Herr Pleitgen, wenn ich zu Ihnen sage, „Sie müssen einen bestimmten Job erfüllen, Sie dürfen nicht scheitern!“ – würden Sie das als Druck empfinden?
Ja, sicher. Aber dem Druck muss ich nicht nachgeben.
Dann hat die „Ruhr.2010“ aber Druck auf die Stadt Duisburg ausgeübt, die Loveparade stattfinden zu lassen.
Ganz sicher nicht. Ich habe wiederholt gesagt, die Loveparade sei wünschenswert und gut für die Metropole Ruhr. Wir müssen den jungen Menschen Interessantes bieten, wenn wir sie hier halten wollen. Die Love Parade war in Essen und Dortmund bestens angekommen. Deshalb haben wir sie als gute Ergänzung zu unserem eigenen Angebot erachtet, das sich sehr stark an junge Menschen richtet.
Herr Gorny, künstlerischer Direktor der Ruhr.2010, warnte im Falle des Scheiterns noch im Februar vor einer „internationalen Blamage“. Duisburgs OB Adolf Sauerland sah sich unter „Zwang“.
Den ich nie ausgeübt habe. In welcher Position bin ich denn! Herr Sauerland und der Duisburger Stadtrat stehen doch nicht unter meiner Fuchtel.
Könnten sich aber trotzdem veranlasst gesehen haben, vorhandene Sicherheitsbedenken hintanzustellen.
Ich bin sicher, dies ist nicht geschehen. Bei der Entscheidung von Adolf Sauerland und den anderen Verantwortlichen wird Sicherheit höchste Priorität gehabt haben. Aber offensichtlich ist nicht alles bedacht worden, sonst hätte es nicht zu dieser Katastrophe kommen können. Das ist Sache der Ermittlungen. Sicherheitsbedenken sind mir nie zu Ohren gekommen. Wäre das der Fall gewesen, hätte ich sofort gesagt: „Lasst es!“ Was ich mitbekommen habe, war die Diskussion um die Frage, ob die Veranstaltung finanziell zu meistern sei. Dazu habe ich gesagt, dass der wirtschaftliche Benefit größer sei als die Investition. Wir selbst haben Großveranstaltungen durchgeführt, wie SchachtZeichen, Day of Song und Still-Leben. In allen Fällen war die selbstverständliche Maxime: Sicherheit ist oberstes Gebot.
Aber als Bochum die Loveparade 2009 wegen Sicherheitsbedenken abgesagt hatte, da haben Sie mit dieser Entscheidung gehadert.
Nicht nur ich, auch andere, wie die Presse hier. Die Entscheidung kam überraschend. Vorher hatte es anders ausgesehen. Die Love Parade 2010 in Duisburg habe ich befürwortet. Deshalb habe ich gleich nach der Katastrophe gesagt, dass ich mich moralisch mitverantwortlich fühle, auch wenn die Ruhr.2010 organisatorisch nichts mit der Loveparade zu tun hat und zur Sicherheit nichts hätte beitragen können. Für eine so spezielle Veranstaltung hätte uns die Erfahrung gefehlt. Dass aus der Love Parade eine „Todesparade“ wurde, ist nicht der Ruhr.2010 anzulasten.
Sehen Sie „Still-Leben“, das Großevent der Ruhr.2020, nach dem Unglück von Duisburg in anderem Licht?
Nein! Wir hatten ein ausgefeiltes Sicherheitskonzept, das über drei Jahre akribisch entwickelt wurde. Es gab bei drei Millionen Besuchern hier und da kritische Verdichtungen; im engen Zusammenspiel mit Polizei, Feuerwehr und unseren Helfern sind wir nie auch nur in die Nähe einer Paniksituation geraten. Still-Leben ist, auch dank des Publikums, ohne schwerwiegende Zwischenfälle abgelaufen. Nicht von ungefähr wünscht sich die Bevölkerung auch in Zukunft solche Großveranstaltungen.
Ist die Ruhr.2010 zu sehr der Faszination der großen Zahl erlegen?
Auch hier nein! Die Ruhr.2010 organisiert die heterogenste aller Kulturhauptstädte. Wir haben 53 Städte. Die Bevölkerung dieser Städte wollen wir zusammen bringen. Dies tun wir mit einigen Großveranstaltungen, wie SchachtZeichen, Day of Song und Still-Leben. Den gleichen Effekt hatten wir uns von der Love Parade erhofft. Nach den Erfahrungen von Essen und Dortmund und dem damals positiven Medienecho hatten wir allen Grund dazu. Dass in Duisburg ein fröhliches Fest in einer Katastrophe endete, legt sich wie ein schwerer Schatten auf unsere Kulturhauptstadt.
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