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Interview mit Brad Pitt: „Ich hab' mich totgelacht“

Hollywoodstar Brad Pitt gibt selten Interviews. Bei den Film-Festspielen in Cannes stellte er sich den Fragen einer kleinen Journalistenrunde. Ein Gespräch über die ungewöhnlichen Regie-Einfälle von Altmeister Terrence Malick, die Lust am Älterwerden und den Sinn des Lebens

Brad Pitt in Cannes.
Brad Pitt in Cannes.
Foto: dpa

Mr. Pitt, haben Sie Angst vor dem Älterwerden?

Nein, mir macht das Altwerden Spaß. Noch gefällt es mir, denn die Mühen des Alters kenne ich ja noch nicht. Ich würde jederzeit Weisheit gegen Jugend tauschen. Ich lasse den jungen Leuten inzwischen auch gerne den Vortritt – sollen die ruhig ihre Fehler machen.

Ihr neuer Film „The Tree of Life“ wirft große Fragen auf über den Ursprung, das Ende und den Sinn des menschlichen Lebens. Haben Sie Ihre eigenen Antworten darauf gefunden?

Ich bin in einem christlichen Elternhaus aufgewachsen und hatte schon als Kind immer große Fragen – doch die Antworten haben mich nie wirklich befriedigt. Aber wie jedem anderen Heranwachsenden wurde mir irgendwann bewusst, dass man sterben wird und dass auch die Menschen, die man liebt, sterben müssen. Mir wurde auch klar, dass irgendjemand zuerst gehen muss und dann den anderen zurücklässt. Das sind große Fragen für ein Kind. Inzwischen bin ich selbst Vater – und es sind für mich immer noch große Fragen. Als ich gestern den Film sah, wurde mir klar, dass im Akzeptieren des Ungewissen eine eigene Schönheit liegt. Ich weiß nicht, ob das für Sie einen Sinn ergibt. Aber mir bedeutet das sehr viel.

Warum sieht man Sie inzwischen fast nie mehr in Actionfilmen, dafür aber umso öfter im anspruchsvollen Kino?

Sehen Sie, diese Figur des strengen Vaters, die ich spiele, ist gleichermaßen normal wie kompliziert. Dieser Film hat soviel mit meiner eigenen Kindheit zu tun, dass er für mich sehr persönlich ist.

Zur Person

Brad Pitt, 48, machte sich bereits in einem Werbespot für Bluejeans unvergesslich, bevor er 1991 eine eindrucksvolle Nebenrolle im Road-Movie „Thelma und Louise“ spielte. Der Durchbruch gelang ihm in der Hauptrolle des Dramas „Aus der Mitte entspringt ein Fluss“, das Robert Redford inszenierte. Bis heute wird er als Nachfolger Redfords im Rollenbild des natürlichen, sportlichen Amerikaners gehandelt. Doch es waren gerade zwiespältige Figuren wie in David Finchers „Fight Club“ und Tarantinos „Inglourious Basterds“, die Pitt als Charakterdarsteller etablierten.

In Terrence Malicks Drama „The Tree of Life“ (ab 16. Juni im Kino), das er auch mitproduzierte, spielt er gar die Rolle eines herrischen Patriarchen. Gemeinsam mit Angelina Jolie, seiner Lebensgefährtin und Filmpartnerin aus „Mr. und Mr. Smith“, engagiert er sich in verschiedenen humanitären Projekten wie dem Kampf gegen Landminen, der Eindämmung des HI-Virus in Afrika oder der Wohnungsnot in New Orleans.

Hatten Sie auch so einen strengen Vater?

Nein, mein Vater war ganz anders, sonst würde ich jetzt nicht so vor ihnen sitzen und offen über diese Dinge sprechen. Aber um auf Ihre Frage zurückzukommen: Es stimmt schon, mir fiel zuletzt auch auf, dass ich die typischen Heldenrollen meide. Warum? Weil man im Grunde ja jeden anderen Schauspieler als Helden besetzen kann. Ich bin mit vielen Kollegen befreundet, und die meisten würden ihre Rollen wohl nach ähnlichen Kriterien aussuchen wie ich.

Und welche sind das?

Ich möchte mich in meinen Filmen lieber mit Dingen befassen, die etwas mit meinem Leben zu tun haben. Und die Rolle des Vaters in Malicks Film hat das für mich eingelöst.

Sie sind nicht nur einer der Hauptdarsteller, sondern auch Produzent von „The Tree of Life“. Birgt so ein künstlerischer Film nicht ein hohes finanzielles Risiko?

Ich erwarte für meine Firma bei einem Film wie diesem keine großen Gewinne. Ich glaube allerdings auch nicht, dass wir Geld verlieren. „The Tree of life“ ist ein experimenteller Film. Man kann ihn nicht mit normalen Maßstäben messen. Uns allen geht es dabei um eine größere Geschichte. Um einen Film, der uns dazu bringt, über unser eigenes Leben nachzudenken.

Was war denn Ihr erfolgreichster Film als Produzent?

Das war wohl „Eat Pray Love“ mit Julia Roberts.

Was ging Ihnen denn durch den Kopf, wenn Sie mit Terrence Malick sprachen? Haben Sie sich da jedes Mal überlegt, ob Sie ihm jetzt als Produzent oder als Darsteller gegenüber standen?

Nein, überhaupt nicht. Ich vertraue ihm blind. Er ist unglaublich bescheiden. Mich hat fasziniert, wie intensiv er sich mit diesen höheren Fragen befasst, um die es in diesem Film geht. Seine Idee vom Göttlichen, die weit über die christlichen Dimensionen hinausgeht. Und dann seine Liebe zur Natur und zur Wissenschaft. Diese beiden Dinge sind ja nicht immer in Einklang zu bringen, insbesondere in Amerika stehen sie miteinander in Konflikt: Für ihn steckt Gott in der Wissenschaft und die Wissenschaft in Gott. Er ist ein ganz besonderer und sehr lieber Mensch. Das heißt, solange man ihm nicht einen Baseball und einen Schläger gibt.

Können Sie Malicks besonderen Arbeitsstil beschreiben?

Er hat eine ganz andere Art, Filme zu drehen. Normalerweise ist das ja ein riesiger Aufwand mit hundert Leuten um uns herum. Da gibt es dann eine Gewerkschaft, die für die Beleuchter zuständig ist, verschiedene andere für die Fahrer. Bei ihm sieht das anders aus: Da war nämlich überhaupt kein Licht, sondern nur ein Mann mit einer Kamera. Es gab viele Laienschauspieler, und die Kinder durften kein Drehbuch lesen. Dafür hatten sie ihren eigenen Schrank und durften selbst entscheiden, was sie in einer Szene anziehen wollten. Wir älteren Schauspieler mussten uns im Spiel nach den Kindern richten. Und das Drehbuch benutzte Malick sowieso nur als Skizze.

Wie finden Malicks Filme zu ihrer visuellen Perfektion?

Gestern sagte jemand, Malick sei ein Perfektionist. Ich glaube, das Gegenteil ist der Fall: Er ist ein Unperfektionist. Er findet die Perfektion in der Unvollkommenheit. Er möchte die Szenen in Unordnung bringen, indem er beispielsweise den Kameramann anstupst. Einmal setzte er einen Hund zu mir auf den Vordersitz meines Wagens, als ich gerade losfahren sollte. Ich hab' mich totgelacht. Es gibt eben diesen Unterschied zwischen guten und großartigen Regisseuren: Die großartigen lieben all ihre Figuren.

Wie sind Sie ein Terrence-Malick-Fan geworden?

Der erste seiner Filme, die ich sah war „Badlands“.

In dem Martin Sheen einen Mann spielt, der den Vater seiner Freundin ermordet und auf der Flucht weitere Menschen umbringt.

Ja, ich hatte bis dahin noch nie so ein menschliches Porträt eines Soziopathen gesehen. Sehen Sie, ich bin vor allem ein Kinofan und Malicks Filme liebe ich besonders. Eigentlich ist es mir ja eher peinlich, öffentlich über Themen wie Glauben und Leben nach dem Tod zu reden, so wie wir das jetzt gerade machen. Aber Terrence hat mich dazu gebracht, meine Zurückhaltung zu überwinden. Er sagt mir dann immer: Wovor willst Du dich denn eigentlich schützen?

Warum gibt es zurzeit so viele Filme über das Amerika der 1950er Jahre? Wir sahen Sie zuletzt in „Der seltsame Fall des Benjamin Button“, der auch zum Teil in den 50ern spielt. Die 50er Jahre sind für die USA sehr wichtig. Sie stehen für das industrielle Wachstum und den Nationalstolz der Nachkriegszeit. Aber es war auch eine Zeit des Puritanismus, gegen den dann in den 60er Jahren revoltiert wurde. Und die 50er waren zudem von einer Frömmigkeit geprägt, die nach strengen Regeln ausgerichtet war. All das bestimmt meine Figur des Vaters im Film. Er wird vom Ehrgeiz des Amerikanischen Traums förmlich zerfressen und er misst seinen Wohlstand stets an dem der anderen. Und wer sich ständig derart unterdrückt fühlt, findet schnell jemand Schwächeren, an dem er seinen Frust ablässt und sich selbst so wieder aufrichten kann. Leider sind das in diesem Fall seine Kinder.

Sie haben sich während der Dreharbeiten mehrere Monate lang in die Rolle dieses strengen Vaters hineinversetzt. Konnten Sie das abstreifen, wenn Sie nach Hause kamen?

Ich verhalte mich meinen Kindern gegenüber sehr bewusst. Dazu gehört, dass ich meine Frustrationen nicht mit nach Hause bringe. Ich möchte, dass meine Kinder frei und unbelastet aufwachsen. Ich versuche mich immer dann einzubringen, wenn sie mich brauchen. Und ich lerne viel von ihnen. Anfangs ertappte ich mich als Vater dabei, meinen Kindern gegenüber Sätze zu wiederholen, die mir schon meine Eltern predigten. Aber das passte nie. Ich wünsche mir für meine Kinder, dass sich das erfüllt, was sie sich wünschen. Ganz egal, was es auch sein mag. Und dabei will ich ihnen helfen.

Mr. Pitt, neben der Schauspielerei engagieren Sie sich stark in humanitären Projekten wie Ihrer mehrfach ausgezeichneten „Make it Right“-Foundation, die den Wiederaufbau eines vom Hurrikan Katrina verwüsteten Stadtteils in New Orleans finanziert. Was reizt Sie an dieser Aufgabe?

Sehen Sie: Ich habe das große Los gezogen, in vielerlei Hinsicht. Darüber bin ich sehr froh. Aber dafür kann ich nichts. Ich hatte einfach Glück. Ich bin inzwischen in vielen Gegenden gewesen, die große Katastrophen erlebt haben. Und ich bin in der privilegierten Situation, einen Teil meines Wohlstands teilen zu können. Ich habe dabei immer wieder erkannt, was es den Menschen bedeutet, wenn ihnen jemand in einer existenziell bedrohlichen die Hand reicht. Es bedeutet dem Einzelnen sehr viel. Man muss das tun.

Ihr Plan ist es, 150 neue Häuser in dem einst vollkommen zerstörten Viertel zu bauen. Wie weit sind Sie?

Ich war gerade erst wieder dort und war vollkommen perplex, wie sehr sich die Gegend zum Besseren verändert hat. Der Lower 9th Ward gehörte ja schon vor dem Hurrikan zu den vernachlässigten Stadtteilen in New Orleans. Bei den Neubauten verwenden wir jetzt ökologische Technologien, die man sonst vor allem mit Luxus für die Oberschicht assoziiert. Wir zeigen, dass es auch anders geht – indem wir äußerst sparsam kalkuliert haben, um möglichst effektiv Wohnraum für die niedrigen Einkommensschichten zu schaffen. Unsere bisherigen Erfahrungen sind so positiv, dass wir expandieren wollen. Wir wollen unser Projekt erweitern und an anderen Orten anwenden, was wir hier gelernt haben.

Sie sind Philanthrop, Welt-Star, ihre Fraun ist Welt-Star, sie haben sechs Kinder: Wann und wo immer sich ihre Familie in der Öffentlichkeit zeigt, wird sie von Heerscharen von Paparazzi abgelichtet wird. Gibt es für Sie noch so etwas wie ein normales Leben?

Den Traum von einem normalen Leben habe ich aufgegeben. Das Herumreisen ist das normale Leben für uns, so unnormal es vielleicht ist. Ich bin ein Vater und habe Vatersorgen. Ich frage mich oft, ob jeder in meiner Familie sich gut aufgehoben fühlt, ob jeder alles hat, was er braucht. In meinem Job gehört es dazu, dass man einen Teil seines Privatlebens aufgibt, gleichzeitig muss ich die Privatsphäre meiner Kindern verteidigen. Sie sollen nicht ständig von Paparazzi fotografiert werden. Andererseits können wir mit unserer Familie um die Welt reisen. Und ich bin stolz, dass das ein Teil unserer Erziehung ist; unsere Kinder können andere Kulturen erleben. Aber ich kann Ihnen versichern: Auch wir frühstücken wie jede andere Familie mit reichlich Chaos und Pfannkuchenschlachten.

Aufgezeichnet von Daniel Kothenschulte

Datum:  11 | 6 | 2011
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