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Panorama
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26. Januar 2013

Interview: Am besten bin ich, wenn ich unsicher bin

 Von Martin Scholz
Steven Spielberg bei den Dreharbeiten zu „Lincoln“ - dreizehn Jahre hat er den Film vorbereitet.Foto: 20th Century Fox

Man darf nicht zu selbstbewusst werden, sagt Steven Spielberg. Gar nicht einfach, wenn man der erfolgreichste Regisseur aller Zeiten ist. Ein Gespräch über Kritikfähigkeit, Treue zu sich selbst, und den Wunsch, Abraham Lincoln als Menschen zu zeigen

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Als Steven Spielberg Anfang der Neunzigerjahre in Krakau „Schindlers Liste“ drehte, zeigten sich die Reporter vor Ort irritiert: Zwischen den Aufnahmen für den Holocaust-Film überwachte er per Satelliten-Videoleitung auch die Postproduktion der computergenerierten Saurier in „Jurassic Park“. Für Spielberg ist das kein Widerspruch: Unterhaltung und Politik, Leichtes und Schweres, Eskapismus und Sendungsbewusstsein können für ihn durchaus nebeneinander stehen, teils bedingen sie einander sogar.

Wer Spielberg in den vergangenen Jahren zum Interview traf, wurde Zeuge dieser Gleichzeitigkeit. Wir haben ihn im Oktober 2011 in Paris gesprochen, als er seine Comic-Adaption „Tim und Struppi“ vorstellte, und im Januar 2012, ebenfalls in der französischen Hauptstadt, anlässlich der Veröffentlichung seines Kriegsfilms „War Horse“.

In Gedanken war er in diesen Gesprächen immer auch bei Abraham Lincoln, dessen Kampf gegen die Sklaverei er gerade verfilmte. Spielberg sprach darüber, dass sein Film über den 16. US-Präsidenten etwas Besonderes für ihn sei. Soeben wurde der Film durch zwölf Oscar-Nominierungen geadelt. Insgesamt hat der Regisseur dreizehn Jahre an dem Film gearbeitet. Dieses Gespräch wurde deshalb auch nicht nur an einem Ort und nicht nur an einem Tag geführt. Es ist ein Austausch mit Steven Spielberg über sein großes Projekt, den wir über die Monate sowohl mündlich als auch schriftlich hatten.

Mr. Spielberg, können wir uns ein bisschen über Selbstbewusstsein unterhalten?

Warum nicht. Dazu kann ich Ihnen was erzählen.

Sie sind der erfolgreichste Regisseur in der Geschichte des Films. Strotzt man da vor Selbstbewusstsein?

Selbstbewusst bin ich eigentlich immer nur dann, wenn ich die Fortsetzung zu einem bereits erfolgreichen Film drehe. Nur waren meine Fortsetzungen nie sehr gut. Und dafür gibt es einen einfachen Grund: Ich arbeite viel besser und intensiver, wenn ich nicht selbstsicher bin, wenn ich mich in einem Zustand der Unsicherheit befinde, wenn alles um mich herum ein bisschen chaotisch ist.

Warum ist das so?

Ich strenge mich dann mehr an. Wenn man zu selbstbewusst ist, sagt man schon mal: „Lassen wir doch alles so, wie es ist. Warum noch mal eine Szene verändern, am Ende wird sie nur schlechter?“ Im Grunde bin ich immer dann am besten, wenn mir Selbstvertrauen fehlt.

Unsicherheit spornt Sie also an?

Genau, das hält mich auf Trab. Wenn ich allerdings am Ende eines Drehtages, also nach getaner Arbeit mit mir selbst zufrieden bin, ist das, glaube ich, akzeptabel. Das ist jedenfalls etwas völlig anderes, als bereits morgens selbstbewusst am Set aufzutauchen und zu glauben, man habe eh alles im Griff. Wenn man sich nicht mehr hinterfragt, nicht mehr wissen will, ob das, was man macht, gut ist – dann ist Selbstbewusstsein gefährlich.

Wie schützen Sie sich davor?

Ich zeige meine Filme bis heute immer befreundeten Regisseuren. Ich bitte sie, sich mal die Rohfassung anzusehen. Und ich frage sie: „Gibt es langweilige Stellen? Wo sollte ich streichen? Welche Szenen sollte ich noch mal drehen?“ Diesen Austausch habe ich mit meinen Kollegen seit vielen, vielen Jahren gepflegt. Filmemachen ist Teamwork, es ist wichtig, dass Ideen von vielen eingebracht werden. Was im Umkehrschluss nicht heißt, dass auch alles funktioniert. Aber ich bin offen, ich beziehe Ideen und Vorschläge mit ein, von denen ich glaube, dass sie meine Art Geschichten zu erzählen, unterstützen.

Mit „Lincoln“ haben Sie sich ein historisches Schwergewicht vorgenommen, beschrieben und analysiert in Hunderten von Büchern. Was hat Sie daran gereizt?

Ich wollte Lincoln als Menschen zeigen. Und zwar in einem bestimmten, besonders dramatischen Abschnitt seines Lebens – in den letzten Monaten vor seinem Tod im April 1865.

Der Republikaner Lincoln war damals gerade im Amt bestätigt worden, der Bürgerkrieg dauerte bereits vier Jahre, das Land war tief gespalten …

Ja. Ich wollte, dass die Zuschauer ihm beim Denken zusehen, dass sie daran teilhaben, wie er zu jenen Entscheidungen kommt, die eine nachhaltige Wirkung nicht nur für die Amerikaner, sondern auch für den Rest der Welt hatten. Sein oberstes Ziel war, die Sklaverei abzuschaffen – und zwar, noch bevor er den Bürgerkrieg beenden wollte. Sklaverei ist Völkermord, eine Abscheulichkeit, Lincoln hat sie per Gesetz abgeschafft. Genau dieser Aspekt hat mich an Tony Kushners Drehbuchadaption am meisten gefesselt, das wiederum auf dem Buch „Team of Rivals“ von der Historikerin Doris Kearns Goodwin basierte. Und ich wollte, dass genau dieses Thema das Herzstück des Films ist.

Lincoln hatte sich zu dem Zeitpunkt gegen aussichtsreiche Friedensverhandlungen mit dem Süden gestellt. Er glaubte, dass es nach Kriegsende aussichtslos gewesen wäre, die ohnehin schwer zu beschaffende Zweidrittelmehrheit für die Abschaffung der Sklaverei durch den Kongress zu bekommen, in dem dann auch wieder die Senatoren aus dem Süden vertreten gewesen wären.

Ja. Lincoln sah sich zu der furchtbaren Entscheidung genötigt, den Krieg bewusst in die Länge zu ziehen, um so die Sklaverei per Verfassungsentscheid endgültig abschaffen zu können. Diesen Konflikt wollte ich zeigen. Er hatte Blut an seinen Händen, weil so weiter Tausende auf den Schlachtfeldern starben.

In früheren Filmen haben Sie die Monstrosität des Krieges schonungslos in vielen Details gezeigt. In „Lincoln“ zeigen Sie die Kämpfe nur in einer kleinen Szene am Anfang. In den restlichen zweieinhalb Stunden sehen wir hitzige Debatten im Kongress. Sie inszenieren den Wettstreit der Rhetoriker als spannendes Kammerspiel. Wie authentisch sind diese Redeschlachten?

Sie waren so, wie wir sie zeigen. Es gab damals großartige Reden und ebenso wunderbare verbale Faustschläge, Kämpfe mit Worten.

Es wird auch viel geflucht und aufs Übelste beschimpft.

Ja, was sich die Abgeordneten damals alles an den Kopf warfen, würde man heute nie in den Fluren des Weißen Hauses hören. Es war ungestüm, aber ich würde sagen: Es gab damals mehr eloquente Ehrlichkeit. Die Politiker sagten, was sie dachten, aber sie ummantelten ihre Angriffe mit einer wunderschönen Sprache – sodass die Beschimpfungen umso schmerzhafter waren.

Steven Spielberg

Spielberg wurde am 18. Dezember 1946 in Cincinnati im US-Bundesstaat Ohio geboren. Bereits als Zehnjähriger begann er, Kurzfilme zu drehen, mit dreizehn gewann er mit dem 40-minütigen Kriegsfilm „Escape To Nowhere“ einen Wettbewerb.

Gemessen an den Einspielergebnissen seiner Filme – darunter „Der weiße Hai“, die Indiana-Jones-Reihe, „E. T.“, „Jurassic Park“ oder „Schindlers Liste“ – ist er der erfolgreichste Regisseur aller Zeiten. Sein neuer Film „Lincoln“ ist seit dieser Woche im Kino.

Präsident Obama lud Spielberg unmittelbar nach seinem Wahlsieg zu einer Privatvorführung des Films ins Weiße Haus ein. Spielberg hatte Obama, wie zuvor auch die früheren Kandidaten der Demokraten wie John Kerry und Bill Clinton, im Wahlkampf aktiv unterstützt.

Kürzlich ist im Knesebeck-Verlag die sehr lesenswerte Werkschau „Steven Spielberg. Sein Leben. Seine Filme“ (280 Seiten, 39,95 Euro) erschienen. Angereichert mit Zitaten aus seinen zahlreichen Interviews mit dem Regisseur beschreibt Richard Schickel, der langjährige Film-Kritiker des Time-Magazines, die Entstehungsgeschichten und Rezeptionen von Spielbergs 28 Filmen und zeigt dazu mehrere bislang unveröffentlichte Fotos von den Dreharbeiten.

Sie haben den Start Ihres Films bewusst nach die US-Wahlen gelegt, weil Sie „Lincoln“ nicht als Kommentar zur gegenwärtigen US-Politik, der Ohnmacht der Entscheidungsträger, interpretiert sehen wollten. Ihnen war schon klar, dass das trotzdem passieren würde?

Ich möchte dazu nur soviel sagen: Was Lincoln politisch erreicht hat, steht für sich. Das ist sein Vermächtnis. Als Mitglied der Demokratischen Partei möchte ich Lincoln nicht benutzen, um mit dem Film meine eigenen aktuellen Ansichten zu untermauern oder zeitgenössische Politiker zu kommentieren. Ich versuche diesen Film in seinem zeitlichen Rahmen und im Kontext des 19. Jahrhundert zu belassen. Es ist eine Geschichte, die unsere Liebe, unseren Respekt gegenüber Lincoln widerspiegelt – und unsere tiefe Überzeugung, dass er der größte amerikanische Präsident war, den wir je hatten.

Was genau macht diese Größe aus?

Er konnte hundert Jahre voraussehen und mehrere Tausend Jahre zurückblicken. Er konnte das Gute und das Böse sehen, die Dunkelheit und die Traurigkeit in sich selbst, und er konnte Antworten daraus ableiten, die in ihm selbst verborgen waren. Er war so etwas wie der Dreh- und Angelpunkt zwischen Vergangenheit und Zukunft. Und dann war da noch diese sehr ehrgeizige Frau namens Mary Todd, die er traf und dann schließlich heiratete. Sie war der Motor, der ihn antrieb – hin zu einer Größe, die er selbst in sich selbst nie sah. Er hat sich durchgesetzt, hat den 13. Verfassungszusatz zur Abschaffung der Sklaverei durchgeboxt.

Und er sicherte sich die Stimmen von politischen Gegnern, indem er sie bestach und ihnen Posten im Kabinett gab.

Ja, zu einem Zeitpunkt, als viele dachten, er würde die notwendigen Stimmen nie bekommen. Lincoln hatte die große Gabe, Kontrahenten zu einem Team zu vereinen. Er konnte Menschen wachrütteln, selbst jene in seinem Kabinett, die gegen seine Ideen waren, die ihm vorwarfen, er sei zu langsam. Irgendwie schaffte er es, sie alle hinter sich zu vereinen, in einer Union aus Gleichgesinnten. Und mit ihnen führte er den Kampf für die Freilassung der Sklaven an. Er stand zu seinen Idealen. Er hatte einen Plan. Als junger Mann hatte einmal gesehen hatte, wie Menschen an eine Barkasse angekettet waren. Sein Vater hatte ihm das gezeigt. Und diese Bilder hat er nie wieder vergessen. Er war ein großer Politiker, ein großer Staatsmann. Aber er war niemand, der andere im Sturm für sich einnahm, sondern eher, indem überraschte. Und es gibt viele Gestalten, die zwar wie Präsidenten aussehen mögen – aber sie handeln nicht wie Präsidenten.

Was meinen Sie damit?

Viele Entscheidungen von Politikern dienen nicht unbedingt dem Wohl der Allgemeinheit. Stattdessen legen viele von ihnen mehr Wert auf ein kamerataugliches Image. Und dann gibt es um sie herum viele Menschen, die versuchen, dieses Image den Zuschauern zu verkaufen. Das ist nicht erst ein Phänomen der letzten Jahrzehnte, das gibt es schon eine sehr lange Zeit. Lincoln wirkte von seiner äußeren Erscheinung her überhaupt nicht wie ein Präsident. Aber angenommen, man hätte jemandem mit verbundenen Augen Lincoln gegenübergesetzt, ohne ihm zu sagen, dass er den Präsidenten der Vereinigten Staaten vor sich hat. Dann hätte er vermutlich den Eindruck gehabt, mit einem freundlichen Geschichtenerzähler zu sprechen.

Ihr Hauptdarsteller Daniel Day Lewis spielt als „Lincoln“ nach Ansicht der Kritiker die Rolle seines Lebens. Er war sich jedoch lange nicht sicher, ob er der Rolle gerecht werden würde. Hätten Sie Ihren Film ohne ihn machen können?

Meine größte Sorge war in der Tat, dass Daniel „Nein“ sagen würde. Nein, ich hätte diesen Film ohne ihn nicht gemacht. Zum Glück hat er irgendwann nicht mehr „Nein“ gesagt.

Der deutsche Schauspieler Hanns Zischler, der in Ihrem Film „München“ einen Mossad-Agenten spielt, schätzte an der Zusammenarbeit mit Ihnen, dass Sie ein sehr aufmerksamer Zuhörer seien. Macht das einen guten Regisseur aus – zuzuhören, statt Anweisungen geben?

Bevor man sich Gedanken macht, wie man Schauspieler anleitet, muss man erst mal den richtigen Schauspieler beim Casting finden. Erwischst du den falschen, musst du nachher bei den Dreharbeiten zehnmal so schwer arbeiten. Deshalb nehme ich mir soviel Zeit für das Casting. Und dann ist es wichtig, dass du den Leuten zuhörst, die du ausgesucht hast. Sie bereiten sich sehr gewissenhaft auf ihre Rolle vor, proben die Szenen vorm Spiegel, vor ihren Freunden, sie recherchieren, haben Vorschläge. Das Letzte, was sie am Set brauchen, ist ein Regisseur, der ihnen sagt: „Ist mir doch egal, was du dir gedacht hast, weil ich schon alles vom Anfang bis zum Ende durchgeplant habe.“ Ich höre meinen Schauspielern immer zu, so lerne ich selbst immer viel über die Geschichte, die ich erzählen will. Ein Film ist ein lebender Organismus, er atmet. Er hört nie auf, sich zu entwickeln. Du bist nicht deshalb ein Regisseur, weil du anderen ständig vorschreibst, was sie zu sagen oder tun haben, sondern, weil du zuhören kannst.

Steven Spielberg: „Ich wollte, dass die Zuschauer Lincoln beim Denken zusehen.“
Steven Spielberg: „Ich wollte, dass die Zuschauer Lincoln beim Denken zusehen.“
Foto: Reuters

Sie sind ja nicht nur Filmregisseur, sondern auch Produzent von Kinofilmen und TV-Serien. Wie entscheiden Sie, ob ein Stoff eher zur TV-Serie wird, wie die Zweiter-Weltkriegs-Serie „Band Of Brothers“ oder ein Spielberg-Film?

Filme, bei denen ich das Gefühl habe, Regie führen zu müssen, packen mich und lassen mich nicht mehr los. Der Druck lässt erst dann nach, wenn der Film fertig ist. Wenn ich lediglich als Produzent Filme betreue, bewegen mich die Stoffe nicht in der gleichen Weise. Es ist auch nicht so, dass ich mich gezielt auf die Suche nach einem neuen Film-Stoff begebe. Die Themen finden eher mich.

Wie dürfen wir uns das vorstellen?

Wenn ich beispielsweise in Buchläden gehe, lese ich all die Klappentexte – einfach, um zu sehen, ob mich irgendetwas interessiert. Ich schätze es, wenn es einfach passiert. All meine Filme, bei denen ich Regie geführt habe, sind auf diese Weise entstanden. Manchmal war es ein Genre, das mir schon seit Langem nicht mehr aus dem Kopf wollte. Ich wollte beispielweise schon als Kind immer einen Film über Ufos machen. Ufos waren für mich wie eine Mischung aus zeitgenössischer Mythologie und kultureller Wissenschaft. Ich begann dann irgendwann das Drehbuch zu „Unheimliche Begegnung der dritten Art“ zu schreiben. Ich habe es selbst gemacht, weil ich zu der Zeit sonst niemanden hätte überreden können, das zu machen. Ufos interessierten niemanden. Dann hatte ich mit „Der weiße Hai“ einen Welt-Hit, und als durchsickerte, dass mein nächster Film von Ufos handelte, wollte es auf einmal jeder machen.

In „Unheimliche Begegnung der dritten Art“ tritt der französische Meisterregisseur François Truffaut als Ufo-Forschers auf. Wie konnten Sie den großen Mann der Nouvelle Vague überreden, in einem Hollywood-Blockbuster mitzuspielen?

Ich kannte Truffauts Film „Der Wolfsjunge“, der mich sehr beeindruckt hat. Er selbst führt da ja nicht nur Regie, sondern spielte selbst jenen Arzt und Forscher, der das verwilderte Kind zu erziehen versucht. Mir war bis dahin gar nicht bewusst gewesen, dass Truffaut auch ein Schauspieler war. Ich rief ihn daraufhin an, erzählte ihm von meinem Projekt und traf ihn in Paris. Ich hatte ihm die Rolle des Ufo-Forschers auf den Leib geschrieben, hätte nie zu träumen gewagt, dass er tatsächlich mitspielen würde. Während der Dreharbeiten sagte er mir, ich sei auch so eine Art wildes Kind. Und dann fügte er hinzu: „Wir sind im Grunde beide wilde Kinder.“ Und dann riet er mir: „Du musst mit Kindern arbeiten. Du bist selbst eines geblieben. Ich selbst habe diese Erfahrung auch immer genossen, ich kann dir das nur empfehlen.“ Diesen Rat von Truffaut habe ich nie vergessen.

1982: Spielberg und sein sanfter Außerdirdischer E. T. aus dem gleichnamigen Film. In der Puppe steckte beim Drehen ein kleinwüchsiger Schauspieler.
1982: Spielberg und sein sanfter Außerdirdischer E. T. aus dem gleichnamigen Film. In der Puppe steckte beim Drehen ein kleinwüchsiger Schauspieler.
Foto: Knesebeck Verlag/corbis

Kindheit und auch immer wieder Kinder, die bedroht werden, sind seit jeher ein Leitmotiv vieler Ihrer Filme. In „Lincoln“ gibt es den jungen Sohn, der in den Krieg ziehen will, was der Vater und oberste Feldherr verhindern will. Woher rührt Ihre Faszination für dieses Thema? Ist Kindheit für Sie eine Art Sehnsuchtsort?

Da ist was Wahres dran. Was die Beschäftigung mit der Kindheit betrifft, kann ich nur sagen: So bin ich nun mal. Du kannst dich intellektuell nicht von dem entfernen, was du bist. Wenn du versuchst, es zu kaschieren, schimmert es am Ende doch immer durch. Du kannst nicht jemand sein, der du nicht bist. Das ist artifiziell. Wenn ich immer noch Filme mache, die einen Sinn für Kindheit bewahren, dann deshalb, weil ich mich nie zu weit von dieser Quelle entfernt habe.

Aber Ihre Sicht auf die Welt hat sich in den vergangenen Jahren zunehmend verdüstert. Seit den Anschlägen vom 11. September 2001 scheinen Sie schwermütiger geworden zu sein. Gibt es da einen Zusammenhang?

9/11 hat für mich viel verändert, es war eine Zeitenwende. Für jeden denke ich. Viele meiner Filme sind seitdem düsterer geworden, „Minority Report“ war ein dunkler Blick in die Zukunft, „War of the Worlds“ hatte mit seinem Bedrohungsszenario, dem Angriff von außen, einen direkten Bezug zu 9/11. Es war nicht so beabsichtigt, aber so hat es sich entwickelt. Das ist ein gutes Zeichen.

Wie meinen Sie das?

Es bedeutet, dass ich mir heute dessen bewusster bin, was um mich herum passiert. Wir können uns alle in Filmen verlieren, in diesen alternativen Lebenswelten, die sie oft anbieten. Filme bieten aber keine ursprüngliche Katharsis, wie wir sie alle tagtäglich erleben, keine wirklichen Freunde, kein wirkliches Leid. Kino ist nicht das richtige Leben. Es ist das Leben, wie es eine reale Person sieht. Ich nehme heute die Nachrichtenlage, die politische Situation weltweit viel bewusster wahr. Wir leben heute alle in einem globalen Kontext, können uns nicht mehr nur auf uns selbst beziehen, auf nationale Interessen. Wir müssen verstehen, dass diese Welt zusammenhängt, miteinander vernetzt ist. Ich habe sieben Kinder, und ich möchte dass sie in einer sicheren Welt aufwachsen. Aber seit sie auf der Welt sind, bin ich besorgter, als ich es jemals zuvor war. Und all diese Dinge haben meinen Blick auf die Welt verändert.

Mr. Spielberg, Sie haben eskapistische Blockbuster perfektioniert wie „Jurassic Park“ oder „Indiana Jones“ und dann wieder politische Filme wie „Schindlers Liste“ oder „Amistad“ gedreht. Können Sie sich das Geheimnis Ihres andauernden Erfolges bei all den Wendungen erklären?

Ich wüsste es auch gerne. Ich kann dazu nur sagen, dass ich schon als Kind angefangen habe, Filme zu drehen. Ich war damals 12, 13 Jahre alt und konnte mir nichts Schöneres vorstellen. Es gab nichts auf dieser Welt, das mich mehr fasziniert hätte, als mir meine kleine Acht-Millimeter-Kamera zu schnappen, und vier Minuten lange Geschichten zu erzählen. Wenn ich heute einen Film drehe, spüre ich immer noch dieselbe Energie, die Aufgeregtheit. Dieses Gefühl wird nie verschwinden. Wenn doch, wäre das wohl der Tag, an dem ich aufhöre, Filme zu machen.

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