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Aktuelle Nachrichten aus der Gesellschaft

01. Juli 2014

Indianer: „Die Erde wird sich reinigen“

 Von 
Eine Büffel-Herde in Süd-Dakota.  Foto: Reuters

Ein Gespräch mit John Fire Lame Deer, Häuptling der Mnikowoju-Lakota-Indianer, über ein Leben im Einklang mit der Natur und die Möglichkeiten, die Krisen der Welt zu lindern.

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John Fire Lame Deer ist Häuptling und „Heiliger Mann“ (Wicasa Wakan) der Mnikowoju-Lakota-Indianer, die zu den Sioux zählen und im US-Bundesstaat Süd-Dakota leben. Der 38-Jährige arbeitet als Zimmermann, ist verheiratet und hat mit seiner Frau eine erwachsene Tochter. Er trat 2001 die Nachfolge seines Vaters und seines Großvaters an, die ebenfalls Häuptlinge des Stammes gewesen waren. John Fire Lame Deer nimmt derzeit an einer Kooperationsprojekt mit Wissenschaft und Industrie teil, die von der Mannheimer Hochschule der Wirtschaft für Management geplant wird. Deren Ziel ist es, aus dem Naturverständnis der Lakota Ideen zur Lösung der ökologischen Krise in Zeiten von Klimawandel und knapper Ressourcen zu entwickeln.

Mr. Lame Deer, Sie sind spiritueller Führer und Medizinmann der Lakota, stammen aus einer berühmten HäuptIingsfamilie. Aber Sie arbeiten als Zimmermann, und man sieht Sie in der Öffentlichkeit nie mit Federschmuck. Warum?
Ich trage im Alltag keinen Federschmuck. Aber ich besitze natürlich ein solches „War Bonnet“. Die Federhaube geht bis zum Boden, selbst wenn ich stehe. Ich trage sie aber nur bei Zeremonien. Beim Sonnentanz zum Beispiel. Mein Großvater war da anders. Er hätte sie selbst auf dem Times Square in New York getragen und dabei Fotos von sich machen lassen. Meine Federhaube ist schwer, nicht nur vom Gewicht her. Sie besteht aus sehr vielen Federn, jede davon steht für ein genommenes oder gerettetes Leben. Ich habe großen Respekt davor.

Der Vorfahr Archie Fire Lame Deer.  Foto: John Fire Lame Deer

Wieso war Ihr Großvater anders? Er war ja ebenfalls Häuptling und hat Sie schon kurz nach der Geburt zum Nach-Nachfolger bestimmt.
Wir hatten bis 1978 keine Religionsfreiheit in den USA. Das heißt: Man konnte Indianer einsperren, wenn sie ihre Rituale durchführten. Jemand wie mein Großvater hielt alles zusammen. Als der Sonnentanz wieder erlaubt wurde, schrieb die US-Regierung vor, dass er öffentlich stattfinden musste – und die Leute konnten für 25 Cents Eintritt zuschauen. Dabei ist der Sonnentanz unsere heiligste Zeremonie. Aber es war die einzige Chance, ihn am Leben zu halten, ohne dafür ins Gefängnis zu gehen, und mein Großvater hat das gemacht. Dabei hatte unser Stamm noch Glück. Denn uns gibt es noch. Andere Stämme, zum Beispiel diejenigen, die an der Ostküste lebten, sind ganz verschwunden. Wieder andere haben vieles von ihrem Wissen, von ihren Naturlehren, verloren.

Sie haben sich entschlossen, Ihr Wissen zur Verfügung stellen, um bei der Lösung der globalen ökologischen Krise zu helfen. Wie wollen Sie etwas erreichen?
Jedenfalls nicht, in dem ich Werbung für mich selbst mache. Ich würde nie damit hausieren gehen, dass ich Häuptling oder Medizinmann bin. Wenn jemand zu mir kommt und sagt, er braucht meine Hilfe, dann lade ich ihn zu Zeremonien ein. Ich versuche so normal wie möglich zu sein. Es gibt viele, die von sich behaupten, sie seien Häuptling oder Medizinmann, und die Werbung für sich machen. Dabei ist das erste, was man lernt, wenn man für eine solche Aufgabe erzogen wird, dass man bescheiden sein muss. Einige dieser so genannten Häuptlinge und Medizinmänner haben sogar Visitenkarten.

Sie haben keine?
Nein. Es sei denn, jemand will ein Haus gebaut haben. Dafür habe ich eine – für mein Zimmermanns-Geschäft.

Zur Person
Sohn John Fire Lame Deer junior, 38 Jahre alt, gelernter Zimmermann.

Die Lame Deer sind einen Familie, aus der zahlreiche Indianerführer stammen. John Fire Lame Deers Urgroßvater – Häuptling Quick Bear – war Mitunterzeichner der Verträge, zwischen den Sioux und er amerikanischen Regierung 1868 in Laramie. Sein Großvater (gleichen Namens) wurde als Autor des Buches „Seeker of Visions“ bekannt, das als Klassiker der ethnologischen Literatur gilt. Sein Vater, Archie Fire Lame Deer, bereiste viele Länder, unter anderem auch in Europa.

Zu den Sioux gehörten verschiedene Indianergruppen, die ursprünglich in den Steppenlandschaften im Nordosten Amerikas lebten, darunter die Lakota, die Dakota und die Nakota. Die Lakota zählen heute 70 000 bis 80 000 Personen, ein großer Teil von ihnen lebt im Reservat „Rosebud“ in Süd-Dakota.

Informationen zu dem Kooperationsprojekt mit der Mannheimer Hochschule der Wirtschaft für Management demnächst unter www.ind4.de. (jw)

Wie erklären Sie die Lage der modernen Welt – mit globaler Umweltkrise, Welt-Finanzkrise, Kriegen, Terrorismus?
Die Menschen sind immer weniger mit ihrer Umwelt verbunden, außerdem schwinden die familiären Bindungen. Es ist doch so: Du denkst, dein Haus oder dein Auto ist nicht groß genug, nicht schön genug. Du gehst zur Bank, kriegst einen Kredit, und plötzlich gehörst du der Bank. Du musst hohe Kredite abzahlen, du kommst nicht mehr raus. Du lässt deine Kinder von anderen Leuten erziehen, weil du und deine Frau arbeiten müssen. Du steckst deine Eltern ins Altersheim, denn du hast keine Zeit mehr für sie. Die Arbeit füllt deine Tage komplett aus, das ist verrückt. Du hast nicht mal Zeit, raus in die Natur zu gehen oder Leute für einen echten Austausch zu treffen. Muss man sich da noch wundern, dass wir die Erde zerstören? Oder: Wenn wir es nicht schaffen, unseren Kindern gute Werte zu vermitteln, warum wundern wir uns dann, dass unser Land immer wieder in den Krieg zieht? Es ist nicht wirklich überraschend, was wir der Erde antun, wenn man sieht, was wir einander antun.

Kann das Welt-Verständnis der Lakota helfen, diese Krisen zu mildern? Und wie?
Es beginnt damit, dass wir zum wirklichen Menschsein zurückkehren. Ich wurde so erzogen, dass die Familie und die Kinder das Wichtigste sind. Wir lernen, dass es nicht darauf ankommt, wie dick dein Portemonnaie oder wie berühmt dein Name ist. Wir müssen ganz unten anfangen, in der Familien, mit den Freunden. Wenn die Menschen sich ändern, jeder für sich, und das an die Kinder weitergeben, bewirkt das viel. Das Problem ist: Eine solche Veränderung über die Generationen braucht Zeit, und die haben wir bei den anstehenden Problemen nicht mehr. Also müssen wir andere Wege finden. Wir müssen jetzt die Menschen erreichen, die Macht haben, die die Politik und die Wirtschaft lenken. Sie müssen begreifen, dass sich etwas ändern muss.

Wie erreichen Sie die?
Die Menschen müssen ihren Geist nur ein wenig öffnen. Dazu können wir Anstöße geben. Vielleicht reicht es als Start, wenn der Chef eines wichtigen Unternehmens umdenkt und zeigt, dass man ökologischer produzieren kann – und damit trotzdem Geld verdient.

Es gibt doch schon Unternehmer, die das getan haben.
Ja, auf unteren Ebenen. Viele ändern sich. Jede Bewegung muss von unten wachsen, das geschieht jetzt auch. Aber die Leute ganz oben ist noch nicht erreicht. Nicht wenige von denen, die heute im Respekt vor der Natur leben, haben es in den letzten Jahrzehnten bei indianischen Lehrern wie meinem Vater, Archie Fire Lame Deer, gelernt, der auch oft in Europa war – durch das Mittun in den Zeremonien. Daran knüpfen wir an.

Voriges Jahr gab es eine Vollversammlung der Häuptlinge aller nordamerikanischen Indianerstämme, die einwilligten, das indianische Natur-Wissen mit der restlichen Welt zu teilen. Was erhoffen Sie sich denn davon?
Wir haben erkannt, dass sich etwas Grundlegendes in den Gesellschaften ändern muss – und dass die Zeit dafür knapp wird. Wir wissen, dass die Stürme stärker werden. Wir wissen, dass Tiere und Pflanzen aussterben, jeden Tag. Wir können nicht mehr sagen, unsere Kinder oder Enkel sollen das regeln. Wir müssen selbst tun. Das war die einhellige Meinung auf unserem Treffen. Vielleicht kann es helfen, wenn wir uns einmischen. Auf die Regierungen zu hoffen, reicht nicht.

Was genau wollen Sie tun?
Wir werden eine Bewegung starten, die von der Erde kommt, denn von daher kommen unsere Lehren. Wir werden mit Menschen zusammenarbeiten, die sich öffnen. Wir brauchen Leute, die Politik und Wirtschaft beeinflussen können. Wir müssen aber auch die normalen Menschen erreichen. Sonst machen sie weiter wie bisher, weil man ihnen sagt, es ist gut so. Man hält dich heute für verrückt, wenn du sagts: Steig aus deinem SUV-Geländewagen in ein kleines Auto um, weil der große Wagen zu viel Sprit frisst. Aber das kann sich ändern. Wir brauchen eine Bewegung, die die Menschen zum Umdenken bringt. Wenn sie fühlen, dass das kleinere Auto besser für die Erde ist, geht es wie von selbst.

Sie selbst finden doch große, alte Autos toll, haben sie mal erzählt.
Ja, stimmt. Riesige alte, klassische Chevrolets mit großen, lauten Motoren. Ich schraube gerne daran herum. Aber ich fahre nicht jeden Tag damit. Für meine Fahrten zu den Baustellen nehme ich den kleinen Kia meiner Frau. Der braucht wenig Sprit, das spart Geld und ist gut für die Umwelt.

Sie planen eine Kooperation der Lakota mit Industrie und Wissenschaft. Was soll das Ergebnis sein?
Das Wichtigste ist: Strategien finden, um mit weniger natürlichen Ressourcen auszukommen, die Erde weniger ausbeuten. Wir brauchen nicht so viel Wegwerf-Produkte in unserem Alltag, wir produzieren viel zu viel Abfall. Und es muss gelten: Wenn man etwas wegnimmt, muss man es der Erde wieder zurückgeben. Also: Wenn du Bäume fällst, pflanze neue. Wie genau diese Wirtschaft funktionieren kann, müssen die Experten erarbeiten, die das können – Ökonomen, Wissenschaftler, Kommunikationsleute. Wenn wir Ihnen den Funken liefern könnten, darüber nachzudenken, wie sie besser für die Erde sorgen können, wäre ich froh.

Glauben Sie nicht, dass die Industrie auch die Lakota-Lehren nutzen würde, um damit mehr Profit zu machen?
Profit ist doch okay, wenn er hilft, zum Beispiel die Erderwärmung zu bremsen. Mir ist egal, wenn jemand dadurch reich wird, dass er dafür sorgt, dass es meinen Kinder und Enkelkindern besser geht.

Tipi-Zelt nahe der Grenze von Nord- und Süd-Dakota.  Foto: imago

Glauben sie nicht, dass bessere, umweltfreundliche Technologie die Lösung bringt?
Technologie ist ein Teil der Lösung, natürlich. Wissenschaft, Technik und Wirtschaft können entsprechend verändert werden, es ist nur eine Frage des Wollens. Die Autokonzerne könnten super-sparsame Autos bauen, aber sie tun es nicht. Warum wohl? Weil die Ölkonzerne dagegen sind und die Macht haben, ihre Wünsche durchzusetzen.

Es sind doch nicht nur die Konzerne, sondern auch die Konsumgewohnheiten der Menschen. Sie wollen oft neue Klamotten, alle paar Jahre neue Möbel, möglichst jedes Jahr ein neues Smartphone...
Ich habe auch ein Smartphone, aber ich kaufe nur ein neues, wenn das alte kaputt ist. Aber wenn jeder sich ein wenig bewusst würde, was er der Erde antut, würde es helfen. Es geht aber nicht nur um Änderungen im Konsum und mehr Umweltschutz, sondern auch darum, wie man miteinander umgeht. Wenn wir nach Europa kommen, wundern wir uns, wie die Leute sich verhalten. In den Straßen rennen alle mit gesenktem Kopf umher, keiner sagt „Hallo“ zum andern. Das ist doch seltsam. Die Leute nehmen einander kaum wahr. Vielleicht wohnen hier einfach zu viele Leute auf einem Fleck.

Ihr Vorfahren haben an vorderster Front gegen die Weißen gekämpft, zum Beispiel in der Schlacht von „Little Big Horn“ 1876. Ihr Urgroßvater unterzeichnete die Verträge zwischen den Sioux und der amerikanischen Regierung, die den Lakota ihr Land garantieren, „solange die Sonne scheint“ – was aber nicht eingehalten wurde. Ist den Weißen, den Europäern und Amerikanern, deren kapitalistisches, ressourcenverschwendendes Lebens- und Wirtschaftsmodell die Welt erobert hat, noch zu helfen?
Es ist keine Frage der Hautfarbe. Wir können nicht „die Weißen“ für den Zustand unserer Erde verantwortlich machen. Es gebt um die Frage, ob die Menschen Zugang zur Spiritualität haben oder nicht. Würden alle Menschen zum Beispiel nach den Lehren von Jesus leben, wäre alles gut. Aber heute geht das noch nicht. Wir haben ein System von Reichtum, Macht und Einfluss. Je mehr Geld Menschen haben, desto mehr Einfluss haben sie. Doch sie sind auch selbst getrieben vom Geld. Es ist schwierig, das zu verändern, aber es geht.

Religiöse Lehren können auch das Gegenteil bewirken. Denken Sie an die christliche Botschaft, der Mensch solle sich die Erde untertan machen.
Das hat nichts mit dem Jesus-Vorbild zu tun. Wohin bringt es uns, die Erde untertan zu machen? Wir Indianer lernen, dass uns die Erde nicht gehört. Das Gegenteil ist wahr: Wir gehören der Erde, und es ist unsere Verantwortung, in Balance mit ihr zu leben. Mit unseren Zeremonien versuchen wir, in der Balance zu bleiben. Als die weißen Siedler in unser Land eindrangen, konnten wir das nicht verstehen: Sie taten so, als könne man alles von der Erde wegnehmen, ohne etwas zurückzugeben. Wenn ihnen etwas im Weg stand, beseitigen sie es – egal, ob Bäume, Tiere oder Menschen. Und sie versteckten sich hinter der Religion. Sie sagten: „Gott sagt, das ist unser Recht.“ Wir Indianer wissen, dass die Erde für sich selbst sorgen wird, wenn es so noch eine Zeitlang weitergeht. Wir glauben nicht, dass die Menschen in der Lage sind, die Erde komplett zu zerstören.

Das heißt: Die Erde wird den Menschen vernichten?
Die Erde ist ein lebender Organismus. Sie kann Zerstörung nur bis zu einer gewissen Grenze tolerieren. Dann beginnt sie, sich selbst zu reinigen. Wenn das heißt, der Mensch muss verschwinden, dann wird das passieren.

Die Menschheit wird ausgelöscht?
Vielleicht nicht ganz. Aber es wird große Veränderungen geben. Es beginnt ja jetzt schon, etwa durch den Klimawandel. Wenn wir nicht neue Grundlagen für unser Leben mit der Natur schaffen, wird das Überleben für die bald neun Milliarden Menschen immer schwieriger.

In Süd-Dakota schlägt die Hitze oft gnadenlos zu und trocknet die Erde aus.  Foto: Reuters

Selbst der Dalai Lama hat Mönche zu Ihrem Vater zur Ausbildung geschickt mit den Worten: „Geht und lernt den indianischen Weg, es ist der einzige Weg, um zu überleben.“ Sonderlich erfolgreich waren die Versuche, den Lauf der Welt zu verändern, nicht. Warum?
Sie waren und sind schon erfolgreich, nur vielleicht bisher nicht schnell genug. Der moderne Mensch will alles jetzt und sofort. Wir haben eine andere Vorstellung von der Zeit. Unsere Zeit ist anders. Wir können warten, bis etwas kommt. Wir orientieren uns an den Phasen des Mondes, an den Jahreszeiten, am Wetter. Alles muss gleichmäßiger fließen. Das moderne Zeitkonzept ist der Hauptgrund dafür, dass es so viel Stress in der Welt gibt.

Sie sind pünktlich zum Interview gekommen.
Ja, fast (lacht). Weil ich von einer weißen Freundin hergefahren wurde.

Die Lakota-Lehren über die Natur und die Gesellschaft konnten bei einem relativ kleinen Nomadenvolk gut funktionieren, wo sie entstanden sind. Können sie heute noch Sinn ergeben, wo auf der Erde schon mehr als sieben Milliarden Menschen leben?
Schon. Die meisten Menschen sind doch heute auch Nomaden, immer unterwegs... Wie wir früher lebten, war diktiert von den Jahreszeiten, vom Wetter, davon, wo man gut Holz schlagen konnte, wo die Buffalos zu finden waren, die wir als Nahrung brauchten. Aber unser Volk nutzte die Erde überall, wo wir hin kamen, verantwortungsvoll. Ich würde niemals sagen, unsere Lehren sind die absolut richtige Antworten für alles. Aber ich glaube, alle Urvölker auf der Erde haben eine Art, in der Balance mit der Natur zu leben, von der man lernen kann. Von wie vielen Urvölkern ist bekannt, dass sie ihre natürliche Umgebung ruinierten? Von keinem.

Umweltsituation und Umweltbewusstsein in den indianischen Reservaten sind aber eher schlechter als im Rest der USA. Wie passt das zusammen?
Es ist eine Folge der großen Armut und des Unwissens. Viele Indianer sind bitterarm, es gibt viel Traurigkeit, viele trinken. Aber das Umweltbewusstsein wächst, die Leute sind aufgeklärter. Sie achten mehr auf das Recycling, und sie nutzten mehr erneuerbare Energien.

Was halten Sie von Windkraft? Gefallen Ihnen die gigantischen Rotoren, wenn sie in der Natur aufgestellt werden?
Wir leben in Süd-Dakota. Das ist eine der windigsten Regionen in Amerika. Die Windkraft wird hier mehr und mehr ausgebaut. Sogar einige unserer Stämme investieren in Windenergie. Das ist gut so, denn es kann helfen, die viel größere, massiven Zerstörungen durch den Kohleabbau und das Erdgas-Fracking zu bremsen, die es bei uns auch gibt. Was da getan wird, um die Energie aus der Erde zu holen, ist schrecklich.

Die Windräder beeinträchtigen die Natur auch. Ist das kein Angriff auf die Erde? Was ist, wenn Vögel dadurch getötet werden?
Das muss man abwägen. Meist ändern die Vögel nur ihre Flugrouten. Doch selbst wenn es einigen Hundert von ihnen das Leben kostet – falls dadurch ein Kohle-Tagebau überflüssig wird, ist das in Ordnung. Die Zerstörungen dort sind viel größer. Oder wenn man es dadurch schafft zu verhindern, dass das Fracking das Grundwasser verseucht, dann sage ich: Danke, ihr Vögel, dass ihr dafür Euer Leben dafür gegeben habt. Es ist immer ein Geben und Nehmen.

Eine ausgetrocknete Weide in Süd-Dakota.  Foto: Reuters

Spüren Sie die Folgen des Klimawandels, zu Hause in Süd-Dakota?
Unsere Winter sind länger geworden und unser Sommer werden kühler. Die Stürme kommen öfter, und sie sind stärker geworden. Wie haben heute mehr Regen, und oft kommt Hagel dazu. Und wir kriegen jetzt viel mehr Schnee als früher.

In den USA gibt es viele Leugner des Klimawandels. Wieso?
Ganz einfach: Solange man die Leute dumm hält, kann man ihnen alles mögliche erzählen. Das ist es, woran Amerika die Schuld trägt. Viele Medien werden von Leuten kontrolliert, die den Klimawandel nicht wahr haben wollen, weil Klimaschutz-Politik ihre Geschäfte beeinträchtigen könnte. Ein oder zwei Prozent der US-Bürger sagen allen anderen, was sie zu denken und zu tun haben. Nicht einmal, als sogar Präsident George Bush jr. am Ende seien Amtszeit einräumte, es gebe den Klimawandel, hat das alle überzeugt. Oder nehmen Sie das aktuelle Beispiel: Als bekannt wurde, dass der Geheimdienst NSA die eigenen Bürger überwacht, waren alle geschockt. Was, unsere Regierung tut so etwas? Wir Indianer kennen das längst. Früher war das FBI hinter uns her, weil wir für die religiöse Freiheit unseres Volkes kämpften.

Sie sind nach Europa gekommen, um neue Kontakte zu knüpfen. Sind die Europäer denn empfänglicher als die Amerikaner für Ihre Anschauungen?
Ich war 1982 zum ersten mal in Europa, und zwar in Ostdeutschland. Zuhause hatten sie uns erzählt, wie schlecht der Kommunismus war. Die Leute dort wären arm und gemein, es wäre hässlich dort, und die Sonne würde nicht scheinen. Aber als wir da waren, schien die Sonne, und die Leute haben gelacht. Es war wie überall sonst auf der Welt. Da habe ich gemerkt, man erzählt uns Unsinn. Die Menschen in der DDR waren sehr offen für uns. Tatsächlich schauen die Europäer anders auf uns Indianer als die Amerikaner. In Amerika spricht man über Weiße, Schwarze, Mexikaner, Asiaten. Es geht kaum um Indianer, es sei denn, es gibt mal wieder einen Hollywood-Film darüber. Schon als mein Vater in den 1980er Jahren nach Europa kam, waren die Leute viele stärker interessiert an den Indianern als die Menschen zu Hause.

Sie haben alle ihren Karl May gelesen, über Häuptling Winnetou, die edlen Wilden...
Ja, die Bücher haben sicher dazu beigetragen, dass man die Indianer hier positiver sieht.

Noch eine letzte Frage: Können Sie das Wetter beeinflussen, wie es über andere Medizinmänner berichtet wird?
Über solche Dinge spreche ich nicht. Ich sage nur allgemein: Die Menschen könne viel mehr tun, als man ihnen einredet. Man sagt ihnen, es gibt bestimmte Grenzen, die kann man nicht überschreiten. Und sie glauben es. Aber es ist falsch.

Interview: Joachim Wille

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