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15. Oktober 2015

Indonesien : Tödliche Gier nach Palmöl

 Von Kathrin Hartmann
In Indonesien steht eine Fläche so groß wie die kanarische Ferieninsel Teneriffa in Brand.  Foto: rtr

Die Waldbrände in Indonesien sind eine von Menschen verursachte Katastrophe. Sie haben viel damit zu tun, dass das Land der größte Palmölproduzent der Welt ist.

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Als Intan am 15. September für Tütensuppen und Biosprit sterben musste, war sie neun Jahre alt. Auf dem Weg in die Schule erstickte das Mädchen am Rauch – in ihrer Heimat Zentralkalimantan im indonesischen Teil der Insel Borneo brennen seit Wochen die Wälder. Laut indonesischer Regierung sind bereits 200 000 Hektar Regen- und Torfwälder den Flammen zum Opfer gefallen; eine Fläche so groß wie die kanarische Ferieninsel Teneriffa. Und sie wächst jeden Tag.

„Unsere Wälder brennen wie nie zuvor, unsere Kinder sterben, Menschen und Tiere fliehen vor den Feuern, die Vögel fallen vom Himmel“, sagt Nordin. Mit seiner Organisation „Save our Borneo“ kämpft der indonesische Menschenrechts- und Umweltaktivist schon sein halbes Leben für den Erhalt der letzten Wälder in Kalimantan. „Und alles nur wegen der Gier nach Palmöl, immer mehr Palmöl für Biosprit, immer mehr Plantagen, immer mehr Feuer.“

Palmöl ist mit rund 60 Millionen Tonnen pro Jahr das meistverwendete Pflanzenfett der Welt: Es steckt in jedem zweiten Supermarktprodukt, in Fertiggerichten wie Tütensuppen und Tiefkühlpizza, Süßigkeiten, Kosmetik, Putz- und Waschmitteln. Die Europäische Union ist drittgrößter Importeur des Rohstoffs, denn seit die EU die Verwendung nachwachsender Rohstoffe für den Verkehr vorgeschrieben hat, ist der Palmölverbrauch für Agrarsprit in der EU von 0,4 Millionen auf 1,9 Millionen Tonnen pro Jahr gestiegen.

Vereinfachte Konzessionen

Indonesien ist der größte Palmölproduzent der Welt. Dort wachsen auf einer Fläche von 14,5 Millionen Hektar Ölpalmen-Monokulturen, denen Wälder und Torfböden weichen mussten. Deswegen gilt Indonesien als Waldvernichter Nummer eins und drittgrößter CO2-Emittent.

Bei den Waldbränden von 1997 war Indonesien bereits für 30 Prozent der globalen Emissionen verantwortlich. Jetzt könnte der Anteil sogar noch höher sein. Denn es brennen vor allem Torfmoorwälder und -böden. Dabei wird nicht nur eine riesige Menge CO2 freigesetzt, sondern auch Methan, das 25 Mal klimaschädlicher ist als Kohlendioxid.

Das Buch
Die Autorin auf der Buchmesse
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Für ihr neues Buch „Aus kontrolliertem Raubbau. Wie Politik und Wirtschaft das Klima anheizen Natur vernichten und Armut produzieren“ hat Kathrin Hartmann in Indonesien zu Palmöl recherchiert, unter anderem mit Save our Borneo und Feri Irawan.

Kathrin Hartmann, „Aus kontrolliertem Raubbau“, Blessing Verlag, 448 Seiten, Klappenbroschur,18,99 Euro.

Am Freitag, 16. Oktober, ist sie um 12 Uhr am FR-Stand bei der Buchmesse (Halle 3.1., Stand 48). Am Samstag, 17. Oktober, 17 Uhr, liest sie bei Open Books im Haus am Dom. Moderation: FR-Redakteur Tobias Schwab.

Wer die Waldretter unterstützen will, kann dies über ihre deutsche Partnerorganisation www.regenwald.org

Auch die aktuellen Brände sind aufgrund von Konzessionen der Palmöl- und Papierindustrie entstanden. Das belegt ein Bericht der indonesischen Regierung vom 18. September. Die Polizei in Kalimantan und auf Sumatra ermittelt gegen rund zwei Dutzend Firmen und mehr als 120 Personen. Sieben Manager wurden verhaftet. Doch in den Daten im Regierungsbericht finden sich die Initialen von 100 Unternehmen. „Save our Borneo“ und andere nichtstaatliche Organisationen fordern, dass diesen Brandstiftern die Konzessionen entzogen und überhaupt keine Expansion der Plantagen mehr zugelassen werden soll.

Stattdessen vereinfacht die Regierung die Konzessionsverfahren, um das Klima für Investoren zu verbessern. Palmöl soll nicht nur Exportschlager bleiben: Die indonesische Regierung investiert in ein Agrartreibstoff-Programm für den heimischen Markt. 100 Prozent Biosprit sollen das Wachstum ankurbeln – was auch eine Erweiterung der Plantagen bedeutet.

Die Kinder – wie hier in der Provinz Jambi – leiden am meisten unter dem giftigen Rauch.  Foto: Perkumpulan Hijau/Rettet den Regenwald

„Die Blaupause dafür war die Erneuerbare-Energien-Richtlinie der EU“, sagt Indonesien-Expertin Marianne Klute vom Denkhaus Bremen, „allein die Ankündigung der gesetzlichen Beimischungsquote von Biosprit hatte 2006 für einen Expansionsboom der Palmölplantagen und massive Waldvernichtung gesorgt“.

„Es ist unmöglich, die Feuer zu stoppen“, sagt Nordin. Der Rauch ist so dicht, dass man selbst Brandherde nicht finden kann. In Palangkaraya, wo Nordin lebt, liegt die Luftverschmutzung bei mehr als 1500 Mikrogramm Partikel pro Kubikmeter – 15 Mal mehr als der Grenzwert, den die Weltgesundheitsorganisation WHO festlegt. Vor allem Alte und Kranke, Babys und Kleinkinder leiden darunter, viele sind bereits gestorben. Selbst in Nationalparks und Orang-Utan-Habitaten brennt es, so dass Tiere in die Wohngebiete fliehen.

Von wegen nachhaltig

„Es gibt kein Wasser, alles ist ausgetrocknet oder verdreckt. Beißender giftiger Rauch macht uns Atemnot. Wir haben das Gefühl, dass die Welt, die das Palmöl verspeist, Menschen und Natur in Jambi aufgegeben haben“, sagt Feri Irawan, der die NGO Perkumpulan Hijau in Sumatra leitet. In Jambi, wo Feri lebt, sind 60 000 Menschen schwer krank.

Ihm ist es gelungen, der Palmölfirma RKK Brandstiftung nachzuweisen, ihr Direktor sitzt jetzt in Untersuchungshaft. Nur einer von vielen Verantwortlichen der Katastrophe, zu denen Feri auch globale Konsumgüterkonzerne zählt. Er fordert ein Transparenz-Gesetz, das dafür sorgt, dass alle Firmen, die indonesisches Palmöl für Biosprit und Produkte verwenden, für ihre Verbrechen in der Lieferkette haften.

Feri Irawan (li.) auf der Plantage der Firma RKK, die Tausende Hektar Torfwald abgeholzt hat.  Foto: Perkumpulan Hijau/Rettet den Regenwald

Laut der indonesischen NGO Walhi sind die Konzerne Sinar Mas und Wilmar International für die meisten Brände in diesem Jahr verantwortlich. Mit Satellitendaten und Konzessionskarten fand Walhi Feuer bei 19 Firmen von Sinar Mas und 27 Firmen der Wilmar-Gruppe. Wilmar International ist der größte Palmölkonzern der Welt, geschätzt die Hälfte des weltweit gehandelten Palmöls stammt von diesem Konzern, der am Runden Tisch für nachhaltiges Palmöl (RSPO) sitzt. Einige seiner Tochter-Firmen verkaufen „nachhaltiges Palmöl“ mit RSPO-Siegel nach Europa. Etwa an den Konsumgüter-Konzern Unilever, der jedes Jahr 1,53 Millionen Tonnen Palmöl für seine Produkte (Knorr, Rama, Bifi, Dove) verbraucht. Wilmar international ist Hauptlieferant des Unilever-Konzerns, der sich mit der Verwendung von „100 Prozent nachhaltigem Palmöl“ rühmt.

Für viele Indonesier geht es schlicht ums Überleben: „Hier entsteht die nächste Flüchtlingswelle, Brandrodung ist die nachhaltigste Waffe im Krieg um Land“, sagt Inge Altemeier. Die Hamburger Journalistin verfolgt den Palmölboom in Indonesien seit mehr als 15 Jahren und hat etliche Dokumentarfilme darüber gedreht.

Nordin hat seine Familie nach Südkalimantan gebracht. Er selbst versucht, vor Ort zu helfen. Save our Borneo verteilt Tausende OP-Masken an die Bevölkerung. „Eigentlich“, sagt Nordin, „benötigen wir Sauerstoff. Aber den verkauft hier niemand.“

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