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Interview mit Daniel Craig: "Ich liebe Debatten"

In seinem neuen Film "Defiance" spielt Daniel Craig den jüdischen Widerstandskämpfer Tuvia Bielski. Martin Scholz spricht mit Craig über Opfer und Täter und die Strahlkraft politischer Filme. ( mit Trailer)

Die Brüder Tuvia (Daniel Craig, l) und Zus (Liev Schreiber) leisten Widerstand gegen die Nazis.
Die Brüder Tuvia (Daniel Craig, l) und Zus (Liev Schreiber) leisten Widerstand gegen die Nazis.
Foto: Foto: dpa

Mr. Craig, 40 Jahre lang schien sich niemand für die Geschichte des jüdischen Widerstandskämpfers Tuvia Bielski zu interessieren. Jetzt haben Sie einen Film über ihn gemacht. Glauben Sie in Zeiten der überbordenden Unterhaltung noch an die aufklärerische Kraft des Kinos?

Ja, ich glaube fest daran. Das Unterhaltungskino kann eine besondere erzieherische Kraft haben, weil es Massen von Zuschauern anspricht. Die Geschichte der Bielski-Brüder ist es wert, erzählt zu werden - nicht nur aus politischen Gründen. Es ist auch eine großartige Geschichte darüber, wie eine Gruppe von verfolgten Juden versucht, in einem menschenverachtenden System ihre Menschlichkeit zu bewahren.

Die Bielski-Partisanen-Gruppe im Jahr 1943.
Die Bielski-Partisanen-Gruppe im Jahr 1943.
Foto: yad vashem

Tuvia Bielski sagt in einer Szene: "Mag sein, dass man uns wie Tiere jagt. Aber wir lassen uns nicht zum Tier erniedrigen." Dem Anspruch wird er allerdings selbst nicht immer gerecht.

Nein, er und Teile der jüdischen Flüchtlinge im Wald werden oft auch zu Tieren. Viele Aktionen der Bielski-Brüder waren moralisch fragwürdig. Sie brachten Menschen um, weil sie überleben wollten - nicht nur die Nazis, auch innerhalb der eigenen Reihen.

In einer Szene erschießt er einen Widersacher vor den Augen der anderen Flüchtlinge, weil der sich gegen ihn auflehnt und mehr Essen für sich und seine Männer fordert.

Ja. Tuvia handelt schnell, er überlegt nicht lange. Weil ihm klar ist: Wenn ich ihn nicht umbringe, wird er mich töten. Ich hätte diesen Film nicht gemacht, wenn wir nicht auch diese menschlichen Abgründe gezeigt hätten. Niemand von uns kann heute sagen, wie er sich angesichts der permanenten Bedrohung durch die Nazis verhalten hätte. Wie er das harte Leben in den notdürftig errichteten Waldhütten bei Regen und Schnee, mit wenig Essen ertragen hätte. Aber es gibt eine moralische Ambivalenz: Die Bielskis waren Schmuggler, Diebe, sie waren harte Männer. Sie haben sich geprügelt, kamen ständig mit dem Gesetz in Konflikt. Und daran hätte sich wahrscheinlich wenig geändert, wenn nicht die Nazis in Weißrussland einmarschiert wären und Teile ihrer Familie getötet hätten. Und in dieser bedrohlichen Situation wurden Männer wie sie gebraucht.

Defiance (Trailer) Kinostart, 23. April 2009

Die Enkel und andere Familienangehörige der Bielskis haben sich mit Ihnen während der Dreharbeiten getroffen. In solchen Situationen entsteht wahrscheinlich ein anderer Druck, als wenn Sie sich fragen, wie man James Bond neu erfindet, oder?

Absolut. Aber ich habe diesen Film auch nicht gemacht, weil ich ein Gegengewicht zu Bond brauchte. Wobei mir der Erfolg der beiden Bond-Filme schon geholfen hat, überhaupt die finanzielle Rückendeckung für diesen Film zu bekommen. Das war anfangs nicht leicht. Und diese Treffen mit der Bielski-Familie haben zunächst auch erst mal auf meinen Schultern gelastet. Als sie an den Set kamen, wusste ich erst gar nicht, wie ich das Gespräch beginnen sollte. "It's great to see you." Dann tranken wir Wodka, kamen ins Gespräch. Sie sind voller Leben, voller Energie. Es war hilfreich, mit Tuvias Kindern zu sprechen, mit Menschen, die ihn wirklich kannten. Die Bielskis haben den Film gesehen und waren sehr angetan. Was mich natürlich gefreut hat.

Der Film ist geprägt von Diskussionen innerhalb der Flüchtlings-Gemeinschaft im Wald. Intellektuelle und einfache Männer wie die Bielskis diskutieren immer wieder die Frage, wie sie sich wehren können, ohne selbst zu Tätern zu werden. Ein Frage, die sich auch heute in einem anderen Kontext viele politische Kommentatoren stellen, wenn sie den Konflikt in Gaza analysieren.

Es war mir wichtig, diese Diskussionen in dem Film zu zeigen, die darum kreisen, was die Opfer von den Tätern unterscheidet. Für die Bielskis war die Idee eines eigenen jüdischen Staates damals natürlich noch völlig unvorstellbar. Ich kann verstehen, dass viele jetzt die historische Situation mit dem aktuellen Konflikt in Nahost vergleichen. Sollten die Israelis ihre Grenzen verteidigen? Selbstverständlich. Aber das ist jetzt ja kein überraschender Standpunkt. Der Nahost-Konflikt ist, wie wir alle wissen, weitaus komplexer, als dass es mit so einer Antwort getan wäre. Was ich damit sagen will: Die politische Strahlkraft dieses Films ist offensichtlich. Wenn man jetzt die Folgen der Vergangenheit bis in die Gegenwart nachvollziehen möchte - bitte. Aber das war nicht mein Motiv für diesen Film. Als Schauspieler möchte ich mich auf dieser Ebene nicht einmischen.

Warum nicht?

Weil ich es für problematisch halte, Politik und Schauspielerei zu verknüpfen, weil Politik der Feind der Kunst ist. Meine Aufgabe war es, Tuvia Bielski so authentisch wie möglich darzustellen. Darüber hinaus haben mich grundlegende Fragen interessiert: Wie bildet man eine Gesellschaft? Mit welchen Mitteln verteidigt man ihre Werte? Wie stellt man innerhalb dieser Gesellschaft eine Ordnung her?

In dem Magazin Village Voice und der US-Zeitschrift Nextbook haben jüdische Filmkritiker unlängst ein Moratorium für Holocaust-Filme gefordert - und bezogen sich dabei auf eine Reihe von jetzt veröffentlichten Filmen über das Dritte Reich und den Holocaust, Filme wie "Der Vorleser", "Operation Walküre", "Adam Resurrected" und eben auch "Defiance". Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie davon lasen?

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Datum:  4 | 3 | 2009
Seiten:  1 2
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