Herr Latif, viele ächzen und stöhnen über den harten Winter. Ist die Klimaerwärmung abgesagt?
Nein. Aber wir müssen weiterhin mit kalten Wintern rechnen, denn der Einfluss der globalen Erwärmung auf das Wettergeschehen ist zum Glück noch relativ gering. Sie werden allerdings immer seltener werden. Zudem dürfen wir das, was wir erleben, nicht zum alleinigen Maßstab machen. Während wir frieren, ist es zum Beispiel in den Tropen zur Zeit außergewöhnlich warm, und die riesigen Flächen dort haben einen viel größeren Einfluss auf die Welttemperatur als Europa.
Mojib Latif leitet den Forschungsbereich Klimadynamik am Institut für Meereswissenschaften der Uni Kiel. ifm
Man hat aber den Eindruck, dass die Behörden und Transportunternehmen schlechter als früher daruf eingestellt sind.
Das liegt daran, dass man sich an die milden Winter schon gewöhnt hatte. In den 80er und 90er Jahre gab es wenig Schnee und Frost, und viele dachten schon: So wird es bleiben. Aber da hat man die Rechnung ohne den Wirt gemacht - ohne die natürlichen Klimaschwankungen.
Wie ungewöhnlich waren die letzten Winter?
Es waren keineswegs Extremwinter, es fielen keine Rekorde. Aber in der Tat: Sie waren relativ kalt. Das liegt daran, dass die globale Erwärmung im Moment eine Art Atempause macht. Die globale Temperatur verharrt auf relativ hohem Niveau, seit 1998 hat es hier keine neuen Rekorde gegeben.
Also Entwarnung?
Nein, keineswegs. Die globale Temperatur wird auch von natürlichen Fluktuationen beeinflusst, die den generellen Erwärmungstrend überlagern. Sie können ihn beschleunigen, aber auch abschwächen. Im Moment passiert das Letztere. Trotzdem ist das letzte Jahrzehnt global das wärmste in den vergangenen 100 Jahren gewesen.
Wie lange wird diese "kühlere" Phase dauern?
Die Atempause könnte nach unseren Untersuchungen bis etwa 2015 andauern. Danach dürfte die Erwärmung wieder losgehen, dann aber sogar beschleunigt.
Kalte Winter und warme Winter kommen in Serie. Stimmt das?
Der Eindruck ist richtig. Die natürlichen Schwankungen sind zyklisch und sie treten von Jahrzehnt zu Jahrzehnt auf. Das ergibt eine Häufung von relativ warmen und kalten Phasen.
Die Hoteliers in den Skigebieten können also dank des jetzigen Schneeparadieses vor ihren Häusern nicht aufatmen?
Vielleicht haben sie nun dank der Atempause ein paar gute Jahre vor sich, in denen sie neue Angebote an die Urlauber entwickeln können, die ohne Schnee auskommen. Denn eins ist sicher: Die globale Erwärmung wird sich durchsetzen.
Interview: Joachim Wille
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