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Interview mit Sarah Kuttner: "Depression ist ein doofes Event"

10 Fragen an Sarah Kuttner: Die TV-Moderatorin spricht im FR-Interview über Ängste und ihre Rolle als Göre.

Sarah Kuttner spricht über doofe Events.
Sarah Kuttner spricht über doofe Events.
Foto: ddp

Frau Kuttner, wovor haben Sie Angst?

Vor den gängigen Sachen. Krankheit, Liebeskummer für immer, Mäuse. - Nein, vor Mäusen eigentlich nicht. Ich habe keine speziellen Phobien.

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Sarah Kuttner kam 1979 in Berlin zur Welt. Sie arbeitete als Moderatorin für Viva und MTV. Nach eigener Aussage macht sie sich im Fernsehen "gerne mal zum Idioten" und präsentiert selbstbewusst Cellulitis oder Wissenslücken. Für die ARD spürte sie in "Kuttners Kleinanzeigen" seltsamen Inseraten nach, etwa wenn ein Bordell verkauft wurde oder ein Katzenklo gegen Kaffee abzugeben war.

"Mängelexemplar", Kuttners erster Roman, ist gerade erschienen.

Die Protagonistin Ihres Buches "Mängelexemplar", Karo Hermann, leidet unter heftigen Panikattacken. Kennen Sie solche Angstzustände auch?

Karo ist eigentlich kein ängstlicher Typ, aber sie hat sich eine kleine Kopfkrankheit eingefangen. Ich kenne das aber nicht, das Buch ist nicht autobiografisch.

Karo ist eine Endzwanzigerin aus der Medienbranche, die atemlos durchs Leben hetzt. Da drängen sich Parallelen zu Ihrer Person auf. Die Süddeutsche Zeitung schrieb kürzlich: Wenn Sarah Kuttner etwas mache, gehe "es tatsächlich immer nur um die Person Sarah Kuttner".

Ich finde, das ist eine relativ harte Ansage. Ich habe halt Publikum und mache Unterhaltung. Ich bin eine Ein-Mann-Maschine, da stehe ich automatisch im Mittelpunkt. Es ist ja nicht so, dass ich mich roter-Teppich-Luder-mäßig hinstelle und rufe: Guckt alle her! - Ich mach' halt meinen Job.

Immerhin: Kritiker attestieren Ihnen Witz, Schlagfertigkeit und Charme. Macht es Sie nachdenklich, wenn Ihnen die taz gleichzeitig nachsagt, Sie interessierten sich nicht für die Leute, die Sie für Ihre Reihe über skurrile Inserate besucht haben?

Mich macht nachdenklich, dass Sie ganz am Anfang des Interviews lauter Tiefschläge landen. Ich finde das keine gute Art, ein Gespräch anzufangen. Das ist etwas, was ich nie gemacht habe. Ich interessiere mich sehr wohl für meine Gäste. Bei den Kleinanzeigen-Inserenten war ich zwei Stunden zu Hause. Sie hätten mich beim Schnitt sehen sollen, da hab ich jedes Mal rumgezetert, wenn eine Frage geschnitten wurde. Aber das ist halt Fernsehen. Es ist schade, dass man sich so rechtfertigen muss. Und dann gibt es noch einen Unterschied, wie ich in meinem Job und als private Person bin.

Natürlich. Aber ich spreche doch gerade nicht mit der Privatperson Sarah Kuttner, oder? Dann frage ich jetzt die Autorin: Wie haben Sie sich dem Thema Angst genähert?

Ich bin in meinem Umfeld auf das Thema gestoßen. Ich bekomme seit Jahren mit, dass viele Leute diese Probleme haben. Irgendwann habe ich gedacht, es ist interessant, das aufzuschreiben. Ich habe mit Betroffenen gesprochen und bin auch ein paar Mal zum Psychiater gegangen, um fachliche Dinge zu klären. Mir hat zum Beispiel eine Freundin erzählt, dass ihr Psychiater gesagt hat: "Eine Depression ist ein fucking event." Den Satz fand ich gut. Es scheint auch wahr zu sein: Depression ist ein Event - nur eben ein doofes.

Warum nehmen Angstzustände und Depressionen zu?

Ich glaube nicht, dass sie zunehmen. Ich glaube, man lässt eher zu, dass man sie hat. Depressionen sind immer noch ziemlich tabu. Das kriegt man mit, wenn man mit Ärzten spricht. Man bringt sie wohl immer noch in Verbindung mit Verrücktsein, seine eigenen Haare essen, tote Katzenbabys im Keller horten und so. Ich glaube, es ist ganz schwierig, sich zuzugestehen, dass der eigene Geist, deine Schaltzentrale, kaputt ist. Und es ist wirklich, das weiß ich inzwischen, ein ganz fürchterlicher Zustand. Aber durch die ganzen "Sex and the City"-Filme, in denen man mal so nebenbei zum Therapeuten geht, ist es auch aufgelockert worden. Vielleicht sind wir heute ein bisschen befindlicher.

Frau Kuttner, wem würden Sie eine Therapie empfehlen?

Niemandem. Das wäre doch total anmaßend.

Aber Sie sind doch gerne mal total anmaßend?

Ihr Medienleute wollt immer nur, dass ich anmaßend bin. Alle wollen immer aus mir rausprügeln, dass ich total frech und anmaßend bin. Ich möchte das aber gerne selbst entscheiden. Eine Therapie ist eine total intime Sache, und ich werde Angela Merkel oder Dieter Bohlen keine Therapie empfehlen, nur weil Sie das lustig fänden. Ich kenne die privat nicht und habe gar kein Recht dazu.

Gut. Wer sollte Ihr Buch lesen?

Niemand soll. Die Leute sind ja schon groß und können selbst entscheiden. Ich würde es quasi nur leise auf das Buchmarkt-Buffet legen. Es tut mir leid, dass ich offensichtlich viel weniger offensiv bin, als es augenscheinlich aufregend wäre. Die Fragen sind so, als hätten Sie was anderes erwartet.

Wenn Sie mich privat fragen, ich kann gut damit leben, dass Sie nicht die rotzfreche Göre geben. Als Medienfigur erlebe ich Sie aber anders.

Im Fernsehen mache ich halt Quatsch, aber privat bin ich auch mal anders. Ein Metzger nimmt ja die Schweinehälften auch nicht mit nach Hause.

(Interview: Ute Diefenbach)

Datum:  16 | 3 | 2009
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