kalaydo.de Anzeigen

Interview mit Hatice Akyün: "Es ist nicht schick, türkisch zu sein"

Die Schriftstellerin über die Angst vorm Kopftuch, ihre Kindheit im Arbeiterviertel und warum viele Deutsche genauso wenig integriert sind wie viele Türken.

Hatice Akyün,  Schriftstellerin und freie Journalistin, wurde 1969 in Anatolien geboren und kam im Alter von drei Jahren mit ihren Eltern nach Deutschland.   2005 wurde sie bekannt mit ihrem autobiografischen Roman Scharfer Hans mit Soße. Über ihre Erfahrungen als deutsch- türkische Mutter schrieb sie in ihrem 2008 erschienenen Roman Ali zum Dessert.
Hatice Akyün, Schriftstellerin und freie Journalistin, wurde 1969 in Anatolien geboren und kam im Alter von drei Jahren mit ihren Eltern nach Deutschland. 2005 wurde sie bekannt mit ihrem autobiografischen Roman "Scharfer Hans mit Soße". Über ihre Erfahrungen als deutsch- türkische Mutter schrieb sie in ihrem 2008 erschienenen Roman "Ali zum Dessert".
Foto: ddp

Frau Akyün, was empfinden Sie, wenn Sie in der Diskussion um die jüngste Integrationsstudie Schlagzeilen lesen wie "Türken bleiben die Verlierer"?

Das ist ja eine harmlose Schlagzeile. Ich habe noch gelesen: "Warum Türken bei der Integration nicht mitspielen" oder: "Die Türken verweigern sich eisern der Integration". Ich frage mich, mit welcher Intention die Verfasser solcher Schlagzeilen an die Öffentlichkeit gehen? Wer soll der Empfänger ihrer Interpretation der Studie sein? Und ich frage mich, sind alle Türken damit gemeint? Jeder Einzelne von den zwei Millionen?

Eine Zeitung stellte die Frage: "Sind Türken Integrationsmuffel?" Was würden Sie antworten?

Gar nichts. Die Frage ist mir zu polemisch und deutet nicht darauf hin, dass man sich ernsthaft mit der Sache auseinandersetzen möchte. Ich frage mich: Wo beginnt Integration, wo hört sie auf? Mein Vater hat sechs Kinder großgezogen, hat hier gearbeitet und fühlt sich nach 40 Jahren als Duisburger, aber er spricht nicht sehr gut Deutsch. Ist er integriert oder nicht? Nach der Statistik wohl nicht. Dann gibt es da noch das Beispiel eines Türken, der in Deutschland eine Lebensmittelkette aufgebaut hat. Er hat keinen Schulabschluss, aber er beschäftigt 250 Angestellte. Ist er integriert? Der Begriff ist sehr flexibel anwendbar.

Mittlerweile sprechen aber auch Migrationsforscher von "Integrationsverweigerung".

Ich bin keine Migrationsforscherin und will von daher nicht bewerten, auf welcher Basis solche Begriffe in die Diskussion kommen. Ich finde überhaupt, dass mit zu vielen Schlagworten gearbeitet wird, die es leider immer schwieriger machen, dass man sich vorwurfsfrei begegnet.

Manchmal muss man ein Thema auf den Punkt bringen.

Und spitzt es manchmal damit unnötig zu. Ich gebe Ihnen ein scheinbar harmloses Beispiel: In den vergangenen Jahren kam die politisch korrekte Bezeichnung "Mensch mit Migrationshintergrund" auf. Ganz ehrlich: Ich bin in Deutschland aufgewachsen, das ist das Land, in dem ich leben möchte, in dem ich meinen Beruf als Journalistin ausüben kann, und die ersten 35 Jahre meines Lebens war ich Hatice Akyün. Jetzt bin ich ein "Mensch mit Migrationshintergrund". Ich will nicht abgestempelt werden, ich will keinen Hintergrund.

Wie sollten wir das Thema diskutieren?

Es gibt viele Gründe, weshalb sich Menschen verweigern, weshalb sie sich nicht bilden wollen, weshalb sie Angebote der Gesellschaft nicht aktiv wahrnehmen. Das ist fraglos auch ein größer werdendes Problem bei Türken, vor allem in der jungen Generation. Aber es ist nicht allein das Problem der Türken. Viele deutsche Kinder aus ärmeren Schichten finden doch auch keinen Zugang zu Bildungsangeboten, bleiben ohne Lehrstellen - und verweigern sich dann aus Trotz der Gesellschaft. Sind die etwa besser integriert?

Die finanzielle Notlage ist das Hauptproblem?

Ob es das Hauptproblem ist, weiß ich nicht, ich bin keine Wissenschaftlerin. Es scheint mir aber ein Problem zu sein, das Deutsche und Türken gemeinsam haben, das sich nur verschieden auswirkt. Deshalb wünschte ich mir, Türken und Deutsche würden sich gemeinsam Sorgen machen, anstatt sich gegenseitig ihre Fehler vorzuhalten. Ihr Türken, wir Deutschen - und umgekehrt: Diese Form der Diskussion bringt uns nicht weiter.

Wie sind Sie aufgewachsen?

Ganz entscheidend war: Die Türken der Generation meines Vaters hatten Arbeit, fast ausnahmslos. Ich war in erster Linie ein Arbeiterkind. Dass ich Türkin war, spielte damals doch kaum eine Rolle, deshalb habe ich mich auch in Deutschland sehr schnell heimisch gefühlt, ohne groß darüber nachzudenken.

Und dennoch haben Sie auch die Unterschiede der Kulturen intensiv erlebt. In Ihrem Buch "Ali zum Dessert" schreiben Sie, dass "Waschlappen, Würstchen und Weihnachten" in Ihrem Leben eine besondere Rolle gespielt haben...

Das sind die Dinge, die ich als Kind sehr vermisst habe. Ich bin in Duisburg-Marxloh in einer Zechensiedlung groß geworden. Und meine deutschen Freundinnen haben sich mit Waschlappen gewaschen. Das fand ich toll. Das war für mich modern.

Wie war es denn bei Ihnen zu Hause?

Wir haben uns mit fließendem Wasser gewaschen, meine Mutter weigerte sich, Waschlappen zu kaufen, weil sie sagte, dass man damit nicht sauber werde. Fließendes Wasser steht in der türkischen Kultur für Reinheit. Mit den Würstchen war es genauso. Beim Kindergeburtstag bekamen alle deutschen Kinder ein Würstchen und ich einen Hühnchenschenkel. Ich durfte ja kein Schweinefleisch essen. Heute wäre mir das egal, aber als Kind, da will man nicht anders sein. Als Kind will man dazu gehören. Und so gehörte ich eben nicht dazu. Auch Weihnachten gab es bei uns nicht, am ersten Weihnachtsfeiertag sind die anderen Kinder auf die Straße gegangen, mit ihren Diskorollern, Fahrrädern und neuen Klamotten - und ich bekam gar keine Geschenke.

Im Islam gibt es dafür das Zuckerfest.

Aber das hat ja niemand mitbekommen. Weihnachten dagegen war überall, schon Wochen vorher wurde man darauf eingestimmt. Das hätte ich mir beim Zuckerfest auch gewünscht: Ich hätte den Fernseher angemacht und gesehen: Heute ist Zuckerfest, und alle feiern.

1 von 3
Nächste Seite »
Datum:  29 | 1 | 2009
Seiten:  1 2 3
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
Leute
        

Der Ultravox-Sänger Midge Ure wurde von der Queen zum Ritter geschlagen, was seine Mutter wirklich stolz macht.
Ultravox-Sänger Midge Ure 
Bushido ganz zahm und ordentlich im Anzug: Der
Bushido-Hochzeit 
Prinzessin Victoria und Prinz Daniel bei der Taufe ihrer Tochter Estelle.
Victoria von Schweden 
ESC 2012

Schräge Kandidaten, internationale Musik: Das ist der Eurovision Song Contest in Baku. Wegen der politischen Zustände in Aserbaidschan wird er dieses Jahr heftiger Kritik begleitet. Mehr dazu im Spezial.

Ressort

Aktuelle Nachrichten aus der Gesellschaft


Anzeige

Fotostrecke
Meeresbewohner: Leuchtend grüne Quallen gleiten durch ein Aquarium.

Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.

Ein Jahr Fukushima
Test auf Strahlenspuren.

Ein Jahr nach dem 11. März 2011 zeigen wir, wie das Unglück Japan und die Welt verändert hat.

Anzeige

Video

Anzeige

 
Quiz
Wissens-Test.

Politik, Sport, Wirtschaft - wie gut sind Sie informiert? Machen Sie den Test mit dem unterhaltsamen Tagesquiz.

Academy Awards - "And the winner is..."
Zwischen 300 und 500 Euro ist eine Oscar-Statue wert, je nach Goldpreis. Der ideelle Wert ist für Schauspieler und Filmemacher unbezahlbar.

Alle Gewinner der 84. Academy Awards of Merit, die desaströsesten Outfits auf dem roten Teppich und mehr im Oscar-Spezial.

Kolumne
Tempo 30

Am Aschermittwoch 2009 wurde Sebastian Gehrmann 30. Alles war vorbei. Jetzt kann er darüber schreiben.

Anzeige

Werben auf dem iPad
Das iPad als Werbeform bietet besonders viele Möglichkeiten. Gerne beraten wir Sie persönlich.

Meistgeklickt
Sieger: Der zehnjährige Marco gewinnt das Finale von DSDS Kids. Moderator Daniel Assmann (l.) und DSDS-Kandidat Thomas Pegram freuen sich.
DSDS Kids: Das Finale 
Ermittler der Spurensicherung der Polizei durchsuchen in Kiel ein ehemaliges Trafohaus auf dem Gelände einer Kfz-Werkstatt.
Einsatz gegen Rockerbande 
Das DFB-Bundesgericht mit dem Vorsitzenden Goetz Eilers hat entschieden: Das Relegationsspiel zwischen Fortuna Düsseldorf und Hertha BSC wird nicht wiederholt.
Kein Wiederholungsspiel zwischen Düsseldorf und Berlin 
Quiz
Dezember 2006.

Thomas Gottschalk hat sich bei "Wetten, dass..." verabschiedet. Er bewegt die TV-Nation. Testen Sie Ihr Wissen.