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Interview: Europa muss ganz schwanger werden

Der Ökonom Tomás Sedlácek über unsere gemeinsame Haut, fette und magere Kühe, versiegende Quellen des Reichtums und die tektonischen Verschiebungen zwischen Wirtschaftsmächten.

Der Ökonom Tomás Sedlácek beschäftigt sich in seinem Buch Die Ökonomie von Gut und Böse damit, wie tief Ökonomie in der Kultur verwurzelt ist.
Der Ökonom Tomás Sedlácek beschäftigt sich in seinem Buch "Die Ökonomie von Gut und Böse" damit, wie tief Ökonomie in der Kultur verwurzelt ist.
Foto: David Oliveira
Berlin –  

Tomás Sedlácek ist ein Meter neunzig groß, rothaarig, ein Mann mit lebhaften Gesten. Ich sitze ihm in einem Zimmer im Berliner Hotel Savoy gegenüber und bin ihm immer wieder im Weg. Endlich hat er eine Lösung gefunden. Er zieht sein linkes Bein hoch auf seinen Sessel und setzt sich darauf. Mit einem sehr resoluten Gesichtsausdruck. So, als wollte er sagen: Jetzt langt’s. Du büxt mir nicht mehr aus.

Entschuldigen Sie bitte die Verspätung. Es regnet und …

Es regnet in Prag. Es regnet in Hamburg, von wo wir gerade kommen, und es regnet in Berlin. Eine europaweiter Regen! Etwas, das wir alle gemeinsam haben: Wunderbar.

Sie mögen den Regen?

Ich mag ihn. Aber ich mag ihn draußen. Man kann gut lesen dabei.

Was war das mit dem Anruf?

Welcher Anruf?

Der eine wichtige Anruf.

Ach ja! Ich hatte gerade mein Studium abgeschlossen, meinen Master gemacht, da rief die Universitätsleitung an und sagte, Herr Fischer habe gefragt, ob ich nicht Zeit für ein Gespräch hätte. Ich versuchte, möglichst höflich abzusagen. Ich ging davon aus, das sei jemand von Fischer-Reisen, die einen Termin wollten. Für Fischer-Reisen aber wollte ich nicht arbeiten. Reden Sie doch wenigstens mit Fischer, meinte das Rektorat. Ich kann diese Woche nicht, sagte ich. Nicht diese Woche, antwortete man mir, sondern in fünfzehn Minuten. Die sind verrückt, dachte ich. Aber dann erklärte man mir, Pavel Fischer sei der Bürochef von Präsident Vaclav Havel und es gehe darum, dass Havel einen Wirtschaftsberater suche. Ich kämmte mich, band mir meinen Zopf und rannte auf die Burg.

"Erst als dann klar war, dass ich den Job hatte, sprach ich darüber."

Und dort?

Ich sagte: Ich bin jung, völlig unerfahren. Warum fragt ihr mich? Ihre Antwort war überdeutlich: Weil Du jung und unerfahren bist. Wir brauchen einen geschulten Ökonomen, der aber nichts zu tun hat mit den Erfahrungen des Sozialismus.

Was erzählten Sie Ihren Eltern, Ihren Freunden?

Erst einmal nichts. Ich habe die drei Monate Probezeit abgewartet. Erst als dann klar war, dass ich den Job hatte, sprach ich darüber.

Waren Ihre Eltern in der Opposition, Unterzeichner zum Beispiel der Charta ’77?

Nein. Mein Mutter war Ärztin, und mein Vater arbeitete für die tschechische Luftfahrtgesellschaft. Sie hatten die verbotenen Platten zum Beispiel von Karel Kryl, dem tschechischen Wolf Biermann. Aber sie waren keine Oppositionellen. Als dann die großen Demonstrationen waren, gingen sie hin. Sie nahmen mich auch manchmal mit. Das war eine große Erfahrung für mich. Ich bekomme auch jetzt wieder eine Gänsehaut, wenn ich daran denke. Einmal war ich dabei, wie einer der führenden Kader vor Metallarbeitern sprach, seine Parteigänger, glaubte er. Er bezeichnete die Oppositionellen als Kinder und brüllte in die Menge hinein die rhetorische Frage: Wollt ihr euch von Kindern regieren lassen? Da kam ihm von Hunderten von Mündern die Antwort entgegen: Wir sind keine Kinder! In Psychologiekursen hören wir immer wieder, der Mensch sei in der Masse dumm. Ich habe die Klugheit der Massen kennengelernt, bevor man mich über ihre Dummheit belehren wollte.

Haben Sie noch Kontakt mit ihren Kollegen von damals?

Es war eine sehr merkwürdige Truppe. Die Demokratie war jung und wir waren es auch. Alles war neu damals. In Tschechien haben wir einen spöttisch gemeinten Spitznamen. Havel sprach ja gerne davon, dass Liebe und Wahrheit über Hass und Lüge siegen müssten. So werden wir dann die Liebe-und-Wahrheit-Truppe genannt. Oder auch einfach die Wahrheitsliebenden gerufen. Das ist aber negativ gemeint.

Im Deutschen sagen wir Gutmenschen.

Wir sind Europäer. Ganz und gar. Ich bin sicher, ohne das kommunistische Regime hätte die tschechische Republik zu den Gründungsmitgliedern der Europäischen Union gehört. Aber wir waren zwanzig Jahre zurück. Eine Mandarine, eine Coke – das waren Befreiungsschläge. Vor zwanzig Jahren war eine Coke ein Gottestrank!

Tomás Sedlácek

Geboren 1977 in der kleinen Stadt Roudnice nad Labem, wuchs Sedlácek, Sohn eines Piloten, in Tschechien, Dänemark und Finnland auf.

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Autor:  Arno Widmann
Datum:  21 | 1 | 2012
Seiten:  1 2 3
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