Im Münsterland, zwischen Bundesstraße 54 und Autobahn 1, liegt ein Stück Paradies. An der geschotterten Einfahrt zum Hofgelände stehen zwei Esel im Schatten alter Bäume und kauen Heu. In der Morgensonne vor dem Bauernhaus mit der braunroten Klinkerfassade dösen drei Hunde auf dem warmen Pflaster. Neben der Scheune mit dem blitzenden Solardach wühlen Schweine im Matsch. Weiter hinten blinken bunte Gemüsebeete, und wer den Blick noch weiter schweifen lässt, sieht auf der anderen Seite des kleinen Flusses die Schafe auf der Weide grasen.
„Diese Vielfalt ist ein Privileg. Sie ist nur möglich durch die CSA“, sagt Kenneth Stange. Der 40-jährige Landwirt mit dem sonnengegerbten Gesicht und dem löchrigen Baumwollpullover hat nicht viel Zeit, besonders heute nicht. Auch das liegt an der CSA. Morgen ist Abholtag.
CSA, das bedeutet ausgeschrieben Community Supported Agriculture. Es beschreibt ein Wirtschaftsmodell, das Bauern in Japan und Nordamerika entwickelt haben, um dem wachsenden Preisdruck und der Zentralisierung in der Agrarindustrie zu entkommen. CSA-Bauern produzieren nicht für den freien Markt, sondern für einen festen Kreis von Verbrauchern. Diese sind wie in einem Club Mitglieder der CSA und verpflichten sich ein Jahr im Voraus, den Betrieb jeden Monat mit einem festgelegten Betrag zu unterstützen. Dafür bekommen sie Gemüse, Obst, Eier, Fleisch, Milchprodukte, Brot. Frische Lebensmittel im Abo sozusagen.
Jede Woche werden die Produkte des Hofes „Entrup 119“ unter den Mitgliedern aufgeteilt. Die kommen aus dem Umland – Altenberge, Münster, Billerbeck – auf den Hof gefahren und laden die Kofferräume ihrer Autos voll. Manche nutzen die kleinen Abholdepots des Hofes in Altenberge und Münster.
Seit vier Jahren wirtschaftet der Hof als CSA. Anfangs hatte die Verbrauchergemeinschaft rund 35 Mitglieder. Den Großteil ihrer Lebensmittel verkauften Stange, seine Frau Susanna Lindeke und das andere Bauern-Ehepaar, mit dem sie den Hof betreiben, auf Wochenmärkten in der Nähe. Heute gehören 125 Menschen zur CSA und nehmen gut 70 Prozent der Lebensmittel des Bio-Hofes ab. Der Rest geht an Wochenmärkte und in den Hofladen.
„Lukas, du müsstest dich noch mal um die Radieschen kümmern, die brauchen Wasser“, ruft Stange einem jungen Mann zu, der vor dem Stall die Pferde abbürstet. Der Lehrling legt die Bürste beiseite und trottet in seinen grünen Plastikpantinen in Richtung Gemüseacker.
Mehr als 40 Gemüsesorten wachsen auf den Feldern des 30 Hektar kleinen Betriebs. „Das würde sich für einen konventionellen Bauern niemals rechnen“, sagt Stange. Die meisten Landwirte spezialisieren sich auf eine oder zwei Gemüsesorten, die sie in großen Mengen anbauen. Auf dem Entrup-Hof wachsen Salatköpfe neben Spinat, Schnittlauch neben Fenchel, Tomaten neben Rucola. Es wird von Hand gesät und gepflückt, statt der gewaltigen Pflugmaschinen, die auf konventionellen Äckern zum Einsatz kommen, gräbt auf den CSA-Feldern ein alter Pferdepflug die Erde um. Das schont den Boden.
„Durch die CSA können wir Landwirtschaft nachhaltig betreiben, im Einklang mit der Natur“, sagt Bäuerin Susanna Lindeke. Die 33-Jährige und ihr Mann haben sich vor zehn Jahren an der Uni kennen gelernt, am Institut für ökologische Agrarwissenschaft in Witzenhausen. Beiden war klar, dass sie als Bauern einen Kontrapunkt setzen wollten gegen all das, was aus ihrer Sicht schief läuft in der Landwirtschaft. Gegen die gigantischen Anlagen zur Hühner- und Schweinemast, in denen allein im Münsterland, in unmittelbarer Nähe des Entruper Hofes, Millionen Tiere ihrem Ende als Billig-Fleisch entgegendämmern. Gegen Gensaat und Monokulturen, die den Artenreichtum und die Böden zerstören.
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