Welches sind denn die Vorurteile gegenüber den Deutschen, die sich für Sie bewahrheitet haben? Es ist das sehr Sachliche. Wenn ich Deutsche kennen lerne, ist da diese Distanz. Erst einmal wird geguckt: Will der etwas von mir? Auf welcher Ebene ist das Gespräch? Das tarieren die Deutschen erst einmal aus, die Begegnungen sind sehr kopfgesteuert. Ein anderes Beispiel: Ich war hochschwanger in der Türkei. Und als ich in Istanbul in die U-Bahn einstieg, standen sofort sechs Leute auf und boten mir ihren Platz an. Das ist selbstverständlich. In Deutschland stehen sie nicht auf. Nicht weil sie unhöflich sind, sondern weil sie ihr Umfeld nicht sehen. Sie sitzen in der U-Bahn und merken nicht, was um sie herum passiert. Sie schotten sich ab. Das ist wirklich deutsch.
Gibt es auch typisch deutsche Verhaltensweisen, denen Sie sich angepasst haben?
Ja, ich sitze zum Beispiel nicht in der Straßenbahn und unterhalte mich lautstark mit jemandem. Ich schätze diese deutsche Zurückhaltung sehr. Da bin ich auch angepasst.
In der deutschen Bevölkerung gibt es Ängste und Vorbehalte gegenüber dem Islam. Haben Sie für diese Ängste Verständnis?
Natürlich. Die Frage ist aber: Woher kommen die Ängste? Sind das begründete Ängste? Ängste, weil man sich damit auseinandergesetzt hat? Oder sind es Ängste, weil man einfach dieses Hirngespinst hat? Ich sage, man kann diese Ängste nur aus der Welt schaffen, wenn man sich miteinander unterhält. Meine Eltern wohnen neben vielen deutschen Nachbarn noch in der Zechensiedlung, in der ich aufgewachsen bin. Mein Vater geht dort seit 40 Jahren in die Moschee und unsere Nachbarn hatten nie Probleme damit. Sie fanden das normal. Dann kam der 11. September, und die Leute waren plötzlich verunsichert. Sie begannen meinen Vater zu fragen: "Was machst du da? Wo gehst du denn da hin - ist es da schlimm?" Mein Vater hat sie mit in die Moschee genommen. Der Vorbeter spricht Deutsch, sie haben sich über den Islam unterhalten und mein Vater hat aus seinem Leben erzählt. Er glaubt an das Paradies und dass er ein guter Mensch sein muss, um in dieses zu kommen. So denkt mein Vater. Er kann sich zwar kaum auf Deutsch mit seinen Nachbarn unterhalten, aber er zeigt ihnen einfach diese Dinge, es findet eine Art von Kommunikation statt. Man kann sich Ängste nur nehmen, wenn man sich kennen lernt.
Dafür muss man sich erst einmal begegnen.
Ja, ich werde auf Lesungen oft gefragt, was man tun kann, und dann sage ich: "Sprechen Sie doch mal Ihren Nachbarn an. Klingeln Sie mal bei denen und sagen Sie folgenden türkischen Satz: "Tanri misafiri kabul ediyormusunuz - habt ihr für Allahs Gast einen Platz an eurem Tisch?" Das ist ein türkisches Sprichwort. Wenn Sie das verwenden, wird Ihnen kein Türke die Tür vor der Nase zumachen, sondern er wird Sie bitten: "Kommen Sie herein." Es geht dabei doch gar nicht um dieses ganze Staatstragende, Migration, Dialog - es geht darum, dass man sich einfach mal unterhält. Und fragt: "Na, wie geht's dir? Was machst du eigentlich?"
Interview: Sarah Ruhland, Jakob Buhre
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