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Interview mit Grippe-Experten: "Das Todesrisiko ist sehr gering"

Bislang ist das H1N1-Virus viel weniger aggressiv als seine saisonale Schwester, sagt Stefan Kaufmann vom Max-Planck-Institut für Mikrobiologie im Interview mit der FR.

Stefan H. E. Kaufmann ist Direktor des Max-Planck-Instituts für
Mikrobiologie in Berlin.
Stefan H. E. Kaufmann ist Direktor des Max-Planck-Instituts für Mikrobiologie in Berlin.
Foto: mpi

Herr Kaufmann, es gibt nun auch in Deutschland zwei Tote, die das Schweinegrippe-Virus in sich trugen. Ein Zeichen für ein generell erhöhtes Risiko?

Das sehe ich nicht so. Das Todesrisiko ist bisher sehr gering. Es gab in Deutschland über 20000 Fälle von Schweinegrippe-Infektionen, zwei Patienten sind gestorben. Zudem ist unklar, ob das H1N1-Virus überhaupt die alleinige Ursache dafür war. Die Schweinegrippe ist bislang weniger aggressiv als die normale Grippe.

Gibt es Risikogruppen, die sich besonders schützen müssen?

Jeder Mensch mit einem geschwächten Immunsystem ist stärker gefährdet, etwa ältere Mitbürger und Schwangere. Kinder scheinen ein höheres Risiko zu haben, ohne dass wir die Gründe hiefür ganz verstehen. Auch eine Vorschädigung in der Lunge kann gefährlich werden. Das war hier in beiden Fällen so. Die Grippe bahnt den Weg für andere Erreger wie die Pneumokokken, die eine heftige Lungenentzündung auslösen können.

Wie sollte man sich schützen?

Sich impfen zu lassen, bietet den besten Schutz. Zudem sollte man Wert auf Hygiene legen: Hände richtig waschen, mit den Händen nicht an den Mund greifen, Abstand halten, wenn jemand hustet oder niest. Infizierte sollten möglichst zuhause bleiben.

Sollte man sich gegen beide Grippe-Arten impfen lassen?

Das macht Sinn, besonders bei gefährdeten Personen. Zuerst gegen die saisonale Grippe, für die der Impfstoff schon verfügbar ist, und mit etwas Abstand gegen die Schweinegrippe. Die Impfstoffe sind fertig, die Länder dürften sie bald freigeben.

Gibt es genügend Impfstoffe?

Es gibt genug für 50 Millionen Menschen. Das dürfte ausreichen, da kaum zu erwarten ist, dass alle Deutschen sich impfen lassen.

Deutsche Impfstoffe enthalten Adjuvanzien, eine Art Verstärker, die die Wirksamkeit erhöhen. Die sind umstritten ...

Ich halte diese Sorge für übertrieben. Derselbe Hilfsstoff, der die Immunabwehr der Menschen generell verbessert und Wiederholungsimpfungen unnötig macht, ist im letzten Jahr bei Impfungen bereits millionenfach ohne Komplikationen eingesetzt worden. Ich hätte mir allerdings trotzdem gewünscht, dass auch Impfstoffe ohne Adjuvanzien angeboten würden.

Sollten Kinder und Schwangere andere Impfstoffe bekommen?

Ich sehe keinen Grund dafür. Die Vakzine sind ausreichend getestet. Wer hier Sorgen hat, sollte mit dem Hausarzt sprechen. Auch Ängste vor empfundenen Bedrohungen sind ernst zu nehmen.

Bietet die normale Grippe-Impfung auch einen gewissen Schutz gegen die Schweinegrippe?

Nein. Allerdings besteht die Gefahr einer Doppelinfektion, die den Körper doppelt schwächt. Gegen eine der Grippen gefeit zu sein, ist besser als gegen keine.

Sollte man sich vorsorglich Grippe-Medikamente verschreiben lassen, die Viren unterdrücken?

Das ist unnötig. Die Medikamente sind von den Bundesländern in großen Mengen eingelagert worden und verfügbar. Sie können bei einem Grippe-Ausbruch schnell eingesetzt werden.

Tut Deutschland generell genug, um eine Pandemie mit vielen Opfern zu verhindern?

Deutschland ist gut aufgestellt. Ich befürchte, die eigentlichen Herde der Schweinegrippe liegen in Entwicklungsländern. Dort aber wird vermutlich wenig Aufhebens darum gemacht. Dort gibt es größere Probleme. Denken Sie an HIV, TBC oder Malaria.

Sollte man also bestimmte Länder als Reiseziele meiden?

Nein. In der globalisierten Welt können wir uns nicht abkapseln.

Es sind in Deutschland Schulen geschlossen worden, wenn dort viele Kinder Schweinegrippe hatten. Die richtige Strategie?

Es war richtig, dies zu tun. Es unterbindet die Ausbreitung, und es ist leicht zu bewerkstelligen.

Kann denn eine Pandemie entstehen wie bei der Spanischen Grippe mit 25 Millionen Toten?

Nicht ausgeschlossen, aber unwahrscheinlich. Wir haben Impfstoffe gegen die Grippe und nachfolgende bakterielle Superinfektionen. Die gab es 1918 nicht.

Interview: Joachim Wille

Datum:  8 | 10 | 2009
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