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Interview mit Dave Gahan: "Meine Seele war wund"

Seltsam, dass Sie im Zusammenhang mit dem kollektiven Rausch die Ratio ins Feld führen und die Verantwortung betonen.

So empfinde ich es aber. Ich kann mich nicht gehen lassen. Ein anderes Beispiel: Mein Verstand mag mir manchmal sagen, dass ich zu müde bin, dass ich das Konzert unmöglich durchstehen kann, beispielsweise, weil meine Stimmbänder schmerzen. Wenn ich dann nicht gegensteuere, glaube ich am Ende selbst, dass ich es nicht schaffe. Das kann ich mir nicht erlauben.

Und wenn das Publikum mal nicht so reagiert, wie Sie es erwarten oder gewohnt sind? Mick Jagger hat mit uns mal über solche Momente der Enttäuschung gesprochen. Er sagte, dass er dann auf der Bühne wie ein Blöder rackern müsste, damit die Energie nicht verpufft.

Das kenne ich. Solche Talsohlen fordern einen enorm, es ist eine Riesenanstrengung, ein zurückhaltendes Publikum mitzureißen. Jagger ist mal gefragt worden, ob er nach so einem Konzert mit Kollegen einen trinken gehen würde. Er war völlig außer sich: "Wie bitte? Haben Sie nicht gesehen, was ich da auf der Bühne mache?! Sie denken ernsthaft, ich könnte mich nach so einem Auftritt noch in einen Club setzen und mich betrinken? Vor einer Tournee stehe ich jeden Morgen früh auf, jogge acht Kilometer, um mich fit zu halten." Mir geht es genauso. Gleichzeitig darf man die Vorbereitung auch nicht übertreiben und so verbissen trainieren, dass man am Ende die Show überhaupt nicht mehr genießen kann. Man muss die Energie aufrechterhalten und trotzdem Spaß haben. Ein Balanceakt.

Und wenn dann nach der letzten Zugabe der Stecker rausgezogen wird - wie bauen Sie das Adrenalin heute ab, wenn Drogen nicht mehr in Frage kommen?

Wir sitzen meistens noch eine Viertelstunde in der Garderobe zusammen. Wir flachsen ein bisschen über die Show: "Hast du das Mädchen mit dem Banner gesehen? Ja, hab ich." So was halt. Dann möchte ich meistens allein bleiben.

Enjoy the silence?

Sie sagen es: Es gibt nichts, was ich in diesem Moment mehr genieße als Stille. Ich fahre zurück ins Hotel, nehme eine heiße Dusche, esse was, entspanne mich. Meistens kann ich zu dem Zeitpunkt ohnehin kaum mehr die Augen offen halten. Das Adrenalin rauscht zwar immer noch wie ein Schnellzug durch meinen Körper, aber ich will dann meist mit niemandem mehr sprechen, einfach nur meine Batterien wieder aufladen. Ein Konzert ist eben ganz anders als Studioaufnahmen. Im Studio hat man alle Zeit der Welt, ständig über alle möglichen Details nachzudenken. Auf der Bühne hat man keine Zeit, sich diese Gedanken zu machen. Wenn wir vor 60 000 Leuten spielen, passiert da etwas. Etwas, das größer ist als wir selbst, und das nichts mit vermeintlichen Ego-Problemen innerhalb unserer Band zu tun hat, die man uns immer wieder angedichtet hat: Ob ich mich gräme, wenn ich nicht genug von meinen eigenen Songs auf die neue CD bringe und so weiter und so fort.

Mr. Gahan, Sie sind jetzt mit Depeche Mode auch schon seit 25 Jahren im Geschäft. Sehen Sie sich in 20 Jahren immer noch so über die Bühne wirbeln, wie Sie es jetzt machen?

Die Zeit gewährt uns allen keinen Aufschub. Aber klar frage ich mich manchmal: Werde ich das noch in zehn Jahren machen? Wenn es mir immer noch möglich sein sollte, wenn ich es dann überhaupt noch will - wunderbar! Als ich noch in der Schule war, dachte ich, ich würde mein ganzes Leben lang Teller abwaschen. Ich war nicht sehr gut in der Schule, überhaupt nicht. Die meiste Zeit starrte ich nur aus dem Fenster und wartete darauf, dass das Leben losginge. Dass endlich etwas passiert. Im Klassenzimmer jedenfalls fand kein Leben statt, nicht für mich. Die Lehrer fragten mich ständig: "Was ist so interessant da draußen, Gahan?" Ich dachte nur: "Jedenfalls ist es interessanter als alles, was hier drinnen passiert." Ich wusste nicht, was ich machen sollte, ich wusste nur, ich musste losziehen und es suchen. Ein Teil von mir lebt noch heute so, ich bin sehr offen und neugierig geblieben. Und heute freue ich mich, zu beobachten, wie sich meine Kinder entwickeln. Ich frage mich, wie ihr Leben wohl verlaufen wird, wie es wohl sein wird, wenn sie selbst einmal Kinder haben?

Die großen Fragen des Lebens. Die wurden bei Depeche Mode ja schon behandelt, als Sie anfangs wegen Ihres popperhaften Aussehens noch als Teenie-Band vermarktet wurden. Dabei ging es selbst in frühen Songs wie "People Are People" immer um Sinnsuche: Wer sind wir, wo kommen wir her, was glauben wir?

In der Hinsicht hat sich nichts geändert, das kann ich Ihnen sagen, auf dem neuen Album ist das auch nicht anders.

In einem Ihrer neuen Songs sehnen Sie sich nach "Peace", im Song "Wrong" prangern Sie an, was falsch ist an der Zeit, in der wir leben. Sind das sinnstiftende Einwürfe in Zeiten von Finanzkrisen und Umbrüchen?

Wenn Sie so wollen. Relevante Kunst hat sich immer mit solchen Fragen beschäftigt: Was ist richtig, was ist falsch, warum bin ich hier? Liebes-Songs gibt es nun wirklich wie Sand am Meer: "I love you, you love me" - das war nie unser Ding. Wenn wir über Liebe singen, kommen immer schnell die düsteren, obsessiven Seiten mit ins Spiel. Und wir alle sehnen uns nach einer Form von Religion oder Spiritualität. Wir suchen nach etwas, mit dem wir uns identifizieren können, um uns mit der immer verwirrender werdenden Welt verbunden fühlen zu können. "Peace" beschreibt diese Sehnsucht nach Frieden, "Wrong" das ganze Gegenteil davon. Das sind eben Dinge, die einem durch den Kopf gehen, wenn man Kinder hat. Man fragt sich: Was ist das für eine Welt, in die ich sie hineingebracht habe?

Interview: Martin Scholz

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Datum:  9 | 1 | 2009
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