Karin Müller (Name von der Redaktion geändert) wurde von ihrem Geliebten verlassen, als ihm klar wurde, dass er sie mit HIV angesteckt hatte. Als sie im Sommer 2003 plötzlich Fieber und Gliederschmerzen "wie bei einer Grippe" bekam, verschwand der Mann, in den sie sich ein halbes Jahr zuvor "über beide Ohren" verliebt hatte. Von einem Tag auf den anderen war ihr Partner einfach weg - ohne eine Erklärung. Geschockt fragte sich Karin Müller, was sie denn bloß getan hatte. Heute weiß sie, warum er sich nie wieder bei ihr meldete. Die 30-Jährige ist eine von vier Frauen, die ein arbeitsloser Kfz-Mechaniker zwischen 2002 und 2006 vorsätzlich mit HIV infizierte.
Über einen Fernseh-Chat suchte der gebürtige Saarländer nach Partnerinnen, um mit ihnen ungeschützten Geschlechtsverkehr zu haben. Auch Karin Müller lernte er auf diesem Weg kennen. Er erzählte ihr, er arbeite als selbstständiger Ingenieur bei einer Baufirma. Karin Müller, die damals allein mit ihrem Sohn lebte, vertraute ihm. Obwohl ihre Mutter seinen Geschichten nicht so recht glauben wollte. An seinem Geburtstag erzählte er beispielsweise, sein Vater sei gestorben. Dass er log, konnte sich Karin Müller nicht vorstellen. Sie zweifelte auch nicht daran, dass er so häufig weg war, "weil er eine Kommastelle bei einer Zeichnung übersehen hatte und dadurch ein Mensch bei einem Dacheinsturz zu Tode gekommen sei". In Wahrheit hatte er aber noch eine andere Frau. Als er sie fragte, ob sie ein Baby von ihm wollte, antwortete sie: "Ja, na klar."
Es war purer Zufall, dass sie im Dezember mit einer Arbeitskollegin zur Blutspende ging. "Eigentlich hätte ich meinen Sohn vom Kindergarten abholen müssen, aber sie überredete mich, mitzugehen." Ein paar Tage später kam ein Brief, der HIV-Test sei positiv, stand darin. "Alles war zu Ende", sagt Müller, "ich dachte, morgen bin ich tot." Der Mann, den sie so geliebt hatte, "nahm mir so vieles". Auch den Kinderwunsch konnte sie nun abschreiben. Der Mechaniker gefährdete nicht nur Karin Müller, sondern auch andere Menschen. Hätte sie erst später von ihrer HIV-Infektion erfahren, hätte sie ihren Partnern womöglich irgendwann sagen müssen: "Hör mal, du müsstest dich testen lassen."
Nach dem Bluttest suchte die Mutter Rat bei der Aids-Hilfe. Dort sagte man ihr, sie sollte den Mann nicht anzeigen, schließlich sei ich selbst schuld. Karin Müller hat Verständnis für den Hinweis, sie hätte sich besser schützen müssen, aber, sagt sie einschränkend, "es war seine Pflicht, es mir zu sagen, und es ist eine Straftat, es nicht zu tun". Wäre sie damals zur Polizei gegangen, "hätte er die anderen drei Frauen nicht angesteckt", die er nach ihr kennen lernte. Da ist sich Karin Müller sicher.
Statt ihn anzuzeigen, versuchte sie zu vergessen. Sie arbeitete weiter. Rückhalt bekam sie von ihrer Familie und Freunden. Ihr Sohn gab ihr die Kraft weiterzumachen. "Ohne ihn weiß ich nicht, wie es ausgegangen wäre." Sie hat ihm aber bis heute nicht erzählt, dass sie HIV-positiv ist. Eine Psychologin riet ihr davon ab. "Er soll nicht immer nur an mich denken, sondern sich frei entwickeln." Hoffnung machte ihr auch ihr Arzt. Er ist auf HIV spezialisiert und beruhigte sie, dass es wirksame Medikamente gegen die Krankheit gebe.
2005 rief die Kripo bei Karin Müller an. Die Ermittler waren dem Mann, der sie und drei andere Frauen infizierte, auf die Spur gekommen. Die Beamten hatten ihn verhaftet und suchten gezielt nach geschädigten Frauen. Unterstützung bekam Karin Müller auch vom Opferhilfeverein Weißer Ring. Der riet ihr, sich einen Anwalt zu nehmen. Beim Prozess 2007 sah sie den Mann wieder, auf dessen Lügen sie " reingefallen" war. "Es war die Hölle", erzählt Karin Müller. Sie erfuhr, dass er gezielt nach "naiven Frauen" gesucht und überall dieselbe Geschichte erzählt hatte. Er habe sogar eine Liste seiner Partnerinnen geführt. Mit mindestens zehn Frauen soll er Sex gehabt haben. Manche hatten Glück und steckten sich nicht an. Einer Partnerin soll er sogar eine SMS "Viel Spaß mit HIV" geschickt haben.
Wegen gefährlicher Körperverletzung wurde der Kfz-Mechaniker zu achteinhalb Jahren Haft verurteilt. Den Beweis, dass er den Virus übertrug, erbrachte ein virologisches Gutachten. Für Karin Müller war es eine Genugtuung, denjenigen anklagen zu können, "der mich total vergessen hatte". Sie hofft, dass er auch nach der Haftzeit in Sicherheitsverwahrung bleibt. "Er würde es wieder tun", vermutet sie.
Nach wie vor kann sie nicht verstehen, warum er es gemacht hat. "Dafür gibt es keine Entschuldigung." Vor Gericht sagte der Angeklagte aus, er sei Ende der 90er Jahre während eines Afrika-Aufenthalts zu Unrecht verdächtigt worden, eine Frau getötet zu haben. Im Gefängnis sei er sexuell missbraucht worden. Dann sei er krank geworden und habe eine Blutkonserve bekommen, durch die er mit HIV infiziert worden sei. Waren seine Taten also ein Form der Rache? Bei den Verhören hat er das so nicht bestätigt.
Nach dem Ende des Prozesses vor zwei Jahren nahm Karin Müller sich vor, alles zurückzulassen und "nur noch nach vorne zu gucken". Sie will nicht zu viel darüber nachdenken, wie lange sie noch zu leben hat. Gesundheitlich geht es ihr gut. Noch bräuchte sie nicht wie die anderen geschädigten Frauen HIV-Medikamente. Vier Mal im Jahr wird sie untersucht, die Viruslast sei bei ihr derzeit gering.
Doch mit der Debatte um Nadja Benaissa kommen ihre Erlebnisse, unter die Karin Müller einen Schlussstrich ziehen wollte, wieder hoch. Die Sängerin der Band No Angels wird verdächtigt, einen Partner mit HIV angesteckt zu haben. "Nur weil sie berühmt ist, wird so viel darüber berichtet", sagt Müller.
Ihr Schicksal habe in den Medien nur wenige Tage Beachtung gefunden. Sie hätte sich gewünscht, das Thema wäre schon damals von so vielen Medien wie beim derzeitigen Fall aufgegriffen worden, damit mehr Menschen vor den Gefahren des HI-Virus gewarnt worden wären. Das sei auch der Grund, warum sie erneut an die Öffentlichkeit gehe. "Damit Partner vorsichtig sind und rechtzeitig einen HIV-Test machen."
Schräge Kandidaten, internationale Musik: Das ist der Eurovision Song Contest in Baku. Wegen der politischen Zustände in Aserbaidschan wird er dieses Jahr heftiger Kritik begleitet. Mehr dazu im Spezial.
Aktuelle Nachrichten aus der Gesellschaft
Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.
Werben auf dem iPad
Das iPad als Werbeform bietet besonders viele Möglichkeiten. Gerne beraten wir Sie persönlich.