Ein Angepasster oder sich Anpassender war er nie – Ulf Merbold, der erste Astronaut der alten Bundesrepublik, der heute 70 Jahre alt wird. Im thüringischen Greiz in der damaligen DDR geboren, war er in der dortigen Neubauer-Oberschule der einzige Abiturient seines Jahrganges, der nicht in die SED-Nachwuchsorganisation FDJ (Freie deutschen Jugend) eintrat.
Das war auch der Grund, weshalb er trotz guter Noten nicht zum Physik-Studium zugelassen wurde. So ging er damals – kurz vor dem Bau der Mauer – schweren Herzens erst in den West-Sektor Berlins und später nach Stuttgart, wo er auch promovierte.
Das Weltraum-Piepsen von Sputnik-1, dem ersten aller künstlichen Erdsatelliten, vernahm Merbold am 4. Oktober 1957 noch als Schüler. Dass der ersten russischen Weltraum-Kapsel bald Menschen ins All folgen würden, hielt er seinerzeit für „unmöglich“. Dass er selbst einmal zu diesen Raumfahrt-Pionieren gehören würde, konnte er sich erst recht nicht vorstellen. „Mich beschäftigten damals die politischen Entwicklungen und Erschütterungen viel mehr“, räumt er heute ein, „wie etwa der Aufstand in Ungarn und seine gewaltsame Unterdrückung durch den Einmarsch der Russen.“
Ulf Dietrich Merbold, am 20. Juni 1941im thüringischen Greiz geboren, siedelte 1960 vor dem Mauerbau nach West-Berlin über und lebt heute in Stuttgart.
Als erster ausländischer Astronaut durfte er 1983 an einer NASA-Mission, an Bord des Shuttles „Columbia“, teilnehmen. 1994 brach er zu seinem dritten und letzten Flug ins All zur russischen Raumstation MIR auf, wo er einen Monat lang arbeitete.
Im Januar 1995 wurde Merbold Chef der Astronautenabteilung des Europäischen Astronautenzentrums (ESA) in Köln. 2004 wurde er pensioniert, ist aber noch als Berater für die ESA tätig. FR
Auch später folgte Merbold seiner eigenen, speziellen Lebens-Philosophie. „Man muss ab und zu mal stehen bleiben“, meint er, „sich in aller Ruhe umsehen und überlegen, wo man eigentlich ist, ob man da eigentlich hin wollte, oder ob sich nicht noch andere, einem selbst mehr entsprechende Perspektiven oder Lebensmöglichkeiten abzeichnen.“
Mit 35 hat sich Merbold dann noch einmal für einen Perspektivwechsel entschieden. Er war damals seit Jahren erfolgreicher Wissenschaftler am Max–Planck-Institut für Metallforschung in Stuttgart, die Arbeit machte ihm Spaß, er war glücklich verheiratet, hatte eine Tochter, gute Freunde, Zeit für seine Hobbys Segelfliegen, die geliebte Musik und das Kultur-Angebot Stuttgarts. Und dennoch fragte er sich: „Soll ich meine Arbeit am Max-Planck-Institut bis zu meiner Pensionierung fortsetzen oder vielleicht doch lieber wissenschaftlich noch mal etwas ganz Neues anfangen?“
Als er im April 1977 die Zeitung aufschlug, las er eine Annonce der „Deutschen Forschungs- und Versuchs-Anstalt für Luft- und Raumfahrt“ (DFVLR) – heute: Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt“ (DLR). Man suchte „Deutsche Wissenschaftler für die Arbeit in der Schwerelosigkeit“. Merbold meldete sich – und die folgenden 35 Jahre seines Lebens beherrschte seither die Raumfahrt.
Spott über „trainierte Affen“
Künftig reihte sich Erfolg an Erfolg. 1983 startete er als erster Ausländer in einem US-Raumtransporter, um im dort mitgeführten europäischen Raumlabor Spacelab mehr als 70 Experimente auszuführen und zu überwachen. Die beteiligten Wissenschaftler, also die am Boden gebliebenen Väter dieser Versuchs-Anordnungen, waren später über Merbolds Leistungen regelrecht begeistert.
Dass Deutsche mit Amerikanern ins All fliegen, ist heute keine spektakuläre Nachricht mehr. Damals jedoch gab sich die Nasa noch außerordentlich hochnäsig. Die Raumfähren Challenger und Columbus waren noch nicht abgestürzt, die europäischen Newcomer sahen sich mit einiger Herablassung behandelt. Bisweilen fiel sogar das Spottwort, die mitfliegenden Wissenschaftler seien doch nur so etwas wie „trained monkeys“, trainierte Affen. Merbold musste damals einige Widerstände überwinden – was ihm jedoch dank seiner Leistungen und seines Auftretens gelang.
1992 startete er erneut für eine Woche ins All mit dem amerikanischen Raumtransporter Discovery. 1994 folgte ein einmonatiger Aufenthalt auf der russischen Raumstation Mir. Anschließend, 1995, übernahm Merbold die Leitung der Astronauten-Abteilung des Europäischen Astronauten-Zentrums in Köln. Inzwischen gilt Merbold zusammen mit dem ersten aller deutschen Raumflieger, Sigmund Jähn – ebenfalls aus Thüringen – längst als Ikone der deutschen Raumfahrt.
Nicht nur Zuckerschlecken
Anders als manche seiner Kollegen hält er direkten wissenschaftlichen Nutzen der bemannten Raumfahrt für „möglicherweise gering“, wie er es in der ihm eigenen trockenen Weise formuliert. Es sei eher eine kulturelle Aufgabe, in den Weltraum vorzustoßen. So könne ein Flug zum Mars, den Merbold ausdrücklich begrüßt, durchaus „neue Anregungen und Anstöße für die Erde geben“.
Der Jubilar selbst – obwohl noch voll weltraumtauglich – würde bei so einem Langzeit-Flug nicht mit an Bord gehen. „Die Erde ist viel zu schön, um so lange wegzubleiben“, räumt er ein und gibt zu, dass sein Astronauten-Leben keineswegs nur ein Zuckerschlecken gewesen sei. „Wenn man das mit einem Tier veranstaltet hätte, was die Mediziner im Laufe der Jahre mit mir praktiziert haben“, sagt er, „dann hätte jeder Tierschutzverein sofort flammenden Protest eingelegt.“
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