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Interview mit Markus Borner: "... und dann kommen die Gnus"

Vor 50 Jahren drehte Bernhard Grzimek seinen Oscar-prämierten Dokumentarfilm "Serengeti darf nicht sterben". Heute lebt und forscht der Grzimek-Nachfolger Markus Borner in dem legendären Nationalpark.

Markus Borner ist Zoologe und führt Bernhard Grzimeks Arbeit in der Serengeti fort.
Markus Borner ist Zoologe und führt Bernhard Grzimeks Arbeit in der Serengeti fort.
Foto: ZGF

Herr Borner, wer leistet Ihnen als Tierforscher abends Gesellschaft auf Ihrer Veranda in der Serengeti?

Die Tiere. Sie sind überall. Das ist das Schönste an meinem Leben. Es gibt viele kleine Tiere, die das Haus und das Büro als ihren Fels benutzen. Ich lebe im ersten Stock, habe eine kleine Terrasse, und wenn ich morgens aufstehe, kommt immer der Klippschliefer, so ein kleines, wolliges Ding mit mürrischem Gesichtsausdruck. Der guckt mich jeden Morgen an als fragte er, wer bist denn du?

Zur Person

Markus Borner ist Zoologe und führt Bernhard Grzimeks Arbeit in der Serengeti fort. Seit 1977 arbeitet der Schweizer für die Zoologische Gesellschaft Frankfurt. Grzimek - damals Präsident der ZGF - hatte ihn auf eine Insel im Viktoriasee geschickt, um dort einen Nationalpark aufzubauen.

Im Jahr 1984 wechselte Borner samt Familie in den Serengeti Nationalpark. Seitdem arbeitet und lebt er in Seronera, im Herzen des Nationalparks, von wo aus das gesamte Afrikaprogramm der ZGF koordiniert wird. Nach getaner Arbeit lässt sich Borner in Gesellschaft der Gnus ab und an einen Gin Tonic schmecken, die Gnus begnügen sich mit Wasser.


Foto: FR-Infografik

Und was macht er dann, der Klippschliefer?

Er pisst vor meine Tür und verzieht sich.

Sind alle Besucher so direkt?

Sie sind zumindest ziemlich zutraulich. Die Mangusten wuseln den ganzen Tag ums Haus herum. In der Trockenzeit kommt eine kleine Gruppe Zebras, jedes Jahr dieselbe, die sind schon so zutraulich, dass man ihnen den Hintern tätscheln könnte. Letzthin hatten wir einen Löwenkill direkt vor der Bürotür, Löwen hatten einen Büffel erlegt. Also musste ich meinen Mitarbeiter die 50 Meter vom Büro mit dem Auto abholen. Und abends kommen sieben alte Büffel-Herren zum Wasserloch, wie in die Kneipe, genau um viertel vor sieben.

Die meisten kennen die Gegend nur aus dem Film "Serengeti darf nicht sterben", der vor genau 50 Jahren an Ihrem heutigen Arbeitsplatz entstand. Grzimek war quasi Ihr Vorgänger; Sie setzen heute seine Arbeit für die Zoogesellschaft fort. Wann haben Sie denn den Film zuletzt gesehen?

Gar nicht so lange her. Ein tansanischer Kollege sprach über den Film, da habe ich ihn auch nochmal angesehen.

Im Film sieht man, wie Grzimek und sein Sohn Michael damals in ihrem zebragestreiften Flugzeug unterwegs waren und mühevoll nach Augenmaß die Tiere zählten. Wie haben sich die Aufgaben für die Frankfurter Tierschützer seither verändert?

Na, die Arbeit ist nicht mehr so cowboyartig wie damals. Das Zählen ist zwar immer noch wichtig, um den Bestand der Herden zu überprüfen - allerdings hilft uns heute die Fotografie dabei. Aber leider verbringe ich nicht jeden Tag in der Luft oder draußen bei den Tieren. Auch im Naturschutz ist man zum Manager geworden. Ich knüpfe Verbindungen, treffe Lokalpolitiker. Wenn ich nicht mehr am Computer sitzen kann, gehe ich raus und jage mit den Wildhunden. Dann weiß man wieder, wofür man das alles tut.

Bernhard Grzimeks Film war ein Appell für die Erhaltung dieses einzigartigen Fleckens. Wie geht es der Serengeti heute?

Tatsache ist, dass es heute mehr Tiere im Nationalpark gibt als zu Grzimeks Zeiten. Die Serengeti ist in einem besseren Zustand als damals, als es auf der Kippe stand, ob sie überhaupt Zukunft hat oder nicht.

Die Gnu-Herden sollen sich ja nahezu verdoppelt haben, auf über eine Million. Also funktioniert das Nationalpark-Konzept?

Die Gnus waren ursprünglich mal um die zwei Millionen, das wissen wir nicht genau. Als Grzimek da war, zählte er etwa 300 000. Die Rinderpest, die um 1900 in Afrika eingeschleppt wurde, hatte alle Huftiere umgebracht. Die Krankheit wurde immer weiter übertragen, bis man in den 50er Jahren begann, die Tiere um den Park herum zu impfen. So konnten sich die Gnus sehr schnell erholen und haben sich heute bei etwa 1,2 Millionen eingependelt.

Über eine Million Gnus - wie ist das, wenn diese Menge Tier durch die Savanne rast?

Wenn ich zu Hause bin, ist das Erste, was ich von den Gnus höre, wie ein fernes Meeresrauschen, wie eine Brandung, die kommt und geht. Man sieht aber noch nichts. Als nächstes kommen die Fliegen, plötzlich sind sehr viele Fliegen überall. Und dann kommen die Gnus. Das berührt einen ganz tief drinnen. So was gibt es doch auf der ganzen Welt nicht mehr zu sehen. Und dass das noch erhalten ist, in einem Gebiet, wo in der Nähe sehr viele Menschen wohnen, ist doch eine ganz irre tolle Geschichte. Oder wenn Sie mit dem Auto durch die Gnu-Herden durchfahren. Das ist fast wie mit einem Boot durchs Wasser zu fahren. Die Tiere teilen sich vor dem Auto langsam und fließen dahinter wieder zusammen.

Haben Sie dabei keine Angst?

Angst nicht, man fühlt sich klein. Ich fühle mich dann immer als Teil von dem Ganzen, die riesige Natur und Wildnis um einen herum ist so viel größer als man selbst. Und dann der Geruch, dieser frische Dung, der dann innerhalb von Sekunden von diesen Millionen von Mistkäfern weggepackt wird. Da merkt man einfach wieder, wie stark die Natur ist, dass der Mensch die Welt nicht allein beherrscht.

Als der Nationalpark in den 50er Jahren gegründet wurde, gab es Befürchtungen, die Zusammenarbeit mit den afrikanischen Behörden könnte schwierig werden. Ist es gelungen, die Menschen vor Ort in die Arbeit der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt einzubinden?

Wir müssen eigentlich immer noch zehn, 15 Jahre warten, um das sagen zu können. Grzimek hat schon in den 60er Jahren gesagt, wir können es nur mit den Leuten vor Ort schaffen. Was heute als Community Conservation verkauft wird, etwas ganz Modernes, wusste Grzimek längst. Was sich geändert hat ist, dass man die Leute nicht mehr als Problem sieht, sondern als Teil der Lösung. Sie sollen mehr Eigenverantwortung beim Schutz dieser Tiere haben, aber auch in der Nutzung, sei es in der Jagd oder touristisch. Ich glaube, das wird gelingen.

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Datum:  3 | 1 | 2009
Seiten:  1 2
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