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13. April 2011

Interview mit Peter Radtke: „Ich leide nicht“

Peter Radtke  Foto: dpa

Der Schauspieler Peter Radtke, der an der Glasknochenkrankheit leidet, spricht im Interview über Präimplantationsdiagnostik und planbare Menschen.

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Der Schauspieler Peter Radtke, der an der Glasknochenkrankheit leidet, spricht im Interview über Präimplantationsdiagnostik und planbare Menschen.

Herr Radtke, Sie leiden an der Glasknochenkrankheit. Viele Betroffene lehnen den Begriff Krankheit für sich ab. Wie würden Sie es für sich formulieren wollen?

Es ist in erster Linie eine Behinderungsart. Krankheit bezeichnet für mich einen Zustand, der geheilt, wieder gesund gemacht werden kann. Das ist hier nicht der Fall. Es bleibt. Man hat es eben. Ich leide aber nicht an der Behinderung. Ich habe sie einfach. Es ist eine Art Lebensform.

Für nicht Betroffene ist diese Definition überraschend.

Menschen, die nicht in dieser Situation sind, können sich üblicherweise nicht vorstellen, dass man auch mit einer solchen Behinderung glücklich sein kann. In meinem Fall kann ich sagen, dass ich von meiner Behinderung auch profitiert habe. Ich habe eine Karriere gemacht, die ich ohne meine Behinderung so vermutlich nicht gemacht hätte. Ich habe die Möglichkeit, meinen Standpunkt zu vertreten, ich kann ihm ein gewisses Gewicht verleihen, gerade weil ich behindert bin. Andere, die dasselbe sagen, vielleicht noch differenzierter argumentieren, bekommen dieses Gehör nicht. Insofern ist die Behinderung für mich etwas Positives.

Hatten Sie nicht auch Nachteile durch Ihre Behinderung?

Natürlich gab es auch Nachteile. Es geht kein Weg daran vorbei, dass die Behinderung einen natürlich auch behindert. Aber wie man damit umgeht, hat weniger mit der Behinderung als mit dem Charakter zu tun. In meinem Fall spielte sicher eine Rolle, dass ich eine sehr schöne und gesicherte Jugend hatte. Insbesondere hatte ich eine Mutter, die mich in jeder Hinsicht unterstützte. Ob man an Widrigkeiten zugrunde geht, hängt wohl immer auch von der eigenen Persönlichkeit ab.

PID im Bundestag

Der Bundestag debattiert erstmals über die Zukunft der Präimplantationsdiagnostik (PID). Bei dieser Methode werden im Reagenzglas erzeugte Embryonen vor ihrer Einpflanzung in den Mutterleib auf Erbkrankheiten untersucht und gegebenenfalls ausgesondert. Bis zum vorigen Sommer galt die PID in Deutschland als verboten. Diese Rechtsauffassung musste durch ein Urteil des Bundesgerichtshofs revidiert werden.

Drei Anträge liegen dem Bundestag nun vor, die bis zum Juli beraten werden sollen: Die Gruppe um Ulla Schmidt (SPD), Johannes Singhammer (CSU) und Birgitt Bender (Grüne) verlangt ein Verbot der PID. Ihr Gesetzentwurf wird derzeit von 192 Abgeordneten unterstützt.

Die Parlamentariergruppe um Peter Hintze (CDU), Carola Reimann (SPD) und Ulrike Flach (FDP) will dagegen die PID zulassen, wenn die Nachkommen „eine hohe Wahrscheinlichkeit“ für eine schwerwiegende Erbkrankheit haben oder durch eine Abweichung in den Chromosomen eine Fehl- oder Totgeburt zu erwarten ist. Diesen Antrag haben 215 Abgeordnete unterschrieben.

Eine dritte Gruppe um Rene Röspel (SPD) und Priska Hinz (Grüne) will Ausnahmen auf Fälle beschränken, bei denen Schwangerschaften in der Regel mit einer Fehl- oder Totgeburt enden oder das Kind im ersten Lebensjahr stirbt. Das unterstützen 36 Abgeordnete; 180 haben sich noch nicht festgelegt. (tms)

Nach der Logik der Präimplantationsdiagnostik wären Sie eine genetische Fehlentwicklung, die man erkennen und ausschließen könnte.

Ist das noch erträglich?

Selbstverständlich ist es in diesen Diskussionen manchmal schwer, objektiv zu urteilen. Ich kann meine Biografie nicht verleugnen. Ich bin 1943 geboren worden, also in einer Zeit, in der schon einmal ein Leben mit Behinderungen als etwas galt, das ausgemerzt gehört. Über diesen biografischen Ansatz hinaus macht es mich aber auch betroffen, dass zu wenig darüber nachgedacht wird, welche Auswirkungen ein solcher Paradigmenwechsel nach sich ziehen wird, welche gesellschaftliche Wirkung eine Zulassung der Präimplantationsdiagnostik hätte. Es geht ja nicht um mich. Es geht darum, ob wir Menschen planbar machen, ob wir sie instrumentalisieren wollen. Und mich deprimiert, wie kurzsichtig Überlegungen sind, die angestellt werden, um einer kleinen Anzahl von betroffenen Paaren zu helfen.

Unterschätzen Sie nicht die Konfliktsituation, in der sich die Paare befinden?

Nein, ich unterschätze sie nicht. Ich ignoriere sie nicht und ich halte sie keineswegs für belanglos. Das möchte ich betonen. Es ist aber ein Unterschied, ob ich mich in einer schweren Konfliktsituation für eine Abtreibung entscheide oder ob ich diese Möglichkeit von vornherein, ich würde sagen, kaltblütig ausschließe.

Viele Eltern, die sich für die PID entscheiden, haben bereits ein behindertes Kind und wünschen sich nun ein nichtbehindertes. Ist das eine Fehlerkorrektur?

Nicht selten wird das Kind als eine Art Besitztum gesehen. Es muss gesund sein und man hat den Eindruck, dass es das Selbstwertgefühl der Eltern beschädigt, wenn das nicht so ist.

Diskriminiert die PID behinderte Menschen?

Mehr noch als die behinderten Menschen diskriminiert die PID Eltern, die ein behindertes Kind haben. Sie geraten unter einen enormen gesellschaftlichen Druck. Man suggeriert ihnen, das wäre nicht nötig gewesen, und fragt sie, was mutet ihr der Gesellschaft zu? Viele Betroffene haben nicht die Kraft, sich dagegen zu behaupten.

Das würde ja voraussetzen, es gäbe ein Recht auf ein gesundes Kind.

Ich will die Situation, in der sich Eltern befinden, die sich für eine PID entscheiden, keineswegs verharmlosen. Was die grundsätzliche Frage angeht, so muss man sich als Parlamentarier bewusst sein, dass man, wie auch immer man sich entscheidet, eine gewisse Schuld auf sich nimmt, den betroffenen Paaren gegenüber oder der Gesellschaft.

Die Befürworter der PID argumentieren, sie werde streng reglementiert und nur angewendet, wenn der Embryo ohnehin keine Lebensperspektive hätte. Kann diese Eingrenzung gelingen?

Man hat mir keine Überlebenschance jenseits von drei Monaten gegeben. Die Eingrenzung ist sehr problematisch, auch die auf bestimmte Behinderungsarten. Würde beispielsweise das Downsyndrom als schwere Behinderungsart deklariert, dann frage ich mich, warum? Weil wir kognitive Fähigkeiten als so wichtig ansehen? Man muss sich bewusst sein, dass die betroffenen Menschen ihre Situation oft ganz anders einschätzen, als das jemand tut, der sie von außen betrachtet.

Interview: Katja Tichomirowa

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