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16. Januar 2009

Interview mit Aviv Geffen: "Ich bin das neue Israel"

Hält nicht viel von seiner Generation: Aviv Geffen.  Foto: ddp

Der israelische Star singt für den Frieden und verteidigt den Gazakrieg. Seine Generation aber hält er für drogenabhängig und perspektivlos.

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Zur Person

Aviv Geffen, 34, ist in Israel ein Superstar und zugleich eine Ikone der Friedensaktivisten. 1995 sang er auf einer großen Friedenskundgebung in Tel Aviv, in deren Verlauf der damalige Premier Jitzchak Rabin erschossen wurde; seither singt Geffen gegen religiöse Eiferer, das Militär und die Regierung.

Auf Europa-Tournee ist Geffen zurzeit mit seiner Band und dem britischen Gastmusiker Steven Wilson. Am heutigen Samstag spielt er in Berlin, am 18.1. in Hamburg, am 20.1. in Köln, am 22.1. in München.

Mr. Geffen, wie leben Sie mit der Erinnerung an die Nacht, in der Sie bei einem Auftritt Jitzchak Rabin umarmten - und er kurz danach erschossen wurde?

Dieses Erlebnis verfolgt mich jeden Tag, bis an mein Lebensende. Es änderte mein Leben und das aller Israelis. Durch den Mord an Rabin hat man auch den Traum vom Frieden ermordet.

Seither singen Sie in Stadien und großen Hallen über das kaputte Israel, verhöhnen Regierung und Militär. Welche Reaktionen bekommen Sie?

Vor wenigen Tagen habe ich wieder zwei Morddrohungen bekommen, von fanatischen Israelis. Diese Leute rufen bei meinem Manager an, sogar bei unserem Konzert in Paris haben sie ihn behelligt. Sie wollen erreichen, dass ich den Mund halte. Ich bin es inzwischen gewohnt, dass Bodyguards mich schützen - auch bei den bevorstehenden Auftritten in Deutschland. In Israel bin ich eine Symbolfigur - man könnte sagen: der Che Guevara des Friedensprozesses.

Während in Gaza die Raketen fliegen, treten Sie auf deutschen Konzertbühnen auf. Was werden Sie singen?

Meine Protest-Hymne "It's Cloudy Now" ist auf jeden Fall im Programm. Das wird die erste Single-Auskopplung in Deutschland sein.

Einschließlich des in Israel beliebten Mitgröhl-Refrains "We Are the Fucked-up Generation"?

Natürlich, das ist die wichtigste Zeile im ganzen Lied.

Was ist denn so schief gelaufen für Ihre Generation, die heutigen Mittdreißiger?

Unser Land ist wie ein einziges großes McDonald's-Lokal geworden - schnell, billig und ohne Geschmack. Wir leiden unter der Politik von Bush, und wir leiden unter dämlichen Kriegen wie dem im Irak.

Warum glauben Sie, das alles trifft nur Ihre Generation? Im Kriegszustand befindet sich Israel doch seit mehr als 60 Jahren.

Das stimmt, aber unsere Generation hat endgültig alle Ideale verloren. Wir haben keine Visionen, keine Anführer. Alle romantischen Perspektiven auf das Leben sind dahin - wie auch, wenn die Hälfte von uns mit Drogen vollgepumpt ist, die andere nur vor dem Internet abhängt. Ich glaube, vielen Deutschen aus unserer Generation geht es genauso - sie werden "It's Cloudy Now" in ihre Herzen schließen.

Andererseits unterstützen viele Israelis Ihrer Generation die Kämpfe in Gaza; viele sind als Reservisten involviert.

Sie dürfen nicht vergessen, dass das, was ich gemacht habe, ein absoluter Ausnahmefall ist. Ich habe den Wehrdienst verweigert; ich spreche öffentlich gegen die Generäle und die Regierung. Ich versuche, meinen Leuten in Israel die Augen zu öffnen - aber das ist ein langsamer Prozess. Sie fangen an, Fragen zu stellen. Ich bin für sie das neue Israel. Mein Onkel war Moshe Dajan, unter seiner militärischen Führung wurde Ost-Jerusalem besetzt. Er galt damals als der große Held und prägte einen Macho-Typ, der seither angesagt ist. Aber ich erlaube meinen Anhängern, zu weinen, weich zu sein, Angst zuzugeben. Und ich mache keinen Hehl daraus, dass ich alle Gebiete, die wir damals annektiert haben, sofort wieder hergeben würde - ohne Gegenleistung.

Wie erklären Sie sich, dass so wenige Musiker Ihrer Generation sich ähnlich politisch äußern?

Sie wollen möglichst viele CDs verkaufen - wie die Popmusiker im Rest der Welt. Aber mir sind Verkaufszahlen egal. Ich glaube, das spürt das Publikum bei meinen Konzerten: Wenn ich auftrete, hören sie nicht irgendeinen weiteren öligen Popsänger.

Wäre der aktuelle Konflikt nicht eine Chance für die Friedensbewegten, stärker an die Öffentlichkeit zu treten?

Sie müssen sich eines vor Augen halten: Israel wurde gegründet, um den Juden einen sicheren Boden zu geben. Aber in diesen Tagen ist Israel der unsicherste Platz auf der ganzen Welt. Anderthalb Millionen Israelis im Süden sind ständig bedroht, weil sich die Hamas in den Wohnhäusern von Zivilisten in Gaza eingerichtet hat, um ihre Bomben zu lagern und von dort auf uns abzufeuern. Stellen Sie sich vor, eine Rakete dieser Art ginge auf Frankfurt nieder. Nur eine einzige. Würde die deutsche Regierung da ruhig die Hände in den Schoß legen? Die Israelis werden seit acht Jahren fast jeden Tag beschossen - seit acht Jahren!

Sie betonen immer wieder, Sie seien ein Freund der Palästinenser - wie können Sie trennen zwischen der Hamas und dem palästinensischen Volk, das die Hamas doch erst ermächtigt hat?

Die Hamas ist für mich eine Terrorgruppe wie Al Kaida. Sie behandeln uns so, wie die Nazis uns früher behandelt haben. Sie hassen uns allein aus dem Grund, dass wir jüdisch sind. Auf der anderen Seite benutzen sie die Palästinenser wie lebende Schutzschilde. Das ist widerlich. Sie haben den Menschen vor der Wahl alles Mögliche versprochen - Geld für bessere Straßen, eine bessere Zukunft - doch sie stecken alles in Waffen. Aber lassen Sie mich eines klarstellen: Ich finde, wir sollten den Krieg so bald wie irgend möglich beenden. Sonst wird die Gewalt wie ein Bumerang zu uns zurückkehren. Ich glaube nicht an intelligente Bomben, sondern an intelligente Menschen.

Interview: Thomas Wolff

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