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Interview mit Regisseur Riahi: Leben auf der Flucht

Mit neun Jahren flieht Arash T. Riahi aus dem Iran nach Österreich. Im FR-Interview erzählt der Regisseur über sein Leben im Untergrund und Humor als Form des Widerstands. ( Mit Trailer)

Riahi bespricht sich mit seinen Darstellern während der Dreharbeiten zu Ein Augenblick Freiheit.
Riahi bespricht sich mit seinen Darstellern während der Dreharbeiten zu "Ein Augenblick Freiheit".
Foto: Verleih

Herr Riahi, in Ihrem Film "Ein Augenblick Freiheit" erzählen Sie drei Flüchtlingsgeschichten. Als Neunjähriger sind Sie mit Ihren Eltern aus dem Iran geflohen. Woran erinnern Sie sich besonders?

Dass meine Eltern das sehr clever konstruiert haben. Das letzte halbe Jahr im Iran haben wir im Untergrund bei einer Familie gelebt, die keine Ahnung von der linksintellektuellen Gesinnung meiner Eltern hatte. Jeden Morgen habe ich so getan, als würde ich meine Schultasche packen und bin dann statt zur Schule mit meinem Vater auf den Markt oder ins Kino gegangen. Vielleicht hat da meine Liebe zum Film angefangen.

Zur Person

Arash T. Riahi, 36, wurde im Iran geboren. Als Neunjähriger flüchtete er mit seinen Eltern nach Österreich, wo der Filmemacher heute noch lebt. Sein aktueller Film "Ein Augenblick Freiheit" läuft im Moment in den deutschen Kinos. In Frankfurt am Main wird der Regisseur am Samstag, 15. August, seinen Film um 20 Uhr persönlich vorstellen, Ort: Werkstattkino "mal seh’n", Adlerflychtstrße 6.

Arash T. Riahi floh im Alter von neun Jahren aus dem Iran und lebt seitdem in Österreich.
Arash T. Riahi floh im Alter von neun Jahren aus dem Iran und lebt seitdem in Österreich.
Foto: Stefan Olah

Als Kind haben Sie monatelang dichtgehalten?

Ich wundere mich selbst, dass das funktioniert hat. Vielleicht, weil es spannend war, dem Sohn des Vermieters ein komplett anderes Leben vorzuspielen. Außerdem wusste ich von klein auf, dass man bestimmte Sachen nicht sagen darf und immer aufpassen muss. Mein Vater saß unter dem Schah fünf Jahre im Gefängnis. Als Kind findet man in bitteren Momenten seine Wege, das Ganze als Abenteuer zu sehen.

Selbst wenn der eigene Vater im Gefängnis ist?

Wir sind einmal im Monat von Isfahan nach Teheran gefahren, um ihn zu besuchen. Auch das war halb so schlimm, in den Augen eines Kindes. Denn in Teheran wohnte mein Cousin, der die allerbesten Spielsachen hatte. Der Besuch im Gefängnis hat auch bedeutet, "Tim und Struppi"-Comics lesen zu können. Zurück zu Hause habe ich im Hof meiner Großeltern Gefängnis gespielt. Da gab es einen Zaun mit Stangen. So eine Diktatur kreiert die seltsamsten Früchte.

Kuriose Momente gibt es auch in Ihrem Film. Einmal sitzen zwei Flüchtlinge im kalten, schäbigen Hotelzimmer in Ankara und kommen auf die Idee, den münzbetriebenen Heizofen statt mit Geldstücken mit Eisplättchen zu füttern, die sie aus dem zugefrorenen Fenster schnitzen. Haben Sie die Geschichten zum Teil selbst erlebt?

Manches schon. Zum Beispiel bin ich, wie der kleine Junge im Film, fast erfroren, als ich mit meinen Eltern über die Berge geflüchtet bin. Die Erwachsenen mussten Kleider verbrennen, um mich zu wärmen. Vieles haben auch meine Geschwister erlebt, die eineinhalb Jahre nach uns geflohen sind. Die Geschichte mit den Eisplättchen wurde mir bei Recherchen erzählt. In Interviews mit Flüchtlingen, Schleppern und Nichtregierungsorganisationen sind mir immer wieder humorvolle Geschichten und anekdotische Details zu dem Thema Flucht begegnet. Das habe ich versucht einzubauen.

Weil gewisse Dinge nur mit Humor zu ertragen sind?

Er ist in verzweifelten Momenten ein Überlebensmotor und macht eine Flucht sicherlich erträglicher. Auch in meiner Familie ist Ironie verbreitet und wir haben vieles wohl auch dadurch überstanden. Ich wollte ein ohnehin ernstes Thema nicht noch mehr aufblähen, sondern zeigen, dass das ganz normale Menschen sind, die in Freiheit leben wollen, lachen und weinen.

Gibt es einen spezifisch persischen Humor?

Ja, er ist Teil unserer Kultur. Vielleicht kommt er daher, dass unser Land über Jahrtausende unterdrückt worden ist. Witze über die Mullahs zu machen, ist auch eine Form des Widerstandes.

Aus dem Exil heraus haben Sie durch Ihre Filme öffentlich Kritik geübt. Waren Sie seit Ihrer Flucht noch einmal im Iran?

Nein. Ich glaube, es wäre auch nicht gesund für mich, dorthin zu gehen. Es ist schwer einzuschätzen, was passieren würde. Abgesehen davon fände ich es nicht okay, wenn ich hier politischer Flüchtling bin und dann wie ein Tourist gemütlich in den Iran reise und wieder zurückkomme. Das gäbe für den Westen ein komisches Bild ab.

Heute leben Sie in Österreich. Vermissen Sie Ihre Heimat gar nicht?

Meine Eltern und Geschwister sind hier, es ist meine zweite Heimat. Dass über 30 Prozent der Österreicher extrem rechte Parteien wählen und man weiß, dass ein großer Teil der Bevölkerung einen nicht da haben will, ist allerdings kein gutes Gefühl. Ich hoffe, dass mein Film auch dazu führt, dass die Menschen hier mehr Verständnis haben.

Haben Europäer denn ein falsches Bild von Flüchtlingsschicksalen?

Sie kommen selten wirklich mit Flüchtlingen in Kontakt, aber wenn sie jemanden kennen lernen und merken, das ist kein seltsamer Freak, öffnen sie sich. Neulich habe ich meinen Film an einer Schule vorgestellt. Danach kam ein Junge und sagte, er hätte auch die Rechten gewählt, da man so viel von ausländischen Drogendealern höre. Der Junge war der Interessierteste von allen. Erschreckend, dass ein 16-Jähriger schon so manipuliert sein kann.

Meinen Sie, die Vorstellung, die Europäer vom Iran haben, hat sich durch die Proteste verändert?

Das ist meine Hoffnung. Bisher wurde oft nicht verstanden, dass der Iran nicht einfach ein Schurkenstaat mit lauter Ahmadinedschad-Befürwortern ist. Nicht umsonst habe ich eine Sehnsucht, wieder dorthin zu gehen, meine Verwandten und die Orte meiner Kindheit zu besuchen. Meine Eltern haben mir damals vor der Flucht erzählt, wir würden eine Weltreise machen. Normalerweise wird die dort beendet, wo man aufgebrochen ist.

Interview: Johanna Schoener

Trailer zu Riahis neuem Film "Ein Augenblick Freiheit"

Datum:  14 | 8 | 2009
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