Deutschland löst sich auf. Oder zumindest die schöne Insel Rügen. Dieser Eindruck drängte sich gestern nach den Meldungen von einem Abbruch an den Kreidefelsen der Ostsee-Insel auf. Früh am Morgen lief die Nachricht über die Agenturen, und in den Redaktionen kursierten alsbald erste Fragen, was das bedeuten könnte. Waren nicht schon die Zacken der malerischen Wissower Klinken ins Meer gestürzt? Ist nicht auch ein Dorf absturzgefährdet gewesen? Was bleibt von der Insel?
Michael Weigelt ist nicht in Katastrophenstimmung. Im Gegenteil, er freut sich über das Interesse an Rügen samt Kreide und Ostsee. Er leitet die Außenstelle Nationalpark Jasmund des Nationalparkamts Vorpommern in Sassnitz. „Was da runtergekommen ist, ist keine Meldung wert“, sagt er. Die Nachricht kam überhaupt nur an die Öffentlichkeit, weil eine Touristin, als es am Dienstagabend im südlichen Bereich der Wissower Klinken bröckelte, Wanderer in dem Gebiet vermutete. Helfer eilten zur Küste. Gestern wurde die Suche eingestellt. Niemand wird vermisst.
Und die Klinken? „Na, die sind bald ganz weg“, erklärt Weigelt ohne einen Anflug von Trauer in der Stimme. Die Wissower Klinken, die überhaupt nur so schön aussahen, weil von ihnen immer wieder etwas abbröckelte, wurden gar nicht von Caspar David Friedrich gemalt, auch wenn das immer wieder behauptet wird. Sein Kreidefelsen-Gemälde von 1818 zeigt die Stubbenkammer. Damals gab es die Formation noch nicht. Um 1900 war sie ein beliebtes Postkartenmotiv. Als dann 2005 etwa 50 000 Kubikmeter Gestein von den Wissower Klinken abbrachen, wurden die ersten Nachrufe geschrieben.
Diesmal waren es Weigelt zufolge 150 bis 200 Kubikmeter, nach seinem Augenmaß – er war gestern vor Ort – „ein müdes kleines Häufchen“. Und als er gefragt wird, wer sich darum kümmere, sagt er: „Die Ostsee. Das ist hier ein Naturpark.“
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