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Interview mit Ludivine Sagnier: Lolita auf Abwegen

Warum die Aktrice die Tragödie und die Deutschen schätzt und weshalb sie sich von Swimming Pools verfolgt fühlt. ( Mit Video)

Ludivine Sagnier fühlt sich der deutschen Kultur sehr verbunden.
Ludivine Sagnier fühlt sich der deutschen Kultur sehr verbunden.
Foto: rtr

Mademoiselle Sagnier, was ist das Beste, das Ihnen dieses Jahr passiert ist?

Oh, ich habe mich wahnsinnig über die Wahl von Barack Obama gefreut, aber noch mehr freue ich mich auf mein zweites Kind, das bald auf die Welt kommen wird. Ja, und dann auch meine Rolle in "Ein Geheimnis".

Zur Person

Ludivine Sagnier, geboren 1979 Saint-Cloud, bei Paris, stand das erste Mal mit neun Jahren vor der Kamera. Sie wurde schnell zur Muse des Regisseurs François Ozon und spielte in drei seiner Filme mit. Mit Ozons Remake von "Swimming Pool" gelang Sagnier 2003 der internationale Durchbruch.

Ihr aktueller Film "Ein Geheimnis" von Regisseur Claude Miller lief gerade in den Kinos an. Darin spielt sie Hannah, eine junge, jüdische Frau, die sich gemeinsam mit ihrem kleinen Sohn von der französischen Polizei verhaften lässt, weil sie ahnt, dass ihr Mann sich in eine andere verliebt hat. Der Film basiert auf dem gleichnamigen Buch von Philippe Grimbert, der darin seine Familiengeschichte erzählt. Es erschien 2006 bei Suhrkamp und liegt inzwischen auch als Taschenbuch vor.

Es fällt auf, dass selbst dieses Hotelzimmer mitten in Paris einen eigenen, kleinen Außenpool hat. Schwimmbecken scheinen Sie seit Ihrem Erfolgsfilm "Swimming Pool" regelrecht zu verfolgen?

Stimmt. Wo ich auch hinkomme, gibt es einen Pool. Auch in "Ein Geheimnis" spielt er eine zentrale Rolle. Aber ausnahmsweise spiele ich dieses Mal nicht die hübsche Badenixe. Normalerweise werden mir immer die Rollen von fröhlichen, unbeschwerten Mädchen angeboten, die Lolitas, hinter der alle Männer her sind. Zum ersten Mal habe ich jetzt eine betrogene Frau mit einem dramatischen Schicksal gespielt.

Die Figur der Hannah ist ja keine Erfindung, sie hat sich aus Liebesschmerz in die Hände der Häscher begeben, zusammen mit ihrem kleinen Sohn. Beide wurden nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Was ändert sich für eine Schauspielerin, wenn sie weiß, dass eine Figur tatsächlich existiert hat?

Alles ändert sich. Es ist das Schlimmste, sich vorzustellen, dass es sie wirklich gegeben hat, dass sie gestorben ist. Trotzdem ist es mir lieber, Rollen von Frauen zu spielen, die stark sind und authentisch. Claude Miller, der Regisseur, sagte zu mir, das Schwierigste ist, sie als Person nicht zu verurteilen. Er sagte: "Wenn du anfängst sie zu verurteilen, wirst du weinen." Er wollte nicht, dass ich weine. Aber ich gebe zu, dass ich bei der Lektüre des Buches Rotz und Wasser geheult habe und mich der Film für mein ganzes Leben geprägt hat.

Inwiefern

Die Wunde dieser Frau habe ich noch immer in mir. Denn man kann nicht sagen, dass sie sich einfach nur rächt, dass sie einfach nur leidet. Sie stellt sich vor, wie sie betrogen wird und will schlicht und einfach verschwinden, sie will ihren Platz einer Frau überlassen, die mehr geliebt wird. Es hat mit Aufopferung zu tun. Es ist fast eine Art Liebeserklärung an ihren Mann, den sie, indem sie verschwindet, in die Freiheit entlässt. Sie überlässt einer anderen ihren Platz. Weil sie ihren Sohn ins Verderben mitreißt, kann man das nicht mehr nachvollziehen. Aber er ist Teil von ihr, sie merkt gar nicht, dass sie ihn opfert.

(Trailer zu "Ein Geheimnis")

Sind sie schon mal verlassen worden und hatten das Gefühl, alles bricht zusammen?

Sagen wir mal so: Ich bin nicht so naiv und deswegen nicht so besitzergreifend wie Hannah, deswegen habe ich selbst nichts Ähnliches erlebt.

Sie ist im Grunde eine moderne Medea, die den untreuen Ehemann mit dem Tod des gemeinsamen Sohnes rächt...

Absolut. Aber von Außen denkt man, es geht nur um Rache und darum, die Untreue des Vater zu bestrafen. Doch bei Medea ist immer auch Selbstverneinung oder sogar Selbsthass im Spiel. Die Frauen, die so etwas machen, bilden sich oft ein, dass sie eins sind mit ihrem Kind. Sie leben in einer Art Blase, in totaler Fusion und deswegen merken sie oft gar nicht, dass sie ihre Kinder opfern.

Hat Hannah gewusst, welches Schicksal ihr drohte?

Sie spürte es. Aber sie war ziemlich naiv. Sie war auch anders als ihr Mann sehr stolz, Jüdin zu sein. Am Anfang des Films gibt es eine bezeichnende Szene: Er nimmt sich die Freiheit, seine Identität zu verleugnen, will keinen gelben Stern tragen, während sie fast aus Trotz dazu steht. Ihre Tat hat als auch etwas sehr Mutiges und sehr Provokatives.

Wieso beschäftigt dieses Kapitel die Franzosen immer noch?

Weil es ein sehr peinliches Kapitel ist und wir deshalb nicht davon loskommen. Schuldgefühle lassen sich nicht so einfach abwaschen. Aber ich bin da sehr gespalten. Sich nur für die Vergangenheit zu interessieren, ist nicht unbedingt eine gute Sache. Denn wenn man immer nur zurück blickt, sieht man nicht die großen Verbrechen, die vor unseren Augen passieren. Ich finde auch, dass die Deutschen es verdient haben, damit in Ruhe gelassen zu werden.

Ich fürchte, die Sache ist etwas komplizierter für uns Deutsche...

Vielleicht gehöre ich zu den wenigen Franzosen, die nicht überzeugt sind, dass die Deutschen unsere ewigen Erbfeinde sind. Ich habe Deutsch in der Schule gelernt und für mich ist die deutsche Kultur vor allem: Goethe, Mozart, Stefan Zweig.

Sie sind aber nett zu uns...

Nein, überhaupt nicht. Ich finde, die meisten machen es sich ein bisschen leicht, Deutschland einfach nur abzulehnen.

Interview: Martina Meister

Datum:  18 | 12 | 2008
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