Sie behaupten, Sie hätten viel mit Ihrem Titelhelden Hellboy gemeinsam. Aber der ist ein martialischer Teufelssohn, der gegen Monster kämpft, und Sie sind ein leicht übergewichtiger, freundlicher Familienvater. Trotzdem finden sich in der Geschichte viele autobiografische Bezüge. Angefangen damit, dass ich als Kind selbst Monster sah, die mir völlig real erschienen. Aber es gibt auch Parallelen in unserem Beziehungsleben. In dem Film wird Hellboy Vater; dafür habe ich meine eigenen Erfahrungen verwertet. Und wir beide sind leidenschaftliche Sammler, was unsere Partnerinnen nicht begeistert. Meine Frau sagt immer: "Warum brauchst du dieses Album auf LP, CD und Achtspur-Tonband? Warum behältst du den gleichen Film auf Beta, VHS, Laserdisc und DVD?" Ich bocke dann wie ein Kind: "Ich wollen meine Beta!"
Suchen Sie in diesem Sammelsurium auch Ihre fantastischen Ideen zusammen? Ich mache kein "Ideen-Shopping". Aber ich bin ein gieriger Leser und Bildersucher, und deshalb sauge ich ständig neue Einflüsse ein - dazu gehören auch symbolistische Maler wie Arnold Böcklin oder Félician Rops. Wenn du ein Bild entdeckst, das du noch nicht kennst, ist es so, als würdest du einen neuen Film anschauen. Du wirst davon mit Energie aufgeladen. Kreativität ist ansteckend.
Guillermo del Toro wurde am 9. Oktober 1964 im mexikanischen Guadalajara Jalisco geboren. 1993 machte der gelernte Makeup-Designer mit dem Vampirfilm "Cronos" auf sich aufmerksam. Seine größten künstlerischen Erfolge feierte er bislang mit den spanischsprachigen Produktionen "Devil's Backbone" und "Pans Labyrinth", der drei Oscars gewann.
"Hellboy 2 - Die goldene Armee" ist gerade in den Kinos angelaufen.
Sie ziehen mit Ihren Projekten um die ganze Welt. Jetzt bereiten Sie in Neuseeland die Verfilmung von Tolkiens Fantasy-Bestseller "Der Kleinen Hobbit" vor. Was machen Sie da mit Ihren ganzen Sammlungen? Normalerweise habe ich immer meine Notizbücher bei mir. Für die vier Jahre Neuseeland schleppe ich außerdem eine kleine Bibliothek mit - rund 800 Filme und 150 Bücher.
Nach Peter Jacksons "Herr der Ringe"-Blockbustern sind die Erwartungen von Publikum und Geldgebern enorm. Können Sie da noch Ihre eigenen Ideen realisieren? Es geht mir nicht darum, mein Ego zu verwirklichen. Ich versuche nur, die Geschichte bestmöglich umzusetzen, dann ist automatisch etwas von mir darin enthalten. Von den Erwartungen, die andere Leute haben mögen, lasse ich mich dabei nicht beeindrucken.
Ihre Erfahrungen mit Hollywood waren nicht immer positiv. Bei Ihrem ersten US-Film, "Mimic - Angriff der Killerinsekten", pfuschten Ihnen die Produzenten massiv rein. Es war eine der schlimmsten Erfahrungen meines Lebens, denn das Verhalten der Produzenten widersprach jeder Art von Vernunft. An irgendeinem Punkt musste ich mich geistig und emotional davon distanzieren, die Kontrolle aufgeben, sonst wäre ich daran kaputt gegangen. Heute sehe ich natürlich, was sich für ein wunderschöner Film aus diesem Material hätte schaffen lassen.
Spüren Sie diese Distanz auch bei anderen Ihrer Filme? Ja, vor allem bei meinem Erstling "Cronos". Da gibt es furchtbare Einstellungen, wo ich mir heute denke: "Was wolltest du denn damit?" Ich machte auch bei der Führung meiner Hauptdarstellerin Fehler. Ich versuchte, ihr mein Konzept der Rolle aufzuzwingen, anstatt es an ihre Energie anzupassen.
Trotzdem bedeutete dieser Film Ihren internationalen Durchbruch - nicht zuletzt dank Ihrer einzigartigen Fantasien. Warum findet sich dieser magische Realismus vor allem in der lateinamerikanischen Kultur? Ich verstehe das selbst nicht. Denn diesen Sinn für Magie gibt es auch in früheren Phasen der europäischen Kultur. Ich persönlich bin auch eher von den Gebrüdern Grimm geprägt. Ich sammle alle möglichen Erstausgaben ihrer Märchen - ebenso wie Märchen aus der ganzen Welt.
Haben Sie die auch als Kind schon gelesen? Und ob. Nur mit Märchen konnte ich mich überhaupt in der Welt zurecht finden. Das war keine sanfte Welt, und meine Fantasien waren ziemlich düster. Die Märchen gaben mir gleichzeitig einen Maßstab für Gut und Böse. Indem ich sie las, wurde ich zum Helden in einer Horrorgeschichte.
Was haben Horrorgeschichten und Märchen miteinander zu tun? Das Genre des Horrors entstand aus dem Märchen heraus. Denn es greift auf die gleiche Grundkonstellation zurück: Ein unschuldiger Held macht grauenhafte Prüfungen durch. Und um das wirklich nachempfinden zu können, braucht er ein reines Bewusstsein, so wie ein Kind.
Sie haben zwei Töchter - wollen Sie die vor solchem Schrecken bewahren? Ich folge ihnen und versuch,sie nicht zu führen. Eltern sollten Gefolgsleute sein, keine Führer. Wer versucht, seine Kinder nach seinen Vorstellungen zu formen, macht einen riesigen Fehler.
Interview: Rüdiger Sturm
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