Wie sehr hat man sich gewünscht, diese Meldung nicht lesen zu müssen. Am Sonnabend starb die Sängerin Amy Winehouse in ihrer Londoner Wohnung, nach unbestätigter, aber begründeter Vermutung an einer Überdosis Drogen. Das ist umso betrüblicher, als sie – entgegen der berühmten Entzugsverweigerung in ihrem Hit „Rehab“ – vor kurzem wieder einen Entgiftungsversuch unternommen hatte.
Kritik und Fans hatten Winehouse spätestens seit ihrem eindrucksvollen, soulschweren zweiten Album „Back to Black“ von 2006 als Hoffnungsträgerin des trudelnden Popmainstream gefeiert. Seit langem und gründlich dokumentiert kämpfte die Künstlerin mit den Folgen ihrer Alkohol- und Drogensucht, bis ihr künstlerischer Glanz ganz hinter dem Bild des Jammers verschwand, das sie in der Öffentlichkeit und auf den Bühnen abgab. Zuletzt wurde sie bei einem Konzert in Belgrad für ihre erratische Performance von 20 000 Fans von der Bühne gebuht. Winehouse hatte mit ihrer Musik einen Nerv getroffen – immerhin veröffentlichte sie nur zwei Alben seit 2003 und musste in den letzten fünf Jahren ihre Fans ständig vertrösten. In London strömen derzeit ihre Fans vor ihre Wohnung, um ihrer mit Blumen, Kerzen und Plüschtieren zu gedenken, wie man es sonst nur von gestandenen Superstars kennt.
Mitglied im „Club 27“
Nun wird sie schnell zum Mitglied des sogenannten „Club 27“ ernannt. Dazu gehören die 27-jährigen Rocktoten Brian Jones, Janis Joplin, Jimi Hendrix, Jim Morrison und Kurt Cobain. Doch das verkennt einige wesentliche Unterschiede. Als aktiver Selbstmörder fällt Kurt Cobain sowieso aus der Reihe. Aber auch mit den anderen hat Winehouses letztlich konsequenter Missbrauchstod nicht viel zu tun.
Liest man die Poperzählungen der Sechziger und Siebziger Jahre, Berichte aus Warhols Factory oder Bücher wie „Apathy for the Devil „ von Nick Kents, eines glamourösen Rockjournalisten, wird schnell klar, wie die faktische Selbstzerstörung der ersten Rockgeneration mit naiver Rebellion und Unwissen zusammenhing. Sicher ging es dabei auch um junge Künstler, die vom schnellen Ruhm überfordert waren. Rauchen und Trinken gehörten damals zum guten Ton, und die weniger gebräuchlichen Drogen waren Alternativen für die Pophipster, die den Konsum mit Ideen von Dissidenz, Experiment und Bewusstseinserweiterung verklärten. Joplin, Hendrix, Morrison – und all die anderen, die noch ein paar Jahre länger durchhielten – starben eher versehentlich, aus Ignoranz oder im Überschwang.
Winehouse Absturz dagegen erscheint wie die Chronik eines angekündigten Todes. Was eine zusätzlich makabere Note erhält, als er dank Internet und geschulter Boulevard-Industrie als Mainstream-Spektakel fürs YouTube-Zeitalter stattfand. Wir waren alle dabei, wenn sie derangiert mit den Paparazzi und Fans vor ihrer Haustür flirtete, und alle haben zugesehen, wie sie sich desorientiert auf den Bühnen der Welt erniedrigte. Die medizinischen Analysen ihrer Zusammenbrüche erschienen als öffentliche Verlautbarungen und nicht nur ihr Vater befürchtete öffentlich ihr Ende, sollte sie die Sucht nicht in den Griff bekommen. Auch ihre geschäftlichen und privaten Berater drängten sie zur Einkehr. Aber für eine viel zu lange Zeit verstand Winehouse die Sucht als Teil jenes renitenten Selbstbewusstseins, für das ihre Songs so geliebt wurden.
Mit 14 sang sie in einer Jazzband
„Frank“, so der Titel ihres Debüt-Albums, also gradeheraus, sollten sie sein. Doch sie waren auch das Produkt popmusikalischer Medienprofis. Ihre Begabung, die immense Stimme, die, wie man so sagt, einen Erfahrungshintergrund jenseits ihres Alters suggerierte, wurde ab dem zehnten Lebensjahr auf Theaterschulen gefördert. Schon mit 14 sang sie in einer Jazzband, seit 2002 hatte sie einen Profi-Manager. Nach einem verhaltenen Beginn stieg „Frank“ zügig in die Platinregionen der Charts auf. Die Songs, auf denen sie bereits meist als Mitautorin geführt wird, orientieren sich noch eher am jazzig angehauchten, hiphop-affinen Neo-Soul und R&B ihres Produzenten.
Ihr zweites Album „Back in Black“ von 2006 verantwortete wesentlich Mark Ronson. Er verpasste ihr, von modischen HipHop-Beats gepuffert, das authentische Sixties-Flair der Hit-Fabriken von Motown zum Brill Building-Pop zwischen Phil Spector und Burt Bacharach.
Man versteht sofort, warum dieses Album, das ihr Weltruhm, fünf Grammys und Millionenverkäufe bescherte, so erfolgreich wurde. Unüberhörbar lag Amy Winehouse diese Musik am Herzen. Und ebenso gut erkennt man ein Songwiter-Potenzial in den eingängigen Songs und dem Charme und der zerzausten Sexyness von Stücken wie „You Know I“m No Good“ oder „Love Is a Losing Game“.
Ein Mensch mit Intelligenz, Witz und Schlagfertigkeit
Man konnte im berühmten „Rehab“ erfahren, wie sie den Alkohol- und Drogenkonsum zum Markenzeichen ihres Stils erhob. Natürlich steckt darin auch ein trotziges Pop-Statement. Doch authentisch und konsequent war weniger ihre Musik, als die bis zur Koketterie betriebene Stilsierung ihres Zerfalls bis in den mit der seelischen Wetterlage wechselnden Zustand ihrer Beehive-Frisur. Winehouse erklärte das Ende des Wegs, an dem Sängerinnen von Billie Holiday über Janis Joplin zu Whitney Houston ihre Kunst ruiniert hatten, zum Motor ihrer Existenz. Mit dem Ergebnis, dass sie seit Jahren vor allem Gegenstand echter bis interessierter Mitleidsbekundungen in allen Medien wurde. Dort protokollierte man engmaschig ihr wirres Liebesleben und die meist halbherzigen Aufenthalte in Kliniken, in die sie Wodkaflaschen schmuggelte oder die sie nach kürzester Zeit verließ. Angekündigte Arbeiten, unter anderem immerhin der Adelsschlag eines James-Bond-Songs, verklangen ebenso im Nichts wie die Produktion des dritten Albums, die wohl eher im Stadium der Planung dümpelte. Wie es im Leben glamouröser Giftler so geht, sah das alles nicht nur schäbig aus. Eine enthemmte Pfiffigkeit kann ja selbst bei minderen Begabungen wie Pete Doherty unterhaltsam sein. Leute, die Winehouse kannten, sprechen warm von ihrer Intelligenz, dem Witz und ihrer Schlagfertigkeit. Sie hatte Freunde und zuletzt auch einen seriösen Menschen als Geliebten. Fast rührend appellierte ihr Vater an ihre Dealer, sie nicht mehr zu versorgen – so realistisch, wie ein sozialer Appell an Investmentbanker aber auch an die völlig falsche Adresse gerichtet. Aber dennoch organisierte jemand ihren Alltag, schickte sie auf Tour, holte sie ins Fernsehen, buchte Studiotermine, trank mit ihr.
Ein Leben eleganter Verwahrlosung
Man kann nicht wissen, welche inneren Verunsicherungen sie in ihrer Suchtkarriere bestärkten. Anders als die gescheiterten Rocker der Pionierzeiten musste sie jedoch um die Gefahren wissen und hatte, verglichen mit den Durchschnittsjunkies, die besten Möglichkeiten der Hilfe. Es sieht daher schon so aus, als habe Winehouse sich bewusst ein Leben eleganter Verwahrlosung ausgesucht und nach den abgeklärt schmerzlichen Jazz- und Soulnummern gestaltet, die sie von den Eltern gefördert, seit der Jugend liebte. Und womöglich entstanden die problematischen Beziehungen, von denen sie mit ihrer suggestiv rauen Stimme singt, auch jene zu sich selbst und ihrem Körper, erst durch die Substanzprobleme und die Wahl ihrer Co-Süchtigen.
Es liegt uns fern, diesen idiotischen, zutiefst traurigen Tod einfach als selbstverschuldet abzuhaken. Aber er ist nicht überraschend oder auratisch, sondern elend. Man findet keine schicksalshafte Verkettung äußerer Umstände, noch lässt sich irgendeine subkulturelle Szene finden, deren enthemmtes Treiben man verantwortlich machen könnte. Tragisch daran kann man die allseitige Hilflosigkeit durchaus finden. Aber Amy Winhouses Tod ist in seiner dummen Erwartbarkeit auch schlicht ein Ärgernis.
Nick Kent schrieb 2008 in der Londoner Sunday Times von der „Winehouse Kollaps-Industrie“ und meinte: „Wenn sie in den nächsten Monaten die Geistesgegenwart aufbringt, ihren Zustand zu bekämpfen, kann sie ihre Karriere wieder aufgreifen und darauf aufbauen. Wenn nicht, verdammt sie sich dazu, ein Witzmagnet und Freak zu werden, das magere Rehab-Mädchen, das solange „Nonono“ zum Entzug sagt, bis sie sich ins Grab gegiftet hat.“
Amy Winehouse hat die zweite Option gewählt.
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