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Interview mit Depardieu: "Leute, die nicht trinken, mag ich nicht"

Der französische Schauspieler und Winzer Gérard Depardieu wird heute 60 Jahre alt. Mit Martin Scholz sprach er über Wein und Wahrheit, warum er Tokio Hotel mag und an der Oberflächlichkeit der Film-Branche manchmal verzweifelt.

Schauspieler und Winzer Gérard Depardieu.
Schauspieler und Winzer Gérard Depardieu.
Foto: Kraus/FR

Monsieur Depardieu, lassen Sie uns über die dunklen Kräfte des Weins reden: Ich erzähle Ihnen von einem prägenden Initiationserlebnis in Ihrer Geburtsstadt Châteauroux.

In Châteauroux? Jetzt bin ich aber gespannt.

Zur Person

Gérard Depardieu, am 27. Dezember 1948 in der französischen Kleinstadt Châteauroux geboren, wuchs mit fünf Geschwistern in einem Arbeiterhaushalt auf. Mit 17 machte er eine Schauspielerausbildung in Paris, 1974 gelang ihm mit der Hauptrolle in "Die Ausgebufften" der Einstieg ins Filmgeschäft. Seitdem spielte er in mehr als 160 Filmen, in Komödien, Kostümdramen und gab in den Realverfilmungen der "Asterix"-Comics immer wieder den massigen Haudrauf Obelix. Er erzielte Einspielergebnisse wie kein anderer französischer Schauspieler, gewann zwei Césars und einen Oscar.

Von drei Frauen hat Depardieu vier Kinder. Sein ältester Sohn Guillaume war ebenfalls Schauspieler, er ist vor kurzem an den Folgen einer Lungenentzündung gestorben. Das Interview mit Gérard Depardieu auf dieser Seite wurde kurz vor dem Tod Guillaumes geführt.

Weingüter besitzt Depardieu in Frankreich, Sizilien, Marokko und Algerien. Drei seiner Rotweine aus den Jahrgängen 2003 und 2004 werden in Deutschland über den Winzer und Weinhändler Dr. Johann Pieroth vertrieben (Info: www.pieroth.de)

Gérard Depardieu im Gespräch mit Martin Scholz.
Gérard Depardieu im Gespräch mit Martin Scholz.
Foto: Kraus/FR

Das dürfte vor allem Sie als Winzer amüsieren: Ich hatte dort mit 14 meinen ersten Rotwein-Vollrausch.

Wie haben Sie das denn angestellt?

Ich war damals als Austauschschüler erstmals in Frankreich. Der Vater meiner Gast-Familie schenkte mir beim Mittagessen ständig Rotwein nach, den ich immer brav austrank - eine halbe Stunde später war der Tag für mich zu Ende.

Eine wilde Geschichte. Vielleicht haben Sie einfach einen schlechten Wein erwischt, womöglich einen Hybriden-Wein.

Jene umstrittenen Kreuzungen aus amerikanischen und europäischen Rebsorten?

Ja. Ich sage Ihnen: Solche Weine können dich verrückt machen.

Dann hätte ich ja noch mal Glück gehabt. Ich habe damals aber, glaube ich, einfach nur zu viel getrunken.

Wie auch immer: Von solchen Weinen sollten Sie in jedem Fall die Finger lassen.

Hatten Sie in Ihrer Heimatstadt als Jugendlicher ähnliche Erfahrungen mit Wein?

Zum Glück nicht. In jungen Jahren mochte ich noch keinen Wein, eher trockenen Cidre. Ich liebte zuerst den Cidre, der Wein kam später.

Während Ihrer Jugend war das Leben in Châteauroux stark durch die dort stationierte US-Armee bestimmt. Inwiefern haben diese Jahre Sie geprägt?

Für mich war es eine fantastische Zeit. Das Amerika der 60er Jahre war ein Amerika, das vor allem ganz anders war als die Welt, die ich kannte. Für die Menschen aus Châteauroux gab es dort vorher nichts. Rein gar nichts. Dann kamen die GIs, mit ihnen die Rock-Musik, die amerikanischen Filme, die Autos, die Motorräder - was soll ich sagen: die große Freiheit.

Stimmt es, dass Sie in Châteauroux Janis Joplin im Konzert gesehen haben?

Das stimmt. Sie war fantastisch. Ich war damals zwölf. Sie muss ungefähr 18 gewesen sein. Sie war unglaublich stark in jenem Moment. Später, als sie Drogen nahm, verblich diese Strahlkraft. Ich glaube sogar, dass damals auch Elvis Presley zu den US-Streitkräften nach Châteauroux gekommen ist. Ich weiß, dass er in Deutschland war. Es gab natürlich viele schwarze Amerikaner, darunter viele Blues-Sänger in der Stadt. Amerika war mir auf einmal sehr, sehr nah. Es gab Bordelle, Bars.

Haben Sie damals mit dem Boxen angefangen?

Ja, das ging auf den Einfluss der Amerikaner zurück. Ich kann Ihnen sagen: Es gab fantastische Boxer unter den Amerikanern, viele Schwarze darunter.

Boxen Sie heute noch manchmal?

Wo denken Sie hin! Dafür bin ich zu alt. Seit dem Abzug der Amerikaner ist Châteauroux leider nur noch eine tote Stadt. Verlassen und verloren.

Sie selbst sind inzwischen in mehreren Regionen Frankreichs präsent. Ihren ersten Weinberg haben Sie vor mehr als 30 Jahren in Burgund gekauft, inzwischen sind weitere im Loire-Tal, im Languedoc und in Bordeaux dazu gekommen. Darüber hinaus besitzen Sie Weingüter in Sizilien, Marokko, Spanien und Algerien. Was reizt Sie am Job des Winzers?

Es fasziniert mich immer wieder aufs Neue, den richtigen Boden, die richtigen Hänge zu finden und der Erde zuzuhören.

Klingt ein bisschen esoterisch.

Ist es gar nicht. Wenn du Wein anbaust oder dich mit Essen beschäftigst, hörst du nie auf zu lernen. Die Schauspielerei dagegen kann ermüdend sein, weil man sich oft wiederholt. Als Winzer lernst du viel über die Natur und auch über die Menschen. Aber Wein herstellen kann jeder, den Wein dann zu verkaufen, ist schon sehr viel schwieriger, zumal sich der Wettbewerb immer mehr verschärft: Viele der australischen, italienischen und natürlich auch der deutschen Weine sind ja sehr gut.

Die Folgen des Klimawandels bedrücken auch die Winzer, die sich bereits nach neuen Anbaugebieten in nördlichen Gegenden umsehen. Sind Sie auch schon aktiv auf der Suche?

Nein. Es gibt ja bereits Weine aus England, ich muss allerdings gestehen, ich habe sie noch nicht getrunken, das könnte interessant sein. Sicher, es gibt viele Probleme ökologischer Natur, die sich auch im Weinanbau bemerkbar machen. Aber ich bin kein dogmatischer Ökologe. Noel Mamère von den französischen Grünen beispielsweise halte ich für einen Idioten. Dann lieber Daniel Cohn-Bendit, der ist immer er selbst geblieben. Der ist mir sympathisch, der interessiert mich. Also: Ich versuche bei meiner Arbeit aber die Natur zu respektieren. Das gilt auch für die Küche, für meine Restaurants. Ich war in diesem Jahr auf einer Öko-Fachmesse in Nürnberg, an der nur Bio-Landwirte teilnahmen. Ich bin da ganz auf ihrer Seite, dass man darauf achtet, was bei uns auf den Tisch kommt.

Monsieur Depardieu, angenommen, Sie würden zu einer besonderen Weinprobe einladen und könnten zwischen Steven Spielberg oder Wim Wenders wählen, für welchen Regisseur würden Sie sich entscheiden?

Oh là là. Ich würde Spielberg wählen, denn er ist ein wahrer Autor und Geschichtenerzähler. Von Wenders kann ich das nicht behaupten. Er ist ein Opportunist, wie Jean Luc Godard, das interessiert mich nicht. Aber sehen Sie, die Filmbranche interessiert mich sowieso immer weniger. Es gibt keine Mythen mehr. Nehmen Sie Tom Cruise - ein guter Schauspieler. Das sind Johnny Depp und Leonardo DiCaprio auch. Beide sehr gut, sehr charmant. Und trotzdem hat sich meine Zunft irgendwie verändert, denn die Filme, in denen sie spielen, sind nichtssagend - null! Nur noch sehr selten sehe ich Filme, die mich wirklich interessieren und mitreißen. Und die finden dann oft keinen Verleih - das kann ich nicht verstehen. Beim Sundance-Festival habe ich mal einen Film gesehen, den letzten guten, an den ich mich erinnere, über einige Senioren, die noch mit 80 durchs Land ziehen und Rock'n'Roll spielen, außergewöhnlich. Es war eine Dokumentation.

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Datum:  27 | 12 | 2008
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