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Interview mit Sophia Loren: "Ich habe gekämpft - und gewonnen"

Sophia Loren wird 75 Jahre alt. Im FR-Interview erinnert sich die italienische Schauspielerin an ihre ersten Probeaufnahmen: "Man sagte mir, meine Nase sei zu lang, mein Mund zu groß und mein Kinn zu klein."

Sophia Loren feiert am 20. September 2009 ihren 75. Geburtstag.
Sophia Loren feiert am 20. September 2009 ihren 75. Geburtstag.
Foto: afp

Signora Loren, wenn eine Legende wie Sie 75 wird ...

Oh, nein, nennen Sie mich nicht Legende, das ist wirklich nicht charmant. Eine Legende ist nicht real, sondern etwas, das man nicht berühren kann. Ich stehe doch mit beiden Beinen fest auf dem Boden. Ich mag beständige Dinge. Ich bin eine Bäuerin, keine Legende.

Zu Ihrem 75. Geburtstag werden Sie sich solcher Ehrentitel kaum erwehren können, ob Legende oder Sexsymbol.

Egal wie oft ich als Sex-Symbol bezeichnet werde - ich weiß es besser. Auf den Straßen von Neapel, wo ich aufwuchs, neckten sie mich mit dem Namen "Stechetto" - Besenstiel. Und wenn dir so etwas als Kind passiert, dann bleibt das in deinem Gedächtnis haften.

Die Film-Industrie hat in Ihnen offenbar etwas anderes gesehen, als Sie in den 50ern entdeckt wurden.

Ich erinnere mich an meine ersten Probeaufnahmen. Man sagte mir, meine Nase sei zu lang, mein Mund zu groß und mein Kinn zu klein. Dann habe ich gelernt, wie man sich zurechtmacht, um besser auszusehen. Heute mag ich, was ich im Spiegel sehe - aber eine konventionelle Schönheit bin ich nicht.

Anfang nächsten Jahres kehren Sie auf die Leinwand zurück, mit dem Hollywood-Musical "Nine". Sie haben lange gebraucht, um sich noch einmal für die Arbeit vor der Kamera zu entscheiden.

Es ist heutzutage schwierig, eine Geschichte zu finden, die zu meinem Alter und meinem Temperament passt. Ich mag Storys, die eine bewegende Geschichte erzählen, zeitlose Filme, die vor 30 Jahren hätten gedreht werden können - oder in 30 Jahren. Und "Nine" knüpft ja an die Geschichte an, die Marcello Mastroianni und ich in Fellinis Klassiker "8 1/2" gespielt haben: ein italienischer Regisseur und seine verwickelten Beziehungen zu den Frauen, zu einer Ehefrau, seiner Geliebten und seiner Mutter - die spiele diesmal ich. Außerdem ist es ein Musical, und das ist der Traum jeder italienischen Schauspielerin: in einem Musical in Amerika mitzuspielen. Schon als Kind habe ich Musicals geliebt. Ich habe Musik in meinen Genen: Meine Mutter war Klavierlehrerin, einer meiner Söhne ist Dirigent. Ich selbst habe in einigen Filmen gesungen. Musicals lassen dich spüren, wie lebendig du bist.

Hat Ihre Liebe zu Hollywood-Musicals Sie damals als Teenager auch angespornt, es mit der Schauspielerei zu versuchen?

Nein, es war so: Meine Mutter erzählte mir jeden Abend vor dem Zubettgehen Geschichten über die Filmstudios in Rom und die Stars, die dort spielten. Sie träumte selbst davon, eine Schauspielerin zu sein, und ohne sie wäre ich niemals ein Star geworden. Wenn sie genügend Geld hatte, nahm sie mich mit ins Kino. Manchmal kamen wir zur ersten Vorstellung am Sonntagmorgen und blieben bis zur letzten Spätvorstellung. Ich spürte dort einen Zauber, und deshalb kann ich mich an keine Zeit erinnern, in der ich nicht schauspielern wollte.

Und dann meldete Ihre Mutter Sie mit 14 Jahren bei einem örtlichen Schönheitswettbewerb an.

Den gewann ich in einem Kleid, das wir aus Großmutters Wohnzimmer-Gardinen geschneidert hatten und in Schuhen, die mit Wandfarbe angemalt waren. Mit dem Preisgeld brachte mich meine Mutter nach Rom, wo ich für eine Rolle in "Quo Vadis" vorsprechen sollte. Das wurde mein Filmdebüt. Ich war gerade 15 Jahre alt.

Sie spielten die Rolle einer Sklavin - und während der Dreharbeiten entdeckte der Produzent Carlo Ponti Sie. Er änderte Ihren Namen von Sofia Scicolone in Loren, schuf Ihr Leinwand-Image und heiratete Sie später. Ist diese Geschichte in der Presse korrekt dargestellt worden?

Nun, in manchen Geschichten, die ich über mein Leben lese, klingt es, als ob alles ganz einfach gewesen wäre - als ob ich alles wie mit dem Zauberstab gemacht hätte. Es ist wahr, dass ich im Leben mehr erreicht habe, als ich erwarten konnte. Aber es gab auch eine Reihe von Risiken und Opfern, die ich nicht gescheut habe.

Carlo Ponti war bereits verheiratet, und die katholische Kirche in Italien erkannte seine Scheidung nicht an - Sie lebten in deren Sicht also sechs Jahre lang in Sünde.

Aber ich wollte unbedingt eine Heirat. Ich wollte Mutter werden, und ich wollte auf keinen Fall ein uneheliches Kind. Ich bin grausam dafür verspottet worden, dass ich ohne Vater aufwuchs - diesen Schmerz wollte ich meinen Kindern ersparen. Als ich selbst ein Kind war, sehnte ich mich nach einem Vater, und deshalb habe ich überall Vaterfiguren gesucht - ich habe meine besten Filme mit älteren Schauspielern und Regisseuren gemacht, und ich habe einen 22 Jahre älteren Mann geheiratet.

Die Kirche drohte sogar, Sie wegen Bigamie vor Gericht zu bringen. Erst zehn Jahre später konnten Sie in Frankreich legal heiraten. Wollten Sie da nicht manchmal alles hinschmeißen?

Wenn man den Richtigen findet, muss man zu ihm stehen. Es gab Momente, in denen ich unglücklich und deprimiert war, aber so etwas geht vorbei. Was bleibt, ist die Zuneigung. Der Schlüssel in einer Beziehung ist, dass man sich die Freundschaft füreinander bewahrt, das Vertrauen und die Toleranz.

Diese Einstellung hat Sie durch schwierige Phasen gebracht?

Ich habe immer daran geglaubt, dass man seine ganze Energie geben muss, um etwas zu erreichen - dann schafft man es am Ende auch. Ich musste auf vieles warten, aber am Ende wurden meine Wünsche wahr. Ich wollte meinen Mann heiraten, und nach all den Schwierigkeiten mit dem italienischen Gesetz habe ich das getan. Ich wollte Kinder haben, und man hat mir gesagt, das sei für mich nicht möglich - aber ich habe auch das geschafft. Als ich nach zwei Fehlgeburten zum dritten Mal schwanger wurde, habe ich die gesamte Schwangerschaft im Bett verbracht. Ich habe gekämpft - und gewonnen,

Ihre beiden Söhne wuchsen in einer luxuriösen Umgebung auf - zeitweilig lebten Sie in einer 54-Zimmer-Villa. Mussten Sie hart gegensteuern, damit dabei nicht zwei völlig verzogene Kinder herauskommen?

Ich habe sie immer an ihre Wurzeln erinnert. Ich habe ihnen vom Krieg erzählt - wie ich die Nächte im Eisenbahntunnel verbrachte, umgeben von schreienden Babys, sich liebenden Paaren und Menschen, die von großen Ratten gebissen wurden - überall Krankheit, Trunkenheit, Gelächter und Tod. Ich hatte schreckliche Alpträume. Bis zum heutigen Tag habe ich Angst vor der Dunkelheit und schlafe mit einem kleinen Nachtlicht. Außerdem haben meine Söhne mein Leben auf Video gesehen - es wurde ja mit mir selbst verfilmt - und sie haben meine Biografie gelesen. Sie wissen ihr Leben zu schätzen, denke ich, und sie wissen, dass sie nichts geschenkt bekommen.

(Interview: Bruno Lester, Übersetzung: Thomas Wolff)

Datum:  19 | 9 | 2009
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