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Interview mit Javier Bardem: Der auf dem Schmerz surft

Zehn Fragen, zehn Antworten: Der Oscar-Preisträger Javier Bardem spricht über das Leiden an der Kunst und die heilsame Wirkung von abgestandener Milch.

Die Rolle des Killers in No Country For Old Men brachte den Erfolg. Am Set dachte ich oft: Was zum Teufel mache ich hier?
Die Rolle des Killers in "No Country For Old Men" brachte den Erfolg. "Am Set dachte ich oft: Was zum Teufel mache ich hier?"
Foto: rtr

Herr Bardem, Sie waren als Junge Ministrant. War das eine Vorbereitung für Ihre spätere Laufbahn?

Auf jeden Fall war es meine erste Bekanntschaft mit der Bühne. Es war aufregend, im Zentrum zu stehen und eine Rolle zu spielen. Aber ich machte das nicht lange. Und im Lauf der Zeit entdeckte ich einen viel aufregenderen Gott - sein Name war Al Pacino.

Zur Person

Javier Bardem wurde am 1. März 1969 auf Gran Canaria als Sohn der Schauspielerin Pilar Bardem geboren. Nach einem kleinen Auftritt in Pedro Almodóvars "High Heels" machte er sich 1996 zum ersten Mal mit der Hauptrolle in "Jamón, Jamón" einen Namen. Später spielte er zunehmend in englischsprachigen Produktionen. Den Oscar als bester Nebendarsteller gewann der Spanier 2008 für seine Darstellung eines Killers in "No Country For Old Men". Zurzeit ist Bardem in Woody Allens Tragikomödie "Vicky Cristina Barcelona" als Maler zu sehen, der sich in Liebesgeschichten mit drei Frauen - darunter Scarlett Johansson und Penelope Cruz - verstrickt.

Ihre Großeltern und Ihre Mutter waren beziehungsweise sind Schauspieler. Wäre für Sie je ein anderer Beruf in Frage gekommen?

Und ob. Ich studierte ursprünglich Malerei. Offenbar wollte ich unbewusst gegen das ankämpfen, was in meinem Blut steckte. Doch um Geld zu verdienen, arbeitete ich nebenher als Statist. Eines Tages bekam ich eine kleine Sprechrolle, und ich fragte meine Mutter um Rat. Sie meinte: "Wenn du das machst, mach es richtig und lerne dein Handwerk." So ging ich auf eine Schauspielschule, und sobald ich dort war, merkte ich: "Hierher gehöre ich."

Es gibt also ein Schauspiel-Gen?

Ja. Wenn deine Eltern die besten Schauspieler der Welt sind, heißt das aber nicht, dass du es auch hast. Wenn du es allerdings hast und ausleben möchtest, musst du dich konsequent darauf vorbereiten. Das ist nicht leicht. Für jeden Schauspieler ist dieser Job mit Schmerzen verbunden.

Müssen Sie für die Kunst leiden?

Es gab Momente, wo ich das dachte, und ich habe nach diesem Prinzip gearbeitet. Inzwischen weiß ich, dass das so nicht richtig ist. Ich arbeite seit 20 Jahren mit dem gleichen Schauspiellehrer, meinem Meister. Wir wurden praktisch miteinander groß, und erst in den letzten fünf Jahren begriffen wir, wie großartig ist es ist, in den Schmerz einzutauchen, auf ihm zu surfen und dich dann von ihm zu distanzieren.

Wie surft man auf dem Schmerz?

Wenn du Schmerz darstellen musst, greifst du auf ein persönliches Gefühl, meinetwegen eine Erinnerung zurück. Er kann nicht aus dem Nichts heraus entstehen, sonst wäre er geheuchelt. Aber sobald du diesen Schmerz geschaffen hast, nimm dein persönliches Gefühl zurück, klammere dich nicht daran fest. Von da ab bewegst du dich nur in einer Welt der Imagination. Dann kannst du in deiner Rolle leiden, ohne dass du dir dabei wehtust.

Ist es schwer, das zu lernen?

Enorm schwer. Ich habe mir sogar den Finger dabei gebrochen. In einer Rolle musste ich mit einem Stock auf eine Registrierkasse hauen. Ich schlug so fest zu, dass ich mir den Finger brach. Für mich waren die gespielten Gefühle plötzlich Realität. War das besser? Nein! Denn ich musste ins Krankenhaus, und der Dreh wurde abgebrochen. Du darfst dich von diesen Gefühlen nicht beherrschen lassen. Nutze sie für ein paar Stunden - dann ist es vorbei.

Können Sie die Emotionen Ihrer Rollen so ohne weiteres abstreifen? Wie war es bei Woody Allens "Vicky Cristina Barcelona"?

Der Woody-Allen-Film war leicht, aber bei "No Country For Old Men" hatte ich Probleme. Der Killer Chigurh ist zwar keine leidende Figur, aber er hält irgendetwas Ungutes zurück, das wir nicht kennen. Das schafft eine Stimmung der Unsicherheit. Und dieses Gefühl konnte nicht so leicht loswerden. Wir verbrachten viel Zeit in der Einsamkeit von New Mexico, ich drehte in einer fremden Sprache, war der einzige Ausländer am Set. Ich merkte, dass sich die Grenzen zwischen der Rolle und mir aufzulösen begannen.

Waren Sie dabei, zum Killer zu werden?

So weit ging's nun doch nicht. Aber das war eine Figur, die aus dem Nichts kam und ins Nichts ging. Und ich fühlte mich ähnlich vom Rest der Welt isoliert. Die Gebrüder Coen behandelten mich zwar nett, aber davon abgesehen dachte ich nur: "Was zum Teufel mache ich hier?"

Sind Sie für Ihre Freunde nach solchen Dreharbeiten leicht zu ertragen?

Du brauchst eine Erholungszeit. Meine Freunde wissen das . Sie fragen: "Wann wirst du fertig?" - "Am 15. Januar." - "Ist es eine schwere Rolle?". - "Ja." - "Dann rufe ich dich am 15. Februar an." Es ist schwer, sich in der Realität wieder zurecht zu finden. Vier Monate, zwölf Stunden pro Tag, sechs Tage die Woche schaffst du nichts anderes als Fiktion. Dann sagt jemand: "Wir sind fertig." Aber ich denke nur: "Wo bin ich eigentlich?"

Wie finden Sie sich dann wieder zurecht?

Indem ich mein ganz normales Leben wieder aufnehme. Ich gehe auf den Markt, kaufe Fleisch und Fisch. Ich koche in meinem Appartement - obwohl ich der schlechteste Koch aller Zeiten bin. Der Alltag hat etwas Heilsames. Wenn du in deinem Kühlschrank nur eine einzige Flasche Milch siehst, die auch noch fünf Monate alt ist, streifst du eine Psychokiller-Rolle schnell von dir ab.

Interview: Rüdiger Sturm

Datum:  15 | 12 | 2008
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