Herr Kessler, haben Ihre Eltern Wert auf gute Manieren gelegt?
Ich bin ein wohlerzogener Mann - doch, ja. Meine Eltern haben großen Wert auf gutes Benehmen gelegt. Am Tisch kamen die Ellenbogen runter, und wie man Messer und Gabel hält, das wurde mir alles schon sehr früh antrainiert. Ich kann nur sagen, dass das von Vorteil ist. Auch was die Regeln des täglichen Zusammenlebens betrifft. Es ist doch nett, wenn man die Tür aufgehalten bekommt und jemand freundlich "Guten Tag!" und "bitte!" und "danke!" sagt. Das kommt uns ja alles etwas abhanden im Moment.
Michael Kessler ist durch seine Parodien auf Peter Kloeppel, Günther Jauch und Florian Silbereisen bekannt geworden. Als Mitglied im Ensemble von "Switch Reloaded" (Pro7) hat der Comedian, geboren am 24. Juni 1967 in Wiesbaden, 2008 sämtliche Comedy-Preise gewonnen, die es hierzulande gibt.
Der gelernte Theaterschauspielersteht auch regelmäßig auf der Bühne und für Film- oder Kinoproduktionen vor der Kamera - zuletzt für die "Berliner Nacht-Taxe" im rbb. Daneben schreibt er auch für Fernsehen, Film und Bühne.
Seine neue Sendung "Kesslers Knigge" startet am Freitag, 19. Juni, auf Sat1 (22.15 Uhr, wöchentlich) - eine Gag-Revue, in der sich der Comedian peinlichen Situationen aussetzt.
Das haben Ihre Eltern nun davon: Der eigene Sohn ist Komiker geworden ...
Na ja, sie hätten es wohl lieber gehabt, wenn ich eine Banklehre gemacht hätte. Aber inzwischen sind sie sehr stolz auf ihren Sohn.
Für Sat1 haben Sie jetzt "Kesslers Knigge" produziert. Der Titel ist ein Witz, oder?
Das kann man so sagen, ja. Es ist nicht wirklich eine ernsthafte Ratgebersendung. Wir haben versucht, die schlimmsten Fettnäpfe der Erde zusammenzutragen, 1100 Szenen haben wir gedreht. Teilweise haben wir dabei auf den Putz gehauen, um die peinlichsten Momente darzustellen, die man sich in seiner Phantasie ausmalen kann. Hat es Ihnen denn gefallen?
Ich habe einige Ausschnitte aus der neuen Sendung gesehen. Es waren reine Slapstick-Szenen, die für meinen Geschmack zum Teil überdreht waren. Aber Sie scheinen sich all in diesen Rollen ja äußerst wohl gefühlt zu haben.
Ja, wenn man das alles mal machen darf, das macht schon Spaß. Mich schockt jetzt gar nichts mehr. Einmal musste ich im Flughafen nackt übers Gepäckband rollen. So etwas kostet natürlich erstmal Überwindung.
Was machen Sie, wenn Sie Nachholbedarf in Sachen Etikette haben? Kennen Sie das Internet-Portal "Manieren per Mausklick"?
Ja, ich bin schon mal auf so eine Seite gegangen, um nachzuschauen: Wie muss die Krawatte sitzen? Kurz über der Gürtelschnalle. Welcher Knopf bleibt bei einem dreiknöpfigen Sakko auf? Der oberste bleibt auf, der mittlere bleibt zu, der unterste bleibt wieder auf - glaube ich jedenfalls. Das interessiert mich schon. Ich will das richtig machen. Es gibt ja durchaus ein paar Sünden, die man begehen kann, und es wäre mir peinlich, mit diesen Strapsvertretern verglichen zu werden, deren Schlumpf-Krawatten bis auf den Boden hängen, runter bis zu den Micky-Maus-Socken.
Welche schlechten Manieren stören Sie am meisten an Ihren Mitmenschen?
Vordrängeln mag ich nicht, laut sein auch nicht. Diese Grabscher-Mentalität, sich immer alles vor den anderen zu nehmen. Anderen auf die Pelle zu rücken. Zu schmatzen am Tisch. Manieren erleichtern den Alltag. Es muss doch Regeln geben in einer großen Gemeinschaft, die auf wenig Platz zusammenlebt. Diese Regeln zeigen, dass wir uns respektieren.
Und umgekehrt: Was nervt Ihre Freunde an Ihnen?
Oh, das ist eine gute Frage. Vielleicht nervt sie manchmal meine Genauigkeit, mein penibles Wesen.
Die Etikette sind ein beliebtes Thema bei deutschen Komikern - siehe Loriot. Seine Figuren sind immer dann am witzigsten, wenn sie versuchen, alles richtig zu machen. Ist dieser Perfektionismus typisch deutsch?
Ja, ich glaube schon. Vielleicht liegt das am schlechten Wetter. Wenn es regnet, kommen wir auf trübe Gedanken. Dann gehen wir zwei Schritte vor und einen zurück und diskutieren alles. Wir wollen immer alles ganz genau machen. Das hat Loriot super erkannt und super beobachtet. Seine Sketche sind zwar schon über 30 Jahre alt. Aber sie haben immer noch eine Aktualität. Auch wenn die Leute heute schon lockerer sind als 1970.
Loriot könnte über Ihren Sat1-Knigge vermutlich nicht lachen: Es gibt weder einen Spannungsbogen noch eine Fallhöhe, es hagelt Pointen. Ist das die Kapitulation vor dem schnellen Tempo der amerikanischen Comedy?
Das ist keine Kapitulation. Ich finde einfach, es ist modern. Unsere Welt ist schneller. Und die jungen Leute gucken einfach viel schneller als wir. Sie machen viele Dinge gleichzeitig. Sie sitzen, sie chatten, sie simsen, sie schreiben noch eine Email, da hinten läuft der Fernseher. Junge Menschen erfassen heute viel schneller.
Man könnte es so sagen: "Kesslers Knigge" ist "Comedy to go" für Menschen, die nicht wissen, was sich gehört. Ärgert Sie diese Einschätzung?
Nö. Stimmt doch. Comedy muss lustig sein. Ich muss über das, was ich da sehe, lachen können. Das kann auch Slapstick sein. Ich lache noch heute über Laurel & Hardy. Das sind Clowns. Wir versuchen, die Komik nicht über Worte herzustellen, sondern über die Bilder. Wenn ein Typ im Handy-Kostüm zum ersten Date mit seiner Freundin erscheint, ist das einfach ein komisches Bild.
(Interview: Antje Hildebrandt)
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