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10. Januar 2016

Indien: Erst Hochzeit, dann Liebe

 Von Christine Möllhoff
Ein indische Braut versteckt ihr Gesichter hinter den geschmückten Händen. Noch kann sie nicht wissen, ob ihre Eltern eine gute Wahl getroffen haben.  Foto: REUTERS

Indien schießt Sonden zum Mars und baut Atomwaffen. Aber den Ehepartner lassen die meisten Inder bis heute lieber von den Eltern aussuchen.

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Er ist nett“, weicht Lakshmi der Frage aus, ob sie verliebt sei. In einigen Wochen wird die zierliche 23-jährige mit den Grübchen heiraten, dabei hat sie ihren künftigen Mann nur zwei, drei Mal gesehen. Und noch nie geküsst. Ihre Eltern haben die Ehe arrangiert. Seit sie verlobt sind, darf Lakshmi immerhin mit ihm telefonieren. So sollen sie sich ein wenig näher kommen, bevor sie die sieben Schritte ums Feuer gehen, die bei Hindus den Bund fürs Leben besiegeln. Er frage immer, was sie gegessen habe, erzählt sie. Das soll Fürsorge zeigen.

Millionen Inder mögen im Kino bei herzrührigen Bollywood-Romanzen von der großen Liebe träumen. In der Realität spielt Liebe bei der Partnerwahl dagegen oft keine Rolle. Bis heute werden die allermeisten Ehen, Schätzungen sprechen von 90 Prozent, in Indien arrangiert. Dabei suchen die Eltern im Freundeskreis, unter Verwandten oder über Heiratsbörsen nach Bewerbern. Am Wochenende sind die Zeitungen voller Anzeigen wie „Brahmin, 38/170, sucht hellhäutiges, gebildetes Brahmin-Mädchen aus kultivierter Familie“.

Der Prozess kann wenige Tage dauern, aber auch Monate. Nicht nur die Kandidaten selbst werden unter die Lupe genommen, auch ihre Familien. Die Horoskope müssen passen – ebenso wie Kaste, Bildungsstand, Beruf, Einkommen, Hautfarbe oder Essensvorlieben. Man glaubt, dass gemeinsame Werte und Interessen ein besseres Fundament für eine Ehe bilden als schnell vergängliche Verliebtheit.

„Erst kommt die Hochzeit, dann die Liebe“, heißt es. Zumindest Harish kann das bestätigen. Als junger Mann hatte er aus Liebe und gegen den Willen der Familien eine Kollegin aus einer höheren Kaste geheiratet. Die Ehe scheiterte. Heute ist der 42-jährige Journalist mit einer Frau verheiratet, die sein Vater für ihn aussuchte – und glücklich.

Liebesehe ist ein neues Phänomen

Im Westen rümpft man gerne die Nase, hält arrangierte Ehen für archaisch. Dabei ist die Liebesehe ein eher neues Phänomen. Auch in Europa waren arrangierte Ehen lange verbreitet, sind es in bestimmten Schichten teilweise noch heute. Erst mit Aufklärung und Romantik wurde die freie Partnerwahl üblich. Dabei ist nicht ausgemacht, was glücklicher macht: Laut einer, allerdings kleinen Studie unter indischstämmigen Paaren in den USA gab es nach zehn Jahren keine Unterschiede mehr in der Zufriedenheit zwischen Liebes- und arrangierten Ehen.

Der in den USA lehrende Psychologe Prof. Utpal Dholakia, ein gebürtiger Inder, wundert sich, wie sehr seine Landsleute bis heute auf die arrangierte Ehe schwören. Das gelte selbst für Inder aus hochgebildeten, westlich geprägten Schichten. Laut einer Umfrage von 2013 ziehen 74 Prozent aller Inder zwischen 18 und 35 Jahren die arrangierte Ehe einer Liebesheirat vor. Bemerkenswert ist, dass es bei den Frauen sogar 82 Prozent sind, bei den Männern dagegen nur 68 Prozent.

Tatsächlich bietet die arrangierte Ehe einige Vorteile, meint Dholakia: Bei Liebesheiraten schauten Menschen oft mehr auf das Äußere als auf die inneren Werte. Auch mache sich schnell Enttäuschung breit, wenn die Verliebtheit verfliege. Bei arrangierten Ehen würden dagegen die Eltern die Kandidaten ohne rosarote Brille prüfen. Verträglichkeit und Sicherheit seien wichtiger als romantische Gefühle. Deshalb seien solche Ehen vielleicht auch stabiler.

Allerdings gibt es auch Auswüchse. Die Grenze zur Zwangsehe ist in der Praxis fließend. Während in modernen Familien die Mädchen zwischen mehreren Kandidaten wählen können und das letzte Wort bei der Wahl haben, haben Frauen aus ärmeren Schichten und konservativen Familien oft keinerlei Mitsprache. Sie müssen den Mann nehmen, den ihnen die Eltern vorsetzen. Gerade diese Frauen sind laut Studien besonders gefährdet, Opfer häuslicher Gewalt zu werden. Unklar ist aber, ob dies an der arrangierten Ehe liegt – oder vielmehr dem Umstand geschuldet ist, dass die Frauen insgesamt aus rückständigen, patriarchalischen Milieus stammen.

Auch Lakshmi hätte sich wohl für jemand anders entschieden, hätte sie die Wahl gehabt. Theoretisch hätte sie Nein sagen können, aber das gehört sich nicht für eine gute Tochter. Am Telefon erklärt ihr Verlobter ihr nun, wie er sich die Ehe vorstellt. Sie soll ihre Arbeit als Hausmädchen aufgeben und, wie traditionell üblich, seine Eltern und den Rest der Familie versorgen. Sie soll nur noch Saris tragen, nicht mehr den modernen Salwar Kamiz, wie die Kombi aus Hose und Hängehemd heißt. Lakshmi gefällt das nicht, aber sie muss sich fügen, das verlangt die Sitte. „Ich werde mich anpassen“, sagt sie. Es ist das Mantra vieler indischer Frauen.

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