Ms Winslet, bitte verzeihen Sie, aber wir müssen noch einmal darauf zurückkommen
Lassen Sie mich raten: die "Extra"Episode?
Bingo. In einer Folge dieser Comedy-Serie spielen Sie sich selbst, wie Sie während der Dreharbeiten zu einem fiktiven Holocaustfilm gestehen, Sie machten das nur, um einen Oscar zu bekommen. Jetzt haben Sie in einem Holocaust-Film mitgespielt und einen Oscar gewonnen. Glückwunsch!
Ja, aber ich schwöre: Das ist ein bizarrer Zufall, den man mir jetzt ewig aufs Brot schmieren wird. Ich habe noch nie eine Rolle angenommen, weil ich auf einen Preis schielte, sondern weil ich diesen Job verdammt noch mal liebe. Mein Mann sagt immer zu mir: "Es ist unglaublich, du bist so gar nicht interessiert an Kassenhits oder Kritiken." So etwas habe ich einfach nicht auf dem Schirm.
Für die höchsten Weihen hat es nach fünf vergeblichen Anläufen jetzt trotzdem gereicht.
Ja, aber das ist nicht alleine mein Verdienst, sondern das der gesamten Crew. Unser deutsches Team war das beste, mit dem ich ja gearbeitet habe.
Das sagen Sie, weil Sie gerade einem deutschen Journalisten gegenüber sitzen.
Oh nein. Diese Crew hat unglaublich hart gearbeitet. Regisseur Stephen Daldry und ich haben jeden Tag gesagt: Mein Gott, wir lieben diese Leute! Sie waren so schnell, so einsatzbereit und hatten einen so feinen Sinn für Humor.
Jetzt belieben Sie zu scherzen.
Nein, wirklich. Wir hatten jede Menge Spaß am Set, trotz des Themas und trotz der Tatsache, dass wir oft bis in die Nacht gearbeitet haben. So etwas habe ich noch nicht erlebt. Wir waren wie eine Familie, es gab keine Trennung zwischen Schauspielern und Technikern, was ich sowieso hasse. Ich ziehe mich auch nie in meinen Trailer zurück, da gehe ich nur aufs Klo. Ich hatte das Gefühl, jeder hatte sich mit Haut und Haaren diesem Projekt verschrieben. Das war sehr hilfreich - vor allem bei den emotionalen und schockierenden Szenen, die keinen von uns kalt gelassen haben.
Ursprünglich waren Sie für die Rolle der KZ-Wärterin Hanna Schmitz ja gar nicht vorgesehen.
Doch, war ich. Stephen hatte mich sehr früh gefragt, ob ich Hanna spielen wolle, aber ich lehnte ab, weil ich noch mit "Revolutionary Road" beschäftigt war. Also hat Nicole Kidman die Rolle bekommen, und ich dachte, okay, dann ist das halt so. Aber das Interessante war - und ich zögere etwas, das zu sagen: Ich wurde die ganze Zeit das Gefühl nicht los, die Sache ist noch nicht vorbei. So ein Gefühl hatte ich noch nie. Und dann
... wurde Nicole Kidman schwanger...
... und plötzlich kam diese Figur Hanna wieder zurück zu mir. Natürlich war klar, dass ich es jetzt tun würde. Und ob Sie es glauben oder nicht: Schon in der Zeit, in der ich davon ausgehen musste, dass Nicole die Rolle spielt, habe ich begonnen, Tonbänder mit deutschen Dialektaufnahmen zu hören, nur für den Fall, dass
Sie haben mal gesagt, die Rolle von Hanna habe Sie so sehr geängstigt wie keine zuvor.
Ja, ich habe mich ständig gefragt: Bin ich gut genug, um diese Figur zum Leben zu erwecken? Sie ist so komplex. Und ich habe als Schauspielerin noch so viel zu lernen. Das war hart. Aber das Härteste war, nicht auf das zu hören, was andere Leute über Hanna sagten. Alle hielten sie für einen Unmenschen. Ich wollte sie nicht als Nazi-Monster zeigen. Ich wollte sie zu einem Menschen machen, sie sollte ein Herz haben. Nur: Wie soll man verdammt nochmal eine KZ-Wärterin menschlich darstellen?
Der Vorleser (Trailer) Regie: Stephen Daldry, 2008 Kinostart: 26. Februar 2009
Wie kamen Sie zu dieser Auffassung der Rolle?
Ich hatte den Bericht eines 19-jährigen KZ-Wärters gelesen. Dem hatten sie gesagt: Wenn du diesen Job nicht erledigst, wirst du ganz schnell mit dem anderen Gesindel im KZ landen. Das hat mir die Augen geöffnet. Jeder denkt doch, diese Menschen waren durch und durch böse. Man dämonisiert sie, weil man glaubt, nur so ihre monströsen Verbrechen erklären zu können? Aber tatsächlich waren das ganz normale Leute. So wollte ich Hanna zeigen.
Ms Winslet, die britische Presse feiert Sie zurzeit als "titanische Schauspielerin" und "mächtigsten Kinostar" des Landes. Wie bleibt man da auf dem Boden?
I fucking don't know, love.
(Interview: Jörg Schindler)
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