Panorama
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30. März 2012

Interview mit Luc Besson: Die Freiheit lässt noch auf sich warten

Besson mit seiner Hauptdarstellerin Michelle Yeoh am Filmset.  Foto: Universum Film

Der französische Regisseur Luc Besson über die Wahlen in Birma, seinen Film über Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi und wie er die Militärs in Rangun überlistet hat.

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Die Stimme der Freiheit meldet sich an diesem Abend per Video-Botschaft: Die birmanische Oppositionspolitikerin Aung San Suu Kyi schickt dankende Worte aus ihrem Haus in Rangun auf die „Cinema for Peace“-Gala am Berliner Gendarmenmarkt. Die 66-jährige Friedensnobelpreisträgerin bedankt sich dafür, dass ein Film über ihr Leben ausgezeichnet wurde. „The Lady“ erzählt von ihrem Kampf für Demokratie in Birma, aber vor allem davon, wie sehr sie unter der jahrelangen Trennung von ihrem in Oxford lebenden Mann und ihren Kindern gelitten hat. Aung San Suu Kyi bedankt sich bei dem Regisseur, dem Franzosen Luc Besson, dass er diesen Film gemacht hat. Besson sitzt an diesem Abend in Berlin und ist sichtlich bewegt.

Monsieur Besson, für Ihren Film hatte Ihnen die damals noch regierende Junta die Dreherlaubnis in verweigert. Die Orte, die Sie im Film zeigen, beispielsweise die Shwedagon Pagode, die Straßen in der Hauptstadt Rangun, sehen erstaunlich authentisch aus …

Waren Sie mal in Birma?

Ja. 1996. Suu Kyi stand schon damals unter Hausarrest. Ihr Haus war von den Militärs abgeschottet. Wir sind damals mit einem Touristenvisum ins Land gekommen.

Verstehe. Wissen Sie was? Genau so habe ich es auch gemacht. Ich hatte mich als Tourist getarnt. Ich bin in meinem Hawaiihemd ungehindert durch Birma gereist und habe die ganze Zeit mit der Handycam gefilmt. Ich besuchte die Tempelanlagen von Pagan, den Irrawaddy-Fluss und natürlich Rangun. Am Ende hatte ich mehr als 17 Stunden Filmmaterial beisammen. Vieles davon habe ich später in meinen Film integriert. Was Sie sehen, ist also tatsächlich die echte Shwedagon- Pagode aus Rangun. Ich hatte mir vor meiner Reise Storyboards gezeichnet, in denen ich die wesentlichen Szenen und Einstellungen skizziert hatte. Ich habe in Birma also nicht etwa einfach drauflos gefilmt, ich wusste genau, welche Einstellung ich später brauchen würde.

Luc Besson

Am 18. März 1959 in Paris geboren, zählt er zu den international renom- miertesten französischen Regisseuren. Seine Eltern waren Tauchlehrer, als Jugendlicher wollte er Meeresbiologe werden – was er nach einem Tauchunfall aufgeben musste. Diese Erfahrungen hat er später in seinem Film „Im Rausch der Tiefe“ verarbeitet. Zu seinen erfolgreichsten Filmen zählen „Nikita“, „Leon – Der Profi“, „Das Fünfte Element“ sowie „Johanna von Orléans“.

In den vergangenen Jahren hat Besson Projekte für Jugendliche im Pariser Problem-Viertel Saint Denis unterstützt, wo er sich auch für den Bau eines neuen Film-Studios einsetzte, der „Cité du cinema“, die im Herbst eröffnet werden soll. Bessons neuer Film „The Lady – Ein geteiltes Herz“ ist ab dem 5. April in den deutschen Kinos zu sehen.


Sie haben das Land in erster Linie aus der Sicht des Filmemachers betrachtet. Welche Eindrücke haben Sie sonst noch mitgenommen?

Birma ist ein Entwicklungsland, es gibt dort noch keine Freiheit. Wenn Sie beispielsweise das Haus Ihrer Schwester besuchen wollen, müssten Sie das vorher auf der Polizeistation anmelden. Und wenn Sie dann nicht dort erscheinen würden, steckte man Sie ins Gefängnis. Oder ein anderes Beispiel: Wenn Sie in Birma einen Song schreiben, muss die Regierung die Unbedenklichkeit der Texte vorher per Stempel absegnen. Sonst werden Sie niemanden finden, der Ihren Song aufnimmt.

Einen Großteil der Rollen haben Sie mit birmanischen Laienschauspielern besetzt, von denen viele erstmals vor der Kamera standen. Wie kamen Sie auf diese Idee?

Sehen Sie, ich bin kein Asiate. Es war für mich harte Arbeit, mich in dieses Land und in die Situation hineinzudenken. Man muss auf eine gewisse Art demütig sein. Ein abschreckendes Beispiel sind viele amerikanische Filme, die in Paris spielen: Immer haben die Franzosen eine Baskenmütze auf dem Kopf, ein Baguette unter dem Arm, sie rauchen, tragen Schnäuzer und sind leidenschaftlich. Ich wollte auf gar keinen Fall irgendwelche Klischees über Birma verbreiten, nicht, dass Birmanen sich eines Tages diesen Film ansehen würden und dann stöhnen: Was für eine Farce! Deshalb habe ich viele Menschen aus dem Land in die Produktion mit einbezogen.

Wie haben Sie die gefunden?

Viele meiner birmanischen Laienschauspieler lebten in einem Flüchtlingslager im Norden Thailands. Wir gingen dorthin, probten mit ihnen. 200 von ihnen waren sehr überzeugend, ich nahm sie dann mit zu den Dreharbeiten. Darunter waren zum Beispiel Anwälte und Journalisten. Andere wiederum hatten zum ersten Mal in ihrem Leben überhaupt eine Kamera gesehen. Als einige dann zum ersten Mal der Hauptdarstellerin Michelle Yeoh begegneten, die Aung San Suu Kyi extrem ähnlich sieht durch Kostüm und Maske, sind sie fast in Ohnmacht gefallen. Sie konnten es sich einfach nicht vorstellen, dass man mit Make-up und Maskenbildnern jemand so verändern konnte.

        

Eine Ähnlichkeit, über die die Komparsen staunten: Im Film wird Aung San Suu Kyi von Michelle Yeoh gespielt.
Eine Ähnlichkeit, über die die Komparsen staunten: Im Film wird Aung San Suu Kyi von Michelle Yeoh gespielt.
Foto: Universum Film

Als Sie anfingen, den Film zu drehen, stand Aung San Suu Kyi noch unter Hausarrest. Erst im November 2010 hob die Militärregierung ihn auf. Am 1. April 2012 nimmt Suu Kyi nach insgesamt 15 Jahren unter Arrest erstmals wieder an den Wahlen in Ihrer Heimat teil. Haben Sie sie nach Ihrer Freilassung treffen können?

Ja, ich habe sie in ihrem Haus in Rangun getroffen. Was für mich zunächst sehr seltsam war. Denn ich hatte während der Dreharbeiten vier Monate mit einer sehr real erscheinenden Schein-Suu-Kyi verbracht. Als ich dann vor der echten stand, war es zunächst ein Schock, als Fiktion und Realität aufeinandertrafen. Ich war überwältigt, wie sehr unser Schauplatz und unsere Hauptdarstellerin Michelle Yeoh dem realen Haus und der realen Aung San Suu Kyi ähnelten.

Worüber haben Sie mit ihr gesprochen?

Über alles, außer über den Film. Sie hat ihn noch nicht gesehen, möchte ihn auch erst mal nicht sehen. Was ich verstehen kann, es sind wahrscheinlich zu viele schmerzhafte Erinnerungen damit verbunden. Aber ihre beiden Söhne, die in England leben, haben uns bei diesem Projekt sehr unterstützt. Die Gespräche mit ihr haben mich sehr bewegt. Diese Frau stand fast 15 Jahre unter Hausarrest – ich traf sie ein paar Wochen nach ihrer Freilassung. Ich war für sie so etwas wie ein großer Fernseher. Es war, als hielte sie eine imaginäre Fernbedienung in der Hand und zappte durch mich hindurch: Was ist in Frankreich los, in Italien, überhaupt in Europa? Sie hatte so viele Fragen, war neugierig auf alles. Vor allem aber war sie glücklich. Was mir ebenfalls sehr imponierte: Sie verlor kein schlechtes Wort über jene Leute, die sie seit fast 20 Jahren gequält und unterdrückt hatten. Kein Wort!

Wird Ihr Film inzwischen in Birma gezeigt?

Nein, er ist dort verboten. Viele Menschen haben ihn dennoch gesehen, weil offenbar unglaublich viele Raubkopien im Umlauf sind. Es sind wahrscheinlich sehr schlechte Kopien, was mich als Filmemacher natürlich ärgert. Aber in diesem Fall ist es das erste Mal, dass ich mich über die illegale Verbreitung eines meiner Filme freue.

Sie waren bisher nicht unbedingt für Filme mit politischen Botschaften bekannt. Worin bestand Ihr Antrieb, diesen Film zu drehen?

Ich muss zugeben, anfangs wusste ich nicht besonders viel über sie. Das Übliche halt: Ich wusste von ihrem Friedensnobelpreis, von ihrem britischen Ehemann und den beiden Kindern, die jahrelang von ihr getrennt lebten, während sie unter Hausarrest stand. Ich wusste, dass sie für eine gewaltlose Demokratisierung in ihrem Land eintrat und ich hatte auch die verrückte Geschichte von dem Amerikaner gelesen, der durch den angrenzenden See zu ihrem Anwesen geschwommen war – und sie damit enorm in Schwierigkeiten gebracht hatte. Viel mehr wusste ich nicht. Bis mir die Schauspielerin Michelle Yeoh das Drehbuch empfahl, in dem auch der Mensch hinter der Ikone deutlich wurde. Ich las es und musste immer wieder heulen. Diese Geschichte musste erzählt werden!

Sie schildern auch die Geschichte der Ehefrau und Mutter Suu Kyi. Weil sie in Birma unter Hausarrest stand, konnte sie ihren in England lebenden Ehemann und ihre beiden Söhne jahrelang nicht sehen. Nicht mal dann, als ihr Mann im Sterben lag. Wenn sie Birma verlassen hätte, hätte ihr die Junta die Wiedereinreise verweigert.

Ja. Sie hat einen unglaublichen Konflikt in sich getragen – war zerrissen zwischen der Liebe zu ihrem Land und der zu ihrer Familie. Ich dachte mir nur: Die Menschen müssen erfahren, was diese Frau durchgemacht hat. In den Medien wurde sie wegen ihrer Unnachgiebigkeit und Widerstandskraft zur „Stahl-Orchidee“ stilisiert. Aber das ist nur eine sehr oberflächliche Sicht.

Wie würden Sie Aung San Suu Kyi charakterisieren?Natürlich ist sie eine sehr starke, sehr willensstarke Persönlichkeit. Andererseits ist sie auch nur ein Mensch wie Sie und ich, sensibel, sehr verletzlich, und manchmal ganz und gar nicht stark.

In Birma zeigt sich die Wirkung Ihres politischen Films schon daran, dass er verboten wird …

Ich muss Ihnen widersprechen, denn ich habe keinen politischen Film gemacht.

Wenn „The Lady“ kein politischer Film ist, was dann?

Für mich erzählt er in erster Linie eine fast unmögliche Liebesgeschichte zu Zeiten einer Diktatur. Der Terror, die Folter – all das wird in meinem Film schonungslos gezeigt, aber im Vordergrund steht die Liebe zwischen Aung San Suu Kyi und ihrem Mann Michael Aris, ihren beiden Söhnen, aber auch die Liebe zu ihrem Land. Suu Kyi zeigt, dass Liebe auch eine Waffe ist.

Wie meinen Sie das?

In dem Sinne, dass Liebe für Suu Kyi eine Kraft war, die ihr geholfen hat, alle Bedrohungen und Schikanen der Junta nicht nur zu erdulden, sondern letztlich auch zu überwinden. Sie zog mit der Liebe als Waffe in einen Krieg, den es zu gewinnen galt. Eine Frau, gerade mal 50 Kilo schwer, konnte einer Armee von 300.000 Mann widerstehen, und das über fast 25 Jahre hinweg. Von dem Moment an, als die Junta sie im Juli 1989 erstmals unter Hausarrest gestellt hatte, hatte sie schon verloren.

Die Militärjunta hat die Macht im März 2011 an eine zivile Regierung unter der Leitung des früheren Generals Thein Sein übergeben. Der neue Herrscher überrascht den Rest der Welt seitdem mit einer Reihe von Reformen. Die Zensur wurde gelockert, politische Gefangene wurden freigelassen und bei den Wahlen am 1. April sind erstmals auch westliche Beobachter zugelassen. Ist das zumindest eine Ahnung von Freiheit, für die Aung San Suu Kyi jahrelang gekämpft hat?

Zunächst einmal geht es, glaube ich, nicht so sehr um ihre persönliche Freiheit. Denn selbst unter Hausarrest war Suu Kyi der freieste Mensch, den man sich vorstellen kann. Jetzt geht es also nicht mehr um ihre eigene Freiheit, sondern um die ihres Volkes. Von meinen Erfahrungen in Birma ausgehend, kann ich nur sagen: Die Freiheit lässt noch auf sich warten. Morgen kommt sie ganz sicher noch nicht. Aber vielleicht übermorgen.

Monsieur Besson, Sie haben vor nicht allzu lange Zeit versichert, Sie wollten überhaupt keine Filme mehr machen. Warum haben Sie Ihre Meinung geändert?

Das war nicht nur so daher gesagt, ich war einfach müde, ich war wie ausgetrocknet. Sehen Sie, ich arbeite an Sets, seit ich 17 bin. Als ich die 45 erreicht hatte, war ich ausgebrannt: Es war kein Vergnügen mehr, mit Schauspielern zu arbeiten. 14 Wochen Dreharbeiten, jeden Tag von fünf Uhr morgens bis Mitternacht – das laugt dich aus. Da bleibt keine Zeit zum Leben. Das saugt dir das Blut aus. Filmemachen ist oft ein schmerzhafter Prozess, zumindest, wenn du es gut machen willst. Ohne Leidenschaft kann man keine Filme drehen. Also dachte ich mir: Besser hörst du erst mal auf damit. Kommt die Leidenschaft zurück – prima. Wenn nicht, gibt es noch zig andere Dinge, die ich machen kann.

        

Aung San Suu Kyi  vor einer Woche beim Wahlkampf in Birma.
Aung San Suu Kyi vor einer Woche beim Wahlkampf in Birma.
Foto: dapd/Khin Maung Wiin

Werden Sie weiter Filme machen?

Ich erzähle Ihnen dazu eine Geschichte. Als ich klein war, lebte meine Familie in der Nähe einer Skistation. Ich bin mit drei Jahren schon auf den Brettern gestanden. Ich bin Ski gefahren, so oft ich konnte. Als ich dann 30 war, wurde ich wählerischer. Wenn das Wetter schlecht war oder eine lange Schlange vorm Lift stand, hatte ich keine Lust. Wenn heute das Wetter fantastisch ist und ein Freund mir sagte: Komm, wir fliegen im Hubschrauber auf den Gipfel, machen Heli-Skiing – dann bin ich dabei. Mit dem Filmemachen geht es mir heute genauso. Das Thema muss mich anspringen, meinen Pulsschlag erhöhen. Sowas kann man nicht planen. So war es bei „The Lady“ – ich habe alles andere stehen und liegen gelassen.

Als „The Lady“ kürzlich auf der Berlinale gezeigt wurde, saß auch Angelina Jolie im Publikum und stellte Ihnen im Anschluss Fragen, wie Sie das alles gemacht hätten.

Ja, das war eine angenehme Überraschung. Ich fühlte mich sehr geehrt, dass sie da war. Sie hätte an dem Tag ja auch was anderes machen können. Sie ist bezaubernd, ich schätze sie sehr – auch ihr humanitäres Engagement.

Es heißt, dass Jolie und Sie zusammenarbeiten werden. Können Sie uns dazu Näheres sagen?

Wir werden etwas zusammen machen. Wir haben bereits Gespräche geführt, uns mehrere Male getroffen. Aber mehr kann ich noch nicht verraten, Sie müssen noch ein bisschen Geduld haben.

Interview: Frank Olbert und Martin Scholz

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