Mr. McCartney, auf Ihrer neuen CD verschwinden Sie wieder einmal hinter dem Pseudonym "The Fireman". Haben Sie Grund, sich zu verstecken?
Nein. Es ist nur einfach großartig, sich hinter einem Pseudonym zu verstecken.
Paul McCartney (66) hat mit "Electric Arguments" seine dritte CD unter dem Pseudonym "The Fireman" veröffentlicht. Die ebenfalls mit dem Produzenten Youth eingespielten Vorgänger erschienen 1993 und 1998 und waren reine Instrumental-Alben. In den neuen Songs ist McCartney diesmal auch als Sänger zu hören - und begeistert die Kritiker. Die New York Times schreibt: "In diesem Album lässt er seinen inneren Hippie los - ausgelassen, melodisch, rätselhaft und wohlwollend."
Live ist der Ex-Beatle bei der Grammy-Verleihung in Los Angeles zu sehen. Pro Sieben überträgt die Show in der Nacht zu Montag, 9. Februar, ab 2 Uhr.
Musikvideos des neuen Albums gibt es auf der Website von Paul McCartney.
Warum?
Weil es befreiend ist. Wenn ich als "The Fireman" singe, habe ich das Gefühl, alles sei möglich. Ich muss nicht ernsthaft sein, ja: Ich bin befreit.
1993 und 1998 hatten Sie unter dem Namen "The Fireman" bereits zwei Instrumental-Alben mit Ihrem Produzenten Youth veröffentlicht. Kürzlich ist unter dem Namen Ihr drittes Album erschienen, auf dem Sie auch singen und dafür von der Kritik in den höchsten Tönen gelobt werden. Wie kamen Sie überhaupt auf die Idee, ein Pseudonym zu benutzen?
Das geht zurück auf das Beatles-Album "Sergeant Pepper". Damals hatten wir uns als Gruppe so etwas wie ein zweites Ich gegeben.
Sie traten mit Schnauz- und Backenbärten in bunten Fantasiekostümen auf.
Ja - und ich war begeistert von dem befreienden Effekt, den das hatte.
War und ist man als Ex-Beatle unfrei?
Damals fühlten wir uns zunehmend eingeengt von diesem Druck, ständig die Beatles sein zu müssen - und zwar so, wie uns alle sehen und hören wollten: mit dem typischen Paul-McCartney-, dem typischen John-Lennon-Gesang. Also schlug ich vor, uns als "Sergeant Pepper's Lonely Hearts Club Band" auszugeben. Wir sollten so tun, als wären wir nicht mehr die Beatles, sondern eben diese andere Band. Als Sergeant Pepper's Band konnten wir Dinge wagen, die wir uns als Beatles nicht erlaubt hätten. Als "Fireman" geht es mir genauso. Alles ist möglich.
Stimmt es, dass Sie den Titel Ihres "Fireman"-Albums, "Electric Arguments", aus einem Gedicht des legendären Beat-Poeten Allen Ginsberg geklaut haben?
Ja, aber ich hatte mir zunächst gar nicht viel dabei gedacht. Ich habe die Worte einfach irgendwo in einem Text über Ginsberg aufgeschnappt und mir dann notiert. "Electric Arguments" - das schien irgendwie zum Geist dieses Albums zu passen. Als ich Freunden erstmals davon erzählte, sagten sie: "Toller Titel, Mann." Das Ginsberg-Gedicht selbst habe ich seitdem noch nicht wieder gefunden. Da muss ich wohl mal am Computer recherchieren.
Sie haben sich in den 60er Jahren oft mit Ginsberg und anderen Beat-Schriftstellern wie William Burroughs getroffen. Inwiefern haben diese Künstler Sie geprägt?
Ich war mir der Techniken von William Burroughs durchaus noch bewusst, als ich mit der Arbeit an "Elec-tric Arguments" begann. Ich habe Wörter aus einem Text herausgelöst, ein paar eigene dazugedichtet, die dem Gefühl des Songs entsprachen.
Sie haben also Burroughs' Cut-up-Prinzip wieder entdeckt, eine Montage-Technik, die schon Scharen von DJs inspiriert hat.
Ja. Youth und ich, wir haben unsere Songs ähnlich entwickelt, wie Ginsberg und Burroughs und all die anderen Beat-Künstler damals ihre Gedichte schrieben. Ich habe Gedichtbände gelesen, hier ein Wort rausgeholt und zu einem anderen Satz gestellt aus einem anderen Gedicht.
Sie lassen die Postmoderne galoppieren.
Ja, wir haben einfach die Wörter zusammengeworfen und versucht, einen neuen Sinn daraus zu machen. Aber wissen Sie, obwohl ich William damals öfter getroffen habe, kannte ich ihn nicht wirklich gut. Er war ein sehr rätselhafter, hintergründiger Mensch, der nie viel redete. Ich besaß mal ein kleines Tonstudio im Keller eines Hauses im Londoner West End, mit einer Revox-Anlage und einem Mikro, um Demos zu machen. Ich hatte den Keller von einem Paar gemietet, das mit William befreundet war. Irgendwann fragten sie mich, ob William die Anlage auch mal benutzen dürfe. Ich hatte nichts dagegen. Später hat er dann tatsächlich einige Lesungen in meinem Studio aufgenommen. Barry Miles, der Hörbücher von Burroughs herausgebracht hat, sagte mir kürzlich, dass all diese Aufnahmen verschwunden seien - wie so viele andere meiner Aufnahmen aus den 60ern auch. Ginsberg und Burroughs waren großartig. Sie waren echte Künstler.
Wie war Ihr Verhältnis zu Ginsberg?
Allen habe ich gekannt. Er sagte mir sehr oft auf die ihm eigene charmante Weise: Der erste Gedanke ist der beste. Was ihn allerdings nicht davon abhielt, seine Gedichte immer und immer wieder zu bearbeiten. Irgendwann haben wir deswegen richtig gestritten: "Was soll dieses ständige Nachbearbeiten, wenn du immer tönst, der erste Gedanke sei der beste", fragte ich ihn. Er schmunzelte nur: Dieses Credo sei zwar nicht falsch, aber Nachbessern sei eben auch nie verkehrt. Allen war wie ein abgedrehter Literatur-Professor, ein echter Hippie. Er besuchte mich damals ein paar Mal, sah sich sehr kritisch einige meiner Gedichte an.
Sie haben Gedichte geschrieben?
Klar, ich arbeitete auch gerade wieder an einem Buch mit Gedichten und Liedtexten, das ich "Blackbird Singing" nennen wollte. Allen bewunderte Songs; eine Zeitlang hatte er sogar versucht, Lieder von Leuten wie Dylan zu verändern, mit dem er ebenfalls befreundet war.
Was kam dabei heraus?
Irgendwann hat ihm jemand unmissverständlich gesagt: "Hey, das ist ein Song und kein Gedicht. Das sind unterschiedliche Dinge." Als er bei mir war, hat er sich, was meine Lieder betraf, dann auch sehr zurückgehalten.
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