicht: Wiederhören lohnt sich mit "In Rock", "Fireball", "Machine Head", "Who Do We Think We Are" und "Burn" (alle EMI).
Mr. Gillan, was finden Sie bloß an Russlands Präsident Medwedew, für den Sie sogar schon mal ein Privatkonzert im Kreml gegeben haben?
Er ist sympathisch. Er hat Humor, ist gebildet, intelligent. Aber um das deutlich zu sagen: Wir geben keine Privatkonzerte im Kreml. Wir haben dort ein bisschen gespielt anlässlich eines Abendessens, zu dem uns der Präsident eingeladen hat. Mehr war da nicht.
Die Fotos, die bei diesem Treffen gemacht worden sind, suggerieren eine kumpelhafte Vertrautheit.
Sie übertreiben. Es ist in Russland doch allgemein bekannt, dass Medwedew Deep-Purple-Fan ist. Er hat uns erzählt, wie er als Jugendlicher in der Sowjetunion unsere Musik quasi über den Zaun geschmuggelt hat, zu einer Zeit wohlgemerkt, als wir strengstens verboten waren. Er hat etwas riskiert für seine Leidenschaft, das imponiert mir.
Im Westen halten viele Medwedew für eine Marionette Putins und sehen sich nun, da Putin sich das Amt des Präsidenten zurückholen will, bestätigt.
Ach, wissen Sie: Wäre Medwedew ein Diktator, würden wir uns von ihm nicht einladen lassen. Medwedew ist kein Diktator, das steht außer Frage. Das ist das Entscheidende.
Haben Sie mit ihm auch über Politik gesprochen?
Über die Entwicklung in Russland, die ich sehr positiv sehe. In den Städten ist erkennbar, dass es den Menschen besser geht als noch vor zehn Jahren. Man spürt die Zuversicht, obwohl Russland noch einen schwierigen Weg bis zu einer Demokratie nach westlichen Maßstäben vor sich hat.
OSZE-Beobachter nannten die jüngsten Parlamentswahlen Anfang Dezember weder frei noch fair, in Russland gingen Zehntausende auf die Straßen, um gegen die Wahl-Fälschungen zu demonstrieren. Kennen Sie sich aus mit russischer Politik?
Zu wenig, um mir ein fundiertes Urteil erlauben zu können.
Nützt ein Künstler einem Politiker automatisch, wenn er dessen Nähe sucht?
Es kommt ganz darauf an, wie sich der Künstler verhält. Ich glaube jedenfalls nicht, dass ein Russe, der Medwedews Politik ablehnt und das begründen kann, seine Meinung nur ändert, weil wir da zu Abend essen.
#umbr
Warum schmücken sich Politiker so gerne mit den Superstars aus Pop und Film? Clinton, Blair, Obama?
Weil manche Musiker im Gegenzug auch bereit sind, eindeutig Partei zu ergreifen. Das mache ich nicht, schon gar nicht in Russland.
Viele Ihrer britischen Kollegen bedauern heute, dass sie in den Neunzigerjahren für Tony Blair getrommelt haben.
Das würde ich auch bedauern.
Ach was. Sie haben kein bisschen getrommelt?
Ich war nie ein Anhänger Blairs. Er personifiziert diesen prinzipienlosen, opportunistischen Politikstil, den wir heute allenthalben beklagen. Wie die Popstars ihn glorifiziert haben, das grenzte an Propaganda.
Und bei Obama?
Der ist mir sympathischer. Ändert aber nichts an der Tatsache, dass Personenkult einer Demokratie nicht gut tut. Blair ist so selbstverliebt, der schämt sich bis heute nicht dafür, dass er uns vor dem Irak-Krieg belogen hat.
In einem Interview vom Sommer sind Sie mit der Europäischen Union hart ins Gericht gegangen. Sie klangen extrem pessimistisch.
Obwohl ich eigentlich Optimist bin. Was ich selbst in der Hand habe, werde ich schon hinkriegen. Über unsere Gesellschaft allerdings mache ich mir in der Tat große Sorgen. Ich bin Vater und Großvater. Wenn ich daran denke, wie viele Schulden wir den Generationen nach uns aufbürden, packt mich die Wut.
Sie sprachen von der Demokratiekrise. Respekt. Jetzt debattiert ganz Europa darüber.
Viel zu spät.
Wofür?
Ich sage Ihnen was, Sohn …
… vom Alter her kommt’s hin …
… bereits Ihre Generation wird vor der Aufgabe stehen, eine instabile Gesellschaft vor dem Zusammenbruch zu bewahren. Nichts von dem, worauf sich meine Generation noch verlassen konnte, ist mehr sicher. Die Griechenland-Krise und bald die Portugal-Krise und so weiter offenbaren nur endgültig, wie schwach die Politik geworden ist.
Sie haben gut reden. Finden Sie mal den Königsweg aus solch einem Schlamassel.
Ich nörgle nicht über Fehler und Irrtümer, die unterlaufen in schwierigen Situationen jedem. Mich treibt um, wie es dazu gekommen ist, wie blind die Regierungen der EU jahrelang waren, wie ignorant. Und jetzt erweisen sie sich als völlig hilflos, ratlos, ziellos. Wie ich glauben viele Bürger nicht mehr an die Politik, an den Staat. Denn wenn es tatsächlich so ist, dass unsere Regierungen nur noch reagieren und nicht mehr agieren können und auch den Oppositionen nichts einfällt, wenn sie wirklich alle machtlos sind, zum Beispiel gegenüber dem Finanzkapital, ist unsere Demokratie am Ende. Das ist doch die logische Schlussfolgerung, oder? Und genauso konsequent kommt dann eins zum anderen: Wenn alles den Bach runtergeht, breitet sich Chaos aus. Die Krawalle, die wir im Sommer in England erlebt haben, waren vielleicht nur die Vorboten. Es geht eine Angst um, eine Unsicherheit, wie ich sie noch nie erlebt habe.
#umbr
Haben Sie Verständnis für junge Menschen, die den Frust über ihre Dauermisere mit Gewalt kompensieren?
Nein. Diese Gewalt war auch nicht politisch motiviert, allenfalls indirekt, eben als Sinnbild der Demokratiekrise. Wir haben soziale Ungleichheit in England wie zu jeder anderen Zeit und in jedem anderen Land auch. Nun haben wir aus der Finanz- und Bankenkrise gelernt, dass da ziemlich viele mit undurchschaubaren und nicht eben produktiven Geldtransaktionen in einem Jahr so viel verdient haben wie ein produzierender Arbeiter in 20 Jahren. Das ist absurd, und man mag es ungerecht nennen. Aber in England, in Deutschland, in Frankreich muss niemand wirklich hungern. Wir leben nicht mehr im 19. Jahrhundert. Unser Sozialsystem sorgt noch für das Mindeste, und das ist nicht wenig. Ich sage: noch. Denn diese Hooligans, die da im Sommer um sich geschlagen haben, haben noch nie ernsthaft versucht, ihren Lebensunterhalt selbst zu bestreiten, einen Beitrag für die Allgemeinheit zu leisten. Und nun verbreiten sie obendrein Angst und Schrecken in ihren eigenen Straßen – unter Menschen, die trotz größter Anstrengungen keinen Erfolg haben und ihre Familien mit Sozialhilfe oder gering bezahlten Jobs über Wasser halten müssen. Deren Autos wurden angezündet, deren Geschäfte wurden geplündert. Ein BBC-Team hat gefilmt, wie einem am Boden liegenden Schwerverletzten die Geldbörse geklaut wurde – von einem Mann, der so getan hat, als helfe er. Solchen Typen mangelt es noch mehr an Solidarität und Empathie als diesen neureichen Finanzmenschen.
Haben Sie Erklärungen dafür?
Die üblichen: Perspektivlosigkeit, Trostlosigkeit, Abgestumpftheit, das Gefühl von Sinnlosigkeit. Keine Werte. Woher sollen sie die auch haben? Wenn Sie denen sagen, dass jeder Einzelne zählt, lachen die Sie aus. Es fehlen Vorbilder.
Wer waren Ihre Vorbilder?
Ich habe am Beispiel meiner Eltern gelernt, was Demokratie ausmacht, was gute Demokraten auszeichnet. Mein Vater war ein glühender Anhänger der Labour-Partei, ein Paradelinker. Meine Mutter war eine ebenso glühende Anhängerin der Tories, durch und durch konservativ. Meine Eltern diskutierten leidenschaftlich, aber immer sachlich. Das Vertrauen, dass der andere auch nur das Beste für das Land, für die Menschen wollte, war unerschütterlich. Die Balance der Kräfte, Kapitalismus versus Sozialismus, Unternehmer versus Gewerkschaften, wurde nie in Frage gestellt und deshalb der politische Kontrahent respektiert. An diese Spielregeln hielt man sich, weil sie Sinn ergaben, weil sie den sozialen Frieden sicherstellten.
Sie trauern dem alten englischen Zweiklassensystem nach?
Man wusste, wo man hingehört, man hatte eine politische Identität.
An diesem Punkt einer Diskussion heißt es oft, dass wir mit dem Zusammenbruch des Ostblocks das notwendige Gegengewicht verloren haben.
In England zog schon vorher, in den frühen Achtzigerjahren, ein schlechter Stil ein. Auf einmal wurde der politische Gegenpol wie ein Feind bekämpft.
Margaret Thatcher und ihr radikalkapitalistischer Kurs gegen den Wohlfahrtsstaat sind die Ursache allen Übels?
Sie hat den Konsens aufgekündigt, radikal. Und die Gewerkschaften, allen voran die der Bergarbeiter, haben sich radikal gewehrt. Die Kräfte sind aufeinandergeprallt, buchstäblich mit aller Gewalt. Es war ein Kampf um Vorherrschaft, martialisch anmutend, einer Demokratie unwürdig. Am Ende dieser verheerenden Entwicklung war das Feld bestellt für einen selbsternannten Heilsbringer wie Blair. Es gibt aber noch eine Ursache für die Demokratiekrise: In England waren jahrhundertelang Rechtssicherheit und Ordnung die Grundpfeiler für Freiheit und Gemeinwohl, wobei die Regeln für die öffentliche Ordnung überschaubar waren. Der Staat hatte eine Art Grundvertrauen in die Bürger und umgekehrt. Heute gängeln uns endlose Verordnungen und Auflagen. Das haben wir der Europäischen Union zu verdanken, die hat diesen zwanghaften Bürokratismus kultiviert – sarkastisch könnte man hinzufügen: zum Nutzen der Politiker. Wenn keiner mehr durchblickt, muss auch keiner die Verantwortung übernehmen.
Fühlen Sie sich gegängelt?
Sie glauben ja nicht, wie viele Genehmigungen auf zig Ämtern man einholen muss für ein kleines Benefizkonzert – und sei es auf englischem Privatbesitz. Da kann selbst ein Dorfbürgermeister mal zeigen, welche Macht er noch hat.
Sie liefern mir das Stichwort, Mr. Gillan. Mit Ihrer Wohltätigkeitsband WhoCares, für die Sie berühmte Mitstreiter gewinnen …
… berühmte Mitstreiter – wie das klingt! Ich frage Kollegen, ob Sie mich unterstützen, und die sagen: Prima Sache. Das kostet mich ein paar Anrufe.
#umbr
Eigentlich wollte ich Sie ja fragen, ob es mittlerweile nicht an der Zeit wäre, Benefizkonzerte für die Armen im eigenen Land zu organisieren?
Sie wissen doch, wofür ich mich engagiere, oder?
Hauptsächlich für eine Musikschule in Armenien.
Seit Anfang der Neunzigerjahre. Damals hatte ein schweres Erdbeben das Land erschüttert, in manchen Städten war die Infrastruktur völlig zerstört. Deshalb finde ich, dass wir im Westen viel zu schnell von Armut sprechen. Weil ich erlebe, welchen Widrigkeiten die Menschen in Ländern wie Armenien trotzen, fehlt mir für das Wehklagen bei uns das Verständnis.
Sie sind hart.
Ich sage nur, dass bei uns niemand, der noch einen Funken Selbstachtung hat, ins Elend stürzt.
Kann es sein, dass Sie mehr von der Armut in Armenien mitkriegen als von der in England?
Ich bin sehr gut über die englischen Verhältnisse informiert
Woher rührt Ihre Affinität zu früheren Sowjetrepubliken wie Armenien und Russland?
Das Engagement in Armenien hat sich spontan ergeben, in gewisser Weise auch als symbolischer Akt. Der Bürgermeister von Gjumri erzählte mir damals am Rande eines Konzerts, dass es in der Stadt keine Musik und keinen Gesang mehr gebe, dass sogar die Vögel verstummt seien nach dem Beben. Und dies in einem Land mit einer reichen Musiktradition. Das hat mich sehr bewegt. So entstand die Idee, sich am Wiederaufbau einer Musikschule zu beteiligen.
Ist der Mythos Deep Purple im Osten noch lebendig?
Deep Purple und andere Bands waren wie ein Riss im Eisernen Vorhang. Was für uns seinerzeit ein Kulturaustausch war, war für die Menschen ein Wink der Freiheit. Dass Rockmusik dort mehr ist als ein privates Lebensgefühl, spürt man bis heute.
Im Januar touren Sie zum wiederholten Male mit einem Symphonieorchester durch Deutschland. Ist das die Variante für die saturierten Altrocker im Westen?
Den Leuten gefällt es, ganz einfach. Und mir macht es Spaß, mit diesen fantastischen Musikern zu spielen. Mich überrascht immer wieder, welche neuen Klangfarben die unseren Stücken verleihen.
Ich habe neulich erfahren, dass Sie vor solchen Tourneen mit den Orchestern gar nicht intensiv proben. Stimmt das?
Das kommt vor, macht aber nichts. Für die Symphoniker ist unsere Musik kein Teufelswerk. Und ich weiß nach 40 Jahren ohnehin im Schlaf, wann ich dran bin.
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