Herr Kühn, wie ist die Situation in Haiti am Tag nach dem Beben?
Dramatisch. Ich war am Mittwoch auf dem Weg zu einem Treffen mit anderen Hilfsorganisationen in Port-au-Prince. Aber ich sah so viel Leid und Zerstörung, dass ich einfach weiter fuhr. Ich sah Sachen, die ich noch nie gesehen hatte: In den Straßen stapeln sich die Leichen. Menschen versuchen, mit bloßen Händen andere aus den Trümmern zu bergen. Verletzte, die ohne Hilfe auf der Straße liegen. Ich habe sicher 80 Leichen auf dieser Fahrt gesehen. Ich kann das nicht im Detail beschreiben. Heute hat es außerdem wieder ein leichtes Nachbeben gegeben.
Was ist jetzt das Dringendste?
Wir haben hier eine dramatische Kombination: Es fehlen Wasser, Essen und Ärzte. Das Dringendste aber ist die medizinische Versorgung. Die Menschen liegen auf der Straße und warten. Sie haben nichts, wohin sie gehen können. Sie sind sich selbst überlassen. Wir müssen sie versorgen, damit es nicht zu Unruhen kommt. Die Welthungerhilfe hat ein Nothilfe-Team auf den Weg gebracht und der Malteserhilfsdienst Ärzte.
Können die 9000 UN-Blauhelme den Notleidenden wirkungsvoll helfen?
Die UN ist nach dem Einsturz ihres Hauptgebäudes mit sich selbst beschäftigt und kann ihren Auftrag nicht wahrnehmen. Sie muss hier aber schnellstmöglich die Koordinierung in die Hand nehmen.
Wie kann ein derart geschundenes Volk nach einer solchen Katastrophe wieder auf die Beine kommen?
Ich denke, alle Gedanken um Investitionen und Ankurbelung der Wirtschaft sind jetzt überflüssig. Haiti muss wieder von vorne anfangen.
Wie sieht es bei Ihnen zu Hause aus und in Ihrem Büro?
Mein Haus und das Welthungerhilfe-Büro haben gewackelt, aber sie stehen noch. Der Strom ist ausgefallen, und in unserem Büro wohnen Mitarbeiter, die ihr Haus verloren haben, oder deren Angehörige. Bei mir zu Hause habe ich Kinder und Freunde aufgenommen.
Interview: Klaus Ehringfeld
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