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Interview mit Maximilian Schell: "Ich fliege über dunkle Täler"

Der Oscar-Preisträger erzählt von Momenten der Todesnähe, seiner Vorliebe für Telenovelas und seinem letzten Telefonat mit Marlene Dietrich.

Der 69-jährige Maximilian Schell machte als Schauspieler in Filmen wie Der Rosengarten oder Das Urteil von Nürnberg Karriere. Für seine Rolle in diesem Streifen erhielt Schell 1962 sogar einen Oscar.
Der 69-jährige Maximilian Schell machte als Schauspieler in Filmen wie "Der Rosengarten" oder "Das Urteil von Nürnberg" Karriere. Für seine Rolle in diesem Streifen erhielt Schell 1962 sogar einen Oscar.
Foto: ddp

Herr Schell, Sie kommen gerade aus Montreal, stehen morgen schon wieder in Wien vor der Kamera, und hier in der Hütte stapeln sich die Scripte zu Ihrem Beethoven-Filmprojekt - wer ist Ihr Energie-Versorger? Ich habe doch keine Energie. (lacht) Wirklich nicht, ganz wenig Energie. Manchmal bin ich selbst überrascht, wenn ich Energie habe ...

Was treibt Sie an? Warum atmen Sie? Bin manchmal sehr müde und manchmal wieder nicht. Früher war ich eigentlich ziemlich energiegeladen - das hab ich dann im Tennis verbraucht. Und Björn Borg geschlagen ... allerdings im Schach.

Zur Person

Maximilian Schell, Schauspieler, Regisseur, Produzent und Autor, wurde am 8. Dezember 1930 in Wien geboren als Sohn eines Schweizer Schriftstellers und einer österreichischen Schauspielerin. Seine Geschwister Immy, Carl und Maria wurden ebenfalls alle Schauspieler.

Zum Weltstar avancierte er mit Anfang 30 vor allem durch seine Rolle des jungen Anwalts in Stanley Kramers Film über die Nürnberger Prozesse "Das Urteil von Nürnberg", für die er den Oscar, den New Yorker Kritikerpreis und den Golden Globe gewann. Weitere Hollywood-Produktionen folgten, u.a. "Topkapi" (mit Peter Ustinov), "Die Akte Odessa" (mit Jon Voight) und 1998 als vorerst letzte Hollywood-Arbeit "The Deep Impact".

Auf der Bühne und für Fernsehfilme spielte er große Rollen und verkörperte historische Figuren: Hamlet, Jedermann, Peter den Großen, Lenin, Friedrich von Preußen. Er arbeitete mit den renommiertesten Regisseuren zusammen. So wurde er 1960 von Gustaf Gründgens ans Schauspielhaus Hamburg geholt.

1983 produziert er den mehrfach ausgezeichneten Dokumentarfilm "Marlene" über die in Paris zurückgezogen lebende Legende Marlene Dietrich. 1997 erscheint seine autobiografische Erzählung "Der Rebell".

Der fast 78-Jährige lebt in Wien und Kärnten. Er hat aus seiner früheren Ehe mit der russischen Schauspielerin Nataljia Andrejtschenko eine Tochter und einen Sohn.

Zum FR-Gespräch reiste unser Autor Oliver Spiecker nach Kärnten, hinauf ins Bergland zu Maximilian Schells abgeschiedener Hütte. Nur selten empfängt Schell dort Besuch. 2005 hatten sich die beiden in den USA kennen gelernt, als Schell für die Los Angeles Opera Richard Strauss’ Oper "Der Rosenkavalier" inszenierte. Spiecker schrieb seinerzeit an der Biografie über den Hauptdarsteller: "Der Megabass Kurt Rydl". Später, bei der Buchpremiere in der Dresdner Semperoper, gab Schell eines der Kapitel zum Besten, eine Lesung der Extraklasse. Sympathien öffnen Türen, auch zu verschwiegenen Almhütten. Und so verabredeten sich Spiecker und Schell zum Gespräch an einem verschneiten Vormittag auf den Hügeln von Preitenegg im Lavanttal.

Die Straße verliert sich bergauf und irgendwann öffnet sich die "Stündlalm", ein kleines Schell-Dorf, "das Zentrum", "unsere Zuflucht", wie Maria Schell in ihren Memoiren schrieb. Ihr Haus liegt verlassen links am Hang, weiter hinten steht die ehemalige Badstube, Maximilian Schells bescheidene Holzhütte, die man aus seinem berührenden Porträtfilm "Meine Schwester Maria" kennt. "Willst du leben, oder willst du sterben?", fragt er darin seine müde gewordene Schwester. "Leben!", sagt sie - und er erwidert: "Dann musst du gehen. Jeden Tag, vom Haus hinüber zur Hütte."

An diesem Tag schreitet Maximilian Schell diesen Weg für den Fotografen ab. Aufgeräumt und erzählfreudig ist er. Oft genug hört man, er sei so schwierig. "Dabei kämpfe ich doch nur gegen das Mittelmaß", sagt er, "schon ein Leben lang."

Für einen Bühnen- und Erfolgsmenschen wie Sie ... ... bin kein Erfolgsmensch, bin auch kein Bühnenmensch. Ich bin Student. Das bleibt auch so.

Auch noch mit fast 78 Jahren? Immer noch!

Herr Schell, eigentlich müssten wir dieses Jahr feiern: Vor 75 Jahren haben Sie Ihren ersten Applaus bekommen! Ach so? Aber nicht auf den Tag. Eher ein Jahresjubiläum ...

Sie haben einen Grashalm gespielt ... Das hat mir meine Mutter erzählt, ich weiß nicht, ob es stimmt. Ich war drei Jahre alt und sollte in einem Kinder-Theaterstück meines Vaters mit einem Veilchen tanzen. Das Mädchen, das die Blume spielte, war entzückend, ich glaube auch, dass ich mich in sie verliebt hab, eine Baroness. Und dann hat meine Mutter, die Regie geführt hat, aus unerfindlichen Gründen, wie immer bei Regisseurinnen, die Rolle meiner Partnerin verändert. Plötzlich war es eine Rose oder Lilie, also sicher kostbarer als ein Veilchen, aber es hat mir überhaupt nicht gepasst. Und daraufhin hab ich mich geweigert aufzutreten. Dann haben mich aber alle so genervt, dass ich schließlich an die Rampe gegangen bin und ins Publikum hinausgeschrieen habe: Ich bin keine Blume, wisst ihr was, und doch eine Blume, ich bin Gras! Donnernder Applaus! Größter Erfolg, den ich je in meinem Leben hatte, durch nichts mehr aufzuwiegen. Es ist natürlich schwer, schon mit drei Jahren den größten Erfolg seines Lebens zu haben - danach kann eigentlich nur noch der Abstieg kommen.

Kluge Erkenntnis. Nicht die einzige. Nach dem Krieg musste ich während des Studiums mal eine Seminararbeit schreiben über die berühmte Reiterstatue des Dexileos. Also fuhr ich nach Athen zum Kerameikos-Friedhof - der liegt in der Nähe der Hafenstadt Piräus. Wir gingen durch den uralten Friedhof zu einer kleinen Baracke, und ganz hinten in der Ecke, hinter einer verstaubten Scheibe beleuchtet, stand diese weltberühmte Statue, die erste Reiterstatue der Welt. Da hab ich auch gedacht: Mein Gott, weltberühmt, aber dann steht man völlig verstaubt in einer Ecke. So hab ich früh die Grenzen des Ruhms kennen gelernt.

Sie waren also schon als dreijähriger Grashalm "Der Rebell" - wie Sie ihn später in Ihrem gleichnamigen autobiografischen Roman beschrieben haben? ... nicht autobiografisch, aber ich bin rebellisch!

Wogegen rebellierten Sie denn damals als Dreijähriger? Gegen die Mutter. (lacht) In erster Linie gegen die (ironisch) Klischeehaftigkeit der Zeit. Ich dachte eigentlich immer, ich sei geboren worden, um den Kitsch aus der Welt zu schaffen, aber diesen Gedanken habe ich leider längst aufgegeben. (zitiert frei:) "Es lastet über unserer Zeit der Fluch der Mittelmäßigkeit. Hast du einen so schwachen Magen, kannst du die Wahrheit nicht vertragen? Bist also nur ein Grießbreifresser? Ja dann - ja dann verdienst du es nicht besser!" Das habe ich Anfang des Jahres bei der Verleihung des Diva-Lebenswerkpreises in München aufgesagt und betont, dass Tucholsky es 1931 geschrieben hat. Die Leute waren beruhigt, aber im Grunde ist es heute genau das Gleiche.

Als Sie den Bundesfilmpreis für Ihr Lebenswerk bekommen sollten, wollten Sie den erst gar nicht annehmen. Warum eigentlich nicht? Da war ich viel jünger, das war vor zehn, 15 Jahren. Damals habe ich gesagt: Ich komme dann, wenn mein Arzt es mir anrät. Der Preis steht jetzt beim damaligen und heutigen Innenminister Schäuble auf dem Kamin. Er sagte mir kürzlich: "Sie sind jederzeit willkommen, ihn abzuholen."

Im Sommer 2000 sollten Sie in Riga zum "Schauspieler des Jahrtausends" gekürt werden, mussten dann aber vom Notarzt behandelt werden. Hatten Sie da Angst? Das war sehr dramatisch. Das war eine Pankreatitis, eine Bauchspeicheldrüsenentzündung. Und die wollten mich operieren, aber ein Privatflugzeug brachte mich von Riga nach München, das hat mich gerettet. Zuerst hat einer begeistert gesagt: "Nur zehn Prozent überleben das." Später in München sagte ein anderer noch begeisterter: "Nur fünf Prozent überleben!" (lacht) Ist doch egal, ob fünf oder zehn - schön, dass ich bei diesen Prozenten bin. Aber es war schrecklich, ganz merkwürdig, ich lag sechs Wochen lang praktisch im Koma.

Haben Sie oft Todesnähe erlebt?

Nicht so oft. Aber ich habe mich immer sehr mit dem Tod beschäftigt,schon als Vierzehnjähriger. Ich mochte auch Friedhöfe. Jetzt mag ich sie nicht mehr so gern. (lacht)

Gibt es ein Leben nach dem Leben?

Die Einzige, die mir das so ein bisschen plausibel machen konnte, war meine Mutter, komischerweise. Die hat gesagt: "Weißt du, ich stell mir das so vor. Alles, was der Mensch je gedacht hat, ist in Erfüllung gegangen, bis zum Fliegen. Alle andern Träume auch - irgendwann sind sie realisiert worden. Schon vor 10 000 Jahren glaubten die Grabbeigaben an ein Leben der Seele oder was immer. Wahrscheinlich geht das dann doch auch in Erfüllung." Das fand ich relativ plausibel.

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Datum:  27 | 11 | 2008
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