Fakt eins: Sie ist schön. Fakt zwei: Sie weiß das, und – Fakt drei: Sie zelebriert es. Von Gwen Bou Jaoude gibt es mehr als 770 Fotos auf ihrem Facebook-Profil; Gwen im Bikini auf einer Jacht, Gwen im roten Abendkleid bei einer Gala, Gwen lächelnd, schwarze Locken fallen ihr ins Gesicht.
Die 27-jährige Libanesin ist wie viele ihrer Landsleute ständig darauf bedacht, gut in Szene gesetzt zu sein. Schönheit ist im Libanon ein Statussymbol, die öffentliche Aufmerksamkeit eine wichtige Währung. Gwen Bou Jaoude ist eine Diva – aber eine Self-Made-Diva. Ihre Schönheit ist echt, ihr Selbstbewusstsein antrainiert, Liftings und Schönheitsoperationen hat sie nicht nötig.
„Die Massenproduktion von Modelgesichtern muss aufhören“, sagt sie, Schönheit sei individuell und nicht mit dem Skalpell zu erreichen. Gwen Bou Jaoude hat daher eine Organisation gegen den Schönheitswahn gegründet: „ANAdiva“, arabisch für „Ich bin eine Diva“. „Im Libanon geht man mittlerweile zum Schönheitschirurgen wie zum Coffeeshop“, sagt Jaoude – ein Verein, der genau das bekämpft, sei daher „dringend nötig“.
ANAdiva kritisiert nicht die Operationen an sich, sondern ihren Missbrauch. 1,5 Millionen Schönheitsoperationen und gut zehn Millionen Liftings gebe es jährlich im Land – bei gerade einmal vier Millionen Einwohnern. „Der Konsum ist erschreckend“, sagt Jaoude. Ihre Kampagne ANAdiva zielt daher auf Vorbeugung: mit Straßenaktionen, Schulbesuchen, einem Online-Auftritt versucht Jaoude über ein falsches Schönheitsbild aufzuklären und für mehr Ruhe im Operationssaal zu sorgen.
Was alles schief läuft, hat sie auf ihrer Homepage gesammelt. Gleich die Startseite listet Jaoudes Fakten auf. „Fakt 1: Die Medien haben drastischen Einfluss auf Frauen. Fakt 2: Die Globalisierung hat Auswirkungen auf unsere Gesellschaft. Fakt 3: Plastische Chirurgie und Injektionen verändern unsere Identität. Fakt 4: Körperliche Unzufriedenheit ist ein versteckter Exportschlager des Westens.“ Die 27-Jährige sieht auf jedem Hochglanzcover der Illustrierten „gestylte Stereotypen“, denen die Frauen nacheiferten. Und in ihren Augen verliert der Libanon seine Identität: „Wir legen uns unters Messer, um wie Heidi Klum auszusehen – wo bleibt da unsere arabische Herkunft?“
Gwen Bou Jaoude, 27, wuchs in Beirut im Libanon auf. Dort machte sie ihren Bachelor in Betriebswirtschaft und jobbte einige Jahre. 2008 ging Jaoude nach London zum Masterstudium. In London entdeckte sie im Zuge einer wissenschaftlichen Arbeit auch der Libanesen Neigung zur kosmetischen Chirurgie.
Seit Juli 2009 führt Gwen Bou Jaoude die ANAdiva-Kampagne gegen Schönheitsoperationen.
www.anadiva.com
Der sogenannte European Look ist Trend im Orient: bleiche Haut, blondierte Haare, dazu eine geglättete Nase und eine neue Oberweite. Neben den Libanesen springen vor allem Frauen aus dem Iran und den Golfstaaten auf die kosmetische Ummodellierung an. Jaoude hatte ihre erste Begegnung mit diesem europäischen Look vor Ort – in Europa. Beim Studium in London befasste sie sich mit einer Studie zu den Schönheitswünschen der libanesischen Frauen. „Das war kein Schönheitswunsch“, sagt sie, „das war Schönheitswahn.“ Dann erzählt sie von Botox-Spritzen für 21-Jährige – zur Faltenvorbeugung – und von Ehefrauen, die ihre Männer optisch anpassen wollten. Ja, richtig verstanden: Die Frau schickt den Mann zur Beauty-Behandlung.
ANAdiva soll all diese Frauen erreichen – und bestenfalls auch zum Denken anregen. Seit einem Jahr arbeitet die Organisation inzwischen. In Beirut machte ANAdiva vor allem durch Straßenkunst auf sich aufmerksam. Jaoude stellte Plastik-Barbies in den hippen Ausgehvierteln der libanesischen Hauptstadt auf und organisierte Foto-Inszenierungen für Jedermann. Die Aktionen sollen die Frauen ihre „eigene Schönheit erkennen“ lassen, sagt Jaoude. Wenn sich auch nur eine von ihnen am nächsten Tag die Frage stelle: „Brauche ich tatsächlich eine Nasen-OP?“, sagt die ANAdiva-Chefin, dann sei sie „schon glücklich“.
Um Erfolg zu haben, sammelt sie Mitstreiter aus Kunst und Kultur, angeblich auch aus den Krankenhäusern. Viele Chirurgen unterstützten ANAdiva, behauptet Jaoude, führt das auf Nachfrage aber nicht weiter aus. Was soll ein Chirurg auch halten von einem Verein, der ihm die Kundschaft abtrünnig machen will. Gwen Bou Jaoude kämpft mit ANAdiva schließlich gegen ein libanesisches Hobby.
Lokale Banken vergeben Spezial-Kredite für chirurgische Eingriffe, „aber manch einer würde sogar sein Auto verkaufen, um sich unters Messer zu legen“, empört sich Jaoude. Ebenso fördert der Staat Schönheitsoperationen. In Image-Kampagnen bietet das Tourismusministerium den Libanon als Reise- und Kosmetikland an; Fettabsaugung mit anschließendem Strandurlaub. Außer der arabischen Kundschaft kommen daher auch immer mehr Amerikaner und Europäer in die Schönheitskliniken Beiruts. Um die 1500 Euro kostet eine Nasenkorrektur im Libanon, deutsche Chirurgen verlangen das Zwei- bis Dreifache. Doch für OP-Touristen interessiert sich Jaoude nicht. Sie will mit ANAdiva „die Existenz der libanesischen Nase retten“. Denn zum eigenen Wohlbefinden gehöre auch, seine arabische Nase zu akzeptieren, eine „harte, herbe Nase“.
Gwen Bou Jaoude, die Self-Made-Diva, würde sich selbst daher nie unters Messer legen. „Obwohl“, überlegt sie und lässt sich mit der Antwort viel Zeit: „Ein Faltenlifting, wenn ich wirklich alt und runzelig bin...“
Aber das sei höchstens eine Vermutung. Kein Fakt.
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