Panorama
Aktuelle Nachrichten aus der Gesellschaft

15. November 2012

Ingrid Noll: "Über Bord" gehen

Die Schriftstellerin Ingrid Noll posiert 2008 im Garten ihres Hauses in Weinheim an der Bergstraße Foto: dapd

Die Krimiautorin Ingrid Noll über den Spaß an einem schönen Mord, ihre rebellische Jugend, die Mühen des Älterwerdens und den tröstlichen Anblick von Toten.

Drucken per Mail

Die Krimiautorin Ingrid Noll über den Spaß an einem schönen Mord, ihre rebellische Jugend, die Mühen des Älterwerdens und den tröstlichen Anblick von Toten.

Der Tisch ist gedeckt, der Kaffee steht bereit. Ingrid Noll hat Sahne geschlagen und sie mit einem Hauch von Zimt und Zucker gewürzt. Den Obstkuchen dazu hat sie am Morgen beim Bäcker gekauft. „Nehmen Sie doch Platz“, sagt sie und weist zu einem gemütlichen Sessel am Kopfende des Tisches. „Dort haben Sie schon beim letzten Mal gesessen.“ 2008 sind wir uns zu einem ersten Gespräch begegnet, in Ingrid Nolls Haus im baden-württembergischen Weinheim, wo sie gemeinsam mit ihrem Ehemann wohnt. Es liegt in einer stillen Seitenstraße, ein weißes Einfamilienhaus mit rotem Dach und einem großen Garten dahinter. In den vier Jahren, die seitdem vergangen sind, hat die Krimiautorin zwei weitere Bücher geschrieben.

Mord ist seit zweiundzwanzig Jahren ihr Geschäft, ihre Krimis sind allesamt Bestseller. Aber die 77-Jährige hat noch einen anderen Blick auf den Tod als jenen, den man aus ihren Romanen kennt. Als ihre Mutter neunzig war, nahm Ingrid Noll sie zu sich nach Hause und pflegte sie. „An meiner Mutter habe ich gesehen, dass man bis zuletzt Freude an den kleinen Dingen des Lebens haben kann“, sagt Ingrid Noll.

Ingrid Noll auf der Frankfurter Buchmesse 2012
Ingrid Noll auf der Frankfurter Buchmesse 2012
Foto: Imago

Frau Noll, haben Sie nicht manchmal ein schlechtes Gewissen?

Warum sollte ich ein schlechtes Gewissen haben?

Weil Sie in Ihren Büchern ständig Leute umbringen, in Ihrem neuen Roman „Über Bord“ ist das nicht anders.

Ach, Sie meinen Ortrud? Nun, das war keine sehr sympathische Person.

Und das rechtfertigt einen Mord?

Zumindest auf dem Papier. Außerdem bringe ich in meinen Büchern in der Regel nur Menschen um, die ich nicht leiden kann. Wenn es aus dramaturgischen Gründen doch einmal einen Unschuldigen erwischt, tut mir das unendlich leid, dann habe ich tatsächlich noch Tage später ein schlechtes Gewissen.

Als Krimiautorin beschäftigen Sie sich mit Mord und Totschlag. Bedrückt Sie das nicht manchmal? Sie könnten zur Abwechslung ja auch mal Liebesromane schreiben?

Zum einen war ich mit fünfundfünfzig, als ich mit dem Schreiben anfing, vielleicht schon zu alt für Liebesromane. Früher hatte ich nie Zeit für einen längeren Text gefunden. Dann zogen meine drei Kinder allmählich aus dem Haus, und ich hatte zum ersten Mal in meinem Leben ein eigenes Arbeitszimmer. Ich dachte damals, einen Krimi zu schreiben, sei einfacher, als sich gleich an einem Roman zu versuchen. Und ich wollte, dass in meinem Buch etwas wirklich Böses passiert. Später habe ich gemerkt, was für einen Riesenspaß es macht, auf diese Weise unliebsame Zeitgenossen aus dem Weg zu räumen.

Können Sie sich vorstellen, eines Ihrer Gedankenspiele in die Tat umsetzen?

Um Gottes Willen nein! Ich bin ein Lamm. Meine drei Kinder können das bezeugen. Ich habe ihnen niemals auch nur einen Klaps gegeben, obwohl gerade Jungs in der Pubertät auch den friedlichsten Menschen mitunter zur Weißglut bringen können. Vielleicht kompensiere ich meine aufgestauten Aggressionen ja durch das Schreiben von Krimis.

In Ihrem neuen Roman taucht ein bislang unbekannter Halbbruder auf und sorgt für Zoff unter seinen Geschwistern. Das Ganze gipfelt schließlich in einem Zufallsmord an Bord eines Kreuzfahrtschiffes. Haben Sie etwas gegen das Modell Familie?

Überhaupt nicht. Aber manchmal ist die Familie eben auch die Brutstätte schlimmster Neurosen. Als Krimiautorin befasse ich mich natürlich lieber mit den Neurosen.

Was interessiert Sie daran?

Mich interessiert, wie Menschen miteinander umgehen. Was prägt ihr Verhalten? Welche Auswirkungen haben frühkindliche Kränkungen? Ich bin eine gute Zuhörerin, und manchmal erzählen mir wildfremde Menschen in der Bahn oder im Supermarkt ihre komplette Lebensgeschichte.

Weil sie hoffen, dass sie mal in einem Ihrer Bücher vorkommen?

Nein. Viele wissen oft nicht einmal, wer ich bin. Und ich würde diese Geschichten auch niemals in meinen Büchern verwenden, aber ich erfahre auf diese Weise, wozu Menschen fähig sind und was sie sich gegenseitig antun können. Hinzu kommt, dass meine verstorbene Schwester Psychotherapeutin war. Sie hat mir oft von schwierigen Fällen aus ihrer Praxis erzählt und meine Manuskripte gegengelesen. Auch mein Mann, der Arzt ist, hat mir häufig von Problemen berichtet.

Würde Ihre Familiengeschichte als Vorlage für eines Ihrer Bücher taugen?

Wir haben einander nie über Bord geschubst, falls Sie das meinen. In meiner Familie ging es im Gegenteil sehr harmonisch zu. Ich bin in China geboren und aufgewachsen, mein Vater hat dort als Arzt gearbeitet. Wir haben damals lange in Nanking gelebt. Dort gab es keine Schule, mit den chinesischen Kindern durften wir nicht spielen, und so hingen meine drei Geschwister und ich ständig zusammen. Wir hatten einander, das musste uns genügen.

Wie lang hält ein solcher Schutzschild?

Schwer zu sagen. Auch eine glückliche Kindheit und eine intakte Familie schützen nicht vor Traumata oder psychischen Defekten. Manch einer meint vielleicht, er sei von den Eltern nicht genügend geliebt und gefördert worden. Ein anderer fragt sich: Warum bin ich so, wie ich bin? Wer ist schuld an meinen Defiziten? Diese Art des Aufrechnens gehört zum Erwachsenwerden, und normalerweise ist man damit spätestens mit dreißig durch. Doch es gibt Menschen, die diese Last ihr Leben lang mit sich herumschleppen. Dann allerdings wird es gefährlich.

Welchen Ballast aus Kindertagen tragen Sie durchs Leben?

Vielleicht hat es mir ein wenig an Selbstbewusstsein gemangelt. Wir waren vier Geschwister. Mein kürzlich verstorbener Bruder war Jurist, die eine Schwester Psychotherapeutin, die andere Professorin für Filmwissenschaft. Und ich war die Hausfrau, die ihrem Mann in seiner Arztpraxis zur Seite steht und für die Familie sorgt.

Hat das an Ihrem Selbstbewusstsein genagt?

Ich habe mit Anfang zwanzig mein Germanistikstudium abgebrochen, habe geheiratet und drei Kinder bekommen. Meine Geschwister haben ihr Studium beendet und einen Beruf ergriffen. Bestimmt hätte es meinem Selbstbewusstsein gut getan, wenn auch ich einen Abschluss gemacht hätte. Ich wäre sehr stolz darauf gewesen und hätte vermutlich eine ganz andere Stellung innerhalb der Familie eingenommen.

Mit Mitte fünfzig hatten Sie dann Ihren Durchbruch. „Der Hahn ist tot“ wurde 1991 ein großer Erfolg. Wie haben Ihre Mutter und Ihre Geschwister darauf reagiert?

Sie waren überrascht. Nicht darüber, dass ich ein Buch geschrieben hatte. Sie wussten, dass mir das Schreiben im Blut liegt. Meine Aufsätze in der Schule waren recht gut, ich konnte lustig erzählen und nette Briefe schreiben. Nein, die eigentliche Überraschung war, dass sich ein Verlag für mein Werk interessierte und das Buch dann auch noch ganz oben auf den Bestsellerlisten landete. Für mich ist das bis heute eine Riesenüberraschung.

Frau Noll, Ihr Geschäft ist der Tod, und der verkauft sich gut. Wie gehen Sie im realen Leben mit dem Thema Sterben um?

Auf jeden Fall anders als in meinen Büchern. Und auch anders als noch vor einigen Jahren. Ich bin inzwischen siebenundsiebzig, mein Mann ist einundachtzig. In diesem Alter kann man den Tod nicht mehr verdrängen – er kommt jeden Tag einen Schritt näher. Gerade wollte man noch eine gute Freundin anrufen, um sie etwas zu fragen, und schon ist sie nicht mehr da. Sie wird auch nicht wiederkommen. Das ist sehr, sehr schmerzlich.

Hadern Sie mit dem Tod?

Er macht mich traurig. Man fragt sich: Warum gehen gerade die, die man geliebt hat? Vor zwei Jahren ist meine Schwester gestorben, vor ein paar Monaten mein Bruder. Beide waren sehr krank, ihr Tod war also keine Überraschung. Und dennoch tut es weh. Man kann sich allenfalls mit den Gedanken trösten, dass sie einigermaßen friedlich eingeschlafen sind und ihr Leiden nun ein Ende hat.

In unserer westlichen Gesellschaft ist der Tod und alles, was damit verbunden ist, mehr und mehr zum Tabuthema geworden. Woher rühren diese Berührungsängste?

Wahrscheinlich hatten die Menschen schon immer Angst vor dem Tod. Wir alle wissen: Jeder muss sterben. Nur das Tier hat kein Bewusstsein von der eigenen Sterblichkeit. Doch früher ging man mit dem Tod anders um, war mit ihm vertrauter. Die Menschen starben zu Hause, im Kreis ihrer Familie, und wurden dort aufgebahrt, wo sie gelebt hatten. Man sah den Frieden in ihren Gesichtern, dieses leise Lächeln, als wollten sie sagen: Jetzt habe ich es endlich hinter mir. Ich habe einige Tote gesehen, und ich weiß, dass ihr Anblick durchaus tröstlich sein kann. Heute werden die Menschen ins Krankenhaus abgeschoben, und meist sterben sie allein. Der Tod ist uns fremd geworden, und alles, was fremd ist, macht uns Angst.

Kann man Menschen diese Angst nehmen?

Wenn man dem Tod begegnet, sollte man darüber reden. Und man sollte ordentlich weinen, wenn jemand stirbt. Wobei lachen und weinen manchmal nahe beieinander liegen. Ich erinnere mich noch an die Beerdigung meiner Schwester, an der auch zwei Kinder teilnahmen, ein Enkelkind von mir und ihr eigenes. Sie waren damals beide fünf Jahre alt, ein Junge und ein Mädchen. Natürlich wussten sie nicht, was es bedeutet, wenn jemand tot ist, aber sie sahen, dass alle Erwachsenen sehr ernst waren und weinten. Sie standen also Hand in Hand vor der ausgehobenen Grube und guckten hinunter auf die Urne. Schließlich wurde das Grab zugeschaufelt, und plötzlich fingen die beiden Kleinen an, auf dem Friedhof Fangen und Verstecken zu spielen. Ich sage Ihnen – das war so tröstlich! Das Leben hört ja nicht plötzlich auf, nur weil ein Mensch gestorben ist. Denken Sie nur an die Leichenfeiern auf den Dörfern. Was wird da gelacht und getrunken.

Haben Sie schon mal so eine lustige Totenfeier mitgemacht?

Mein Mann und ich sind mal im Odenwald durch Zufall in einen Leichenschmaus hineingeraten. Wir waren wandern und wollten etwas essen. In der Gaststätte herrschte eine solche Bombenstimmung, dass wir zunächst dachten, wir wären auf einer Hochzeit. Aber nein, es war eine Beerdigung. Ich war damals sehr pikiert. Heute sehe ich das ein bisschen anders. Die Menschen feiern, weil sie ein Ventil für ihre Trauer brauchen.

Sie sagten, einige Ihrer Freunde und Geschwister seien bereits tot. Wie gegenwärtig sind Ihnen die Verstorbenen?

Das ist unterschiedlich. Meine Mutter ist vor fast fünf Jahren im Alter von 106 gestorben. Sie hat sechzehn Jahre bei uns im Haus gelebt, oben in der ersten Etage, wo sie friedlich in ihrem Bett eingeschlafen ist. Erst in der vergangenen Nacht habe ich wieder von ihr geträumt. Es hatte etwas mit Schuld, mit Versäumnis zu tun. Ich glaube, ich hatte vergessen, ihr das Frühstück zuzubereiten und ans Bett zu bringen. Das ist mir zwar kein einziges Mal passiert, aber tief in meinem Inneren habe ich stets gefürchtet, nicht immer an alles zu denken. Diese Angst sitzt noch heute tief.

Ihre Mutter war neunzig, als sie zu Ihnen zog. Sie haben sie bis zu ihrem Tod gepflegt. Das ist für Angehörige oft eine extrem belastende Situation.

Meine Mutter war ein sehr selbstständiger Mensch. Ihre erste Frage, als sie zu uns zog, war: Was kann ich tun? Wo kann ich helfen? Kochen kam nicht in Frage. Das konnte sie nicht, weil wir in China einen eigenen Koch hatten und sie sich um nichts kümmern musste. Also hat sie sich auf unseren Garten gestürzt. Einmal, im Herbst, waren Journalisten bei uns und fragten ganz entgeistert: „Wie kommt es, dass bei Ihnen überhaupt keine Blätter auf dem Rasen liegen?“

Weil sich meine steinalte Mutter nach jedem einzelnen Blatt bückte und es aufhob. Sie war auch keine, die ständig herumjammerte und erwartete, dass man sich viel um sie kümmerte. Mit 102 brach sie sich leider ein Bein und konnte nicht mehr gut laufen. Das veränderte alles. Es fiel ihr schwer, um etwas zu bitten. Ich kann das durchaus verstehen. Wenn Sie Ihr halbes Leben lang für sich selbst verantwortlich waren, ist es nicht einfach, plötzlich auf die Hilfe anderer Menschen angewiesen zu sein.

Können Sie sich vorstellen, im Alter andere Menschen um Hilfe zu bitten?

Es würde mir vermutlich genauso schwer fallen wie meiner Mutter. Ich möchte auf jeden Fall selbstständig leben, solange es irgend geht. Ich weiß aber auch, dass es damit auf einen Schlag vorbei sein kann. Schon jetzt müssen mein Mann und ich Abstriche machen, weil uns für einige Dinge einfach die Kraft fehlt.

Ärgert Sie das?

Irgendwie schon, weil es so vieles gibt, das mir heute schwerer fällt als noch vor einigen Jahren. Wenn ich früher ein paar Besorgungen zu machen hatte, war schwupp-di-wupp alles erledigt und abgehakt. Das geht heute nicht mehr. Ich bin langsamer und unbeweglicher geworden. Ich sehe und höre nicht mehr so gut wie früher. Anfangs merkt man nicht einmal, dass man sich verändert, es ist ein schleichender Prozess. Man hat zum Beispiel einen Namen vergessen. Die Jüngeren sagen dann tröstend: Passiert mir auch hin und wieder. Aber bei uns Älteren häufen sich diese Fälle.

Altwerden ist auch eine Kopfsache …

Natürlich ist es das. Vergessen findet im Kopf statt.

Sie sind jetzt siebenundsiebzig. Ist das auch Ihr gefühltes Alter?

Mein gefühltes Alter? Keine Ahnung. Ein Psychologe sagte mir einmal, man sei so jung wie in seinen Träumen. Mein Problem ist, dass ich im Traum ganz unterschiedlich alt sein kann. Wenn ich träume, dass ich eine Schülerin bin, heißt das noch lange nicht, dass ich mich so jung fühle wie als Schülerin. Ich glaube daher, dass diese Theorie nicht stimmt.

Wann würden Sie selber sagen: Ich habe lange genug gelebt?

Jetzt jedenfalls noch nicht! Dazu bin ich viel zu neugierig. Ich kann mir allerdings vorstellen, dass ich irgendwann, wenn die unangenehmen Seiten des Alters überwiegen, keine Lust mehr habe. Wenn es überall zwickt und wenn einem nichts mehr gelingt. Andererseits habe ich an meiner Mutter gesehen, dass man bis zuletzt Freude an den kleinen Dingen des Lebens haben kann: am Sonnenschein, an einem Pudding. An der Lieblingssendung im Fernsehen.

Wie stehen Sie zur Sterbehilfe?

Ich finde diese ganze Diskussion sehr problematisch. Wer will entscheiden, ob jemand wirklich sterben möchte oder nicht? Vielleicht sagt der Betreffende nur aus einer bestimmten Situation heraus: Bitte hilf mir – und möchte im Grunde seines Herzens weiterleben. Wollen Sie die Verantwortung für seinen Tod auf sich nehmen? Mein Bruder bekam in der Endphase seines Lebens so viel Morphium wie er brauchte, um die schlimmen Schmerzen ertragen zu können. Diese Mittel haben seine Lebensdauer vielleicht um zwei, drei Wochen verkürzt, aber sie haben seine Lebensqualität verbessert.

Glauben Sie an ein Leben nach dem Tod?

Ich denke, mit dem Tod ist alles vorbei. Es ist sicher tröstlich, im christlichen Sinne an ein Jenseits zu glauben, aber so bin ich leider nicht gestrickt. Ich bin nicht gläubig und schon vor vielen Jahren aus der Kirche ausgetreten.

Aus der katholischen, vermute ich.

Nein, aus der evangelischen. Allerdings habe ich einige Jahre eine katholische Schule besucht. Das prägt. Als wir 1950 aus China nach Deutschland zurückkehrten, gab es in Bad Godesberg, wo wir hinzogen, kein städtisches Gymnasium für Mädchen. Also wurde ich in die Nonnenschule gesteckt. Ich war innerlich sehr renitent und aufsässig. Heute würde man sagen: Ich habe mich komplett verweigert. Es gab an dieser Schule zwei Nonnen, die sich sehr um mich bemühten. Sie waren gute Pädagoginnen, und ich habe ihnen unrecht getan. Das tut mir heute noch leid.

Gegen was oder wen haben Sie rebelliert?

Es gab so vieles an dieser Schule, was man nicht durfte. Man durfte zum Beispiel keine langen Hosen anziehen, sondern musste Röcke tragen. Das hat mich Tag für Tag verdrossen. Ich dachte, man muss doch anziehen dürfen, was man will. Ich habe in dieser Zeit eine Art Doppelleben geführt: Kaum war ich zu Hause – Rock aus, Hose an. An meinem Pferdeschwanz haben sie auch immer herumgemeckert. Eines Tages kam meine kleine Schwester in einer ärmellosen Bluse in die Schule und wurde sofort angeschnauzt, man sei schließlich nicht in Afrika, wo die kleinen Negerlein nackig herumliefen.

Sie geraten ja richtig in Rage.

Das war ja noch nicht alles. Wir wurden auch ein bisschen zum Heucheln erzogen. Beim Aufsatzschreiben haben wir immer gespottet: Mit Gott fang an, mit Gott hör auf. Dann kriegst du eine Eins.

Ich vermute mal, Sie haben keine Eins bekommen.

Doch, ich hatte viele Einser und habe auch ganz bewusst ein wenig geheuchelt. Ich erinnere mich noch an die Beerdigung eines Mädchens aus meiner Parallelklasse, an der wir teilnehmen mussten. Es war schrecklich. Nach der Beerdigung ging der Unterricht normal weiter, und ich und meine Freundin, die neben mir saß, bekamen auf einmal einen furchtbaren Lachanfall. Unbegründet und völlig hysterisch. Die Lehrerin hat uns schließlich rausgeworfen. Kaum standen wir vor der Tür, kamen die Tränen. Wir waren komplett überfordert mit der Situation. Heute würde man wahrscheinlich im Unterricht über den Tod der Schülerin reden. Damals ging man mit diesen Dingen anders um.

Wie ging die Sache für Sie aus?

Wir wurden zur Direktorin gerufen, einer strengen, aber sehr klugen Nonne. Sie hat uns erklärt, dass unser Lachanfall eine Reaktion auf die Beerdigung war. Damit war das erledigt.

War der Tod dieses Mädchens Ihr erster großer Verlust?

Nein, das war der Tod meines Vaters. Ich war damals neunzehn und hatte gerade angefangen zu studieren. Wahrscheinlich kam sein Tod nicht ganz unerwartet, aber meine Geschwister und mich hat er sehr getroffen. Wir sind dadurch in große finanzielle Nöte geraten. Unsere Eltern hatten ja viele Jahre in China gelebt, und mein Vater hatte nie in die deutsche Rentenkasse eingezahlt. Nach seinem Tod musste meine Mutter mit Mitte fünfzig plötzlich Geld verdienen.

Sie war vorher nie berufstätig gewesen und war eine dieser höheren Töchter gewesen, die Aquarelle malen und Klavier spielen konnte. Jetzt stand sie plötzlich allein mit vier heranwachsenden Kindern da, die alle noch in der Ausbildung waren.

Was war Ihr Vater für ein Mensch?

Wir haben ihn vergöttert. Er war ein Mann mit unglaublich viel Charisma. Wir Kinder waren immer stolz, wenn Freunde zu Besuch kamen und unser Vater die ganze Tischrunde mit seinen Geschichten unterhielt. Er konnte hinreißend erzählen.

Gibt es etwas in Ihrem Leben, das Sie versäumt haben und gern noch tun möchten?

Eigentlich nicht. Ich würde gern verschiedene Dinge können, wunderschön singen zum Beispiel. Das finde ich das Größte auf der Welt: singen können. Leider bin ich darin eine Niete. Dann würde ich gern mehrere Fremdsprachen perfekt beherrschen. Mein Französisch ist bis heute gewöhnungsbedürftig. Ich würde auch gern ein Musikinstrument spielen. Aber ich trauere dem nicht nach. Man kann nicht alles haben im Leben.

Ich vermute mal, Sie haben keine Eins bekommen.

"Über Bord" von Ingrid Noll, 336 Seiten, Diogenes Verlag. 21,90 Euro, ISBN: 978-3-257-06832-0. Leseprobe hier.

Das Interview führte Petra Pluwatsch.

Jetzt kommentieren

Ressort

Aktuelle Nachrichten aus der Gesellschaft.

Videonachrichten Panorama
Fotostrecke
Costa Concordia

Das Wrack der Costa Concordia fasziniert - möglicherweise wegen des starken Kontrasts, der ihm innewohnt. Hier der verbogene und angerostete Teil, der eineinhalb Jahre unter Wasser lag. Dort jene farbenfrohen Flächen, die den Eindruck vermitteln, es sei nichts passiert. Wir haben einige Motive im Großformat zusammengestellt: Zur Premium-Galerie.

Videonachrichten Leute
Fotostrecke
Hunde-Dusche: Ein Labrador-Golden-Retriever-Mischling bekommt in Deutschlands erstem Hundewaschsalon in Duisburg eine Dusche.

Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.