Abgesehen von den Gruppen meist amerikanischer oder japanischer Katastrophen-Touristen, die für 100 Euro einen Tag lang dieses Niemandland besichtigen dürfen.
Ja, das gibt es auch. Fakt ist aber auch, dass viele selten gewordene Tiere, Wölfe und anderes Wild, das man dort seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen hat, dorthin zurückkehren. Es gibt wilde Sumpflandschaften, die Natur überwuchert alles. Weil der Mensch dort nicht mehr eingreift, dort nicht mehr präsent ist. Man hat zahlreiche Studien über Insekten, Frösche und andere Tiere verfasst, um herauszufinden wie ihnen die Strahlung zusetzt. Und es gibt Mutationen, Fehlgeburten. Viele Tiere leben nicht lange, dennoch kehren sie in diese Gebiet zurück. Mich interessierte die Entstehung dieses bizarren Paradieses, das durch eine beispiellose Katastrophe hervorgerufen wurde.
Derzeit wird in Kalifornien über die geplante Laufzeitverlängerung für die beiden AKW gestritten. Demokraten wie Republikaner mahnen neue Sicherheitsstudien an, wollen die Verlängerung blockieren oder vertagen. Nur wenige Experten, wie Dan Hirsch von der University in Santa Cruz, fordern: abschalten, sofort! Warum ist das in den USA bisher nur eine Minderheiten-Meinung?
In den US-Medien sind die Folgen der Nuklear-Katastrophe von Fukushima zwar ein Aufreger-Thema. Aber viele Amerikaner regen sich derzeit genauso über die Eskapaden von Charlie Sheen auf, fragen sich, was er wohl mit dem Rest seines Lebens anfangen will. Was ich sagen will: Es muss sich erst zeigen, ob die gegenwärtige Atom-Aufregung zu Ergebnissen führt. Die durch Fukushima ausgelöste Debatte kam für Atomkraftgegner wie mich zu einem Zeitpunkt, da man in den USA darüber nachdachte, neue AKW zu bauen. Dieses Ziel wird man im Moment erst mal überdenken. Im Moment. Alle Ausstiegszenarien ergeben nur dann Sinn, wenn die Politik ernsthaft umweltschonende Alternativen anschiebt und prüft. Zum Beispiel den Ausbau der Solarenergie in Arizona, wo an 330 Tagen im Jahr die Sonne scheint. Es müsste ein Gesetz geben, das vorschreibt, dass alle neuen Häuser ein Solardach haben. Aber jede Regierung, die das versuchte, würde abgewählt. Solche Szenarien haben diverse Energie-Lobbygruppen immer verhindert, weil es ihnen auf die Bewahrung des Status Quo und damit der Profite ankam.
Aber warum fragt in den USA jetzt kaum jemand, ob man AKW in einem Gebiet, in dem 10 000 Erdstöße pro Jahr gemessen werden, nicht ganz abstellt?
Weil sich dann die Frage nach den Alternativen stellt. Und die liegen nicht so ohne weiteres auf der Hand. Ich glaube daher nicht, dass man diese beiden AKW abstellen wird. Das würde erst passieren, wenn sich hier eine Katastrophe ereignete.
So wie nach dem Atom-Unfall in Harrisburg 1979?
Genau, der war zwar nicht so schlimm, wie der in Tschernobyl. Aber er hat die USA so durchgeschüttelt, dass hier von dem Moment an keine neuen AKW mehr gebaut wurden. Aber die bestehenden Meiler werden sie so lange am Netz lassen, bis das nächste große Erdbeben Kalifornien trifft und uns die Dinger um die Ohren fliegen.
Auf der Website des Indian Point Kraftwerks wird in diesen Tagen ein YouTube-Film des Greenpeace-Mitbegründers Patrick Moore gezeigt, der in Zeiten wie diesen betont, wie klimafreundlich die Nukleartechnologie sei und dass sie helfe, die Umwelt zu retten.
Das stimmt ja auch – zum Teil. Er erzählt eben nur nicht die ganze Geschichte, blendet die Möglichkeiten eines Super-Gaus und auch das Atommüll-Problem völlig aus. Das ist auch für Obama keine gute Zeit, er steckt zwischen Baum und Borke fest. Er will zeigen, dass er etwas gegen den Klimawandel unternimmt und hatte deshalb den Bau neuer AKW angekündigt. Macht er jetzt wegen Fukushima einen Rückzieher und bringt neue Kohlekraftwerke an den Start, muss er sich vorwerfen lassen, die globale Erwärmung weiter voranzutreiben. Meine Hoffnung ist, dass sich Solar- und Wind-Energie mittelfristig doch noch ausbauen lassen. Es wird nur nicht ernsthaft vorangetrieben. Wenn wir keine Energie-Alternativen finden, sind wir am Arsch.
Aber es gibt doch Alternativen, wie Sie ja selbst gesagt haben.
Ja, aber sie sind noch nicht nachhaltig genug gefördert worden. Abschalten allein bringt uns ja nicht zwangsläufig weiter. Nehmen Sie Ihr deutsches Beispiel. Ihre Regierung hat kurzerhand acht Meiler erst mal vom Netz genommen.
Was in internationalen Medien teils hämisch kommentiert wurde: Da wurde die „Atom-Angst“ der Deutschen und die hyperaktive Bundesregierung belächelt.
So wie ich das verstanden habe, handelt es sich ja wohl vor allem um ein taktisches Manöver Ihrer Regierung, mit dem unmittelbar vor wichtigen Wahlen noch gepunktet werden soll. Wenn die Aufregung um Fukushima verebbt ist und die Wahlen vorüber sind, werden sie die deutschen Meiler wieder ans Netz bringen. Bis dahin werden Politiker und Betreiber weiter lügen, genauso wie bei uns. Denn die Energiekonzerne haben Milliarden von Euro in diese Dinger investiert. Sie werden sie weiter betreiben, ob Ihr das mögt oder nicht.
Damit das nicht passiert, wollen am Wochenende hundertausende in mehreren deutschen Städten gegen Atomkraft demonstrieren.
Ich wünschte es wären noch mehr – erst recht bei uns. Was mein Land betrifft, kann ich für den Moment nur sagen, dass hier zwar alle besorgt sind, aber eine Protestbewegung kann ich nicht wahrnehmen. In dem Zusammenhang fällt mir noch eine ganz andere Geschichte zu dem Atommeiler Indian Point ein. Wussten Sie, dass ich mal für Con-Ed, den Betreiber des Kraftwerks, gearbeitet habe?
Nein. Was mussten Sie machen?
In den 70ern hatte ich mit einem Freund einen Sommer-Job angenommen, den der AKW-Betreiber Con-Ed ausgeschrieben hatte. Wir sollten den Hudson River mit einem Boot auf- und abfahren und dabei Flussbarsche fangen. Wir sollten sie fangen, gewissermaßen melken, und ihre Eier in einem Kübel auffangen um sie später auszubrüten. Viele Fische wurden durch eine Wasserleitung für das Kühlsystem des AKW angesaugt und getötet. Unser Job war es, sie in Brutanstalten nachzuzüchten.
Fanden Sie diese Flussfahrten vor dem AKW nicht beunruhigend?
Nein. Was mich beunruhigte, war das Umweltgift PCB, das General Electric flussaufwärts in den Hudson kippte. Es war gefährlich, die Fische aus dem Hudson zu essen, deshalb mussten die Fischer aufgeben. Viel später bin ich noch mal zu diesem AKW zurückgekehrt, als ich für meinen Roman „World´s End“ recherchierte. Mein Freund Griff war mit dabei, ein Bursche, der zu Temperamentsausbrüchen neigte. Wir hatten einen Termin mit einer Sprecherin des AKW vereinbart. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt bereits vier Bücher geschrieben, war gerade dabei, bekannt zu werden. Dann kam diese junge PR-Frau auf uns zu. Griff ging gleich verbal auf sie los, stellte ihr bohrende Fragen über die Sicherheit. Damit hatte sie offenbar nicht gerechnet. Sie antwortete sehr schnippisch, kurz angebunden, ohne irgendetwas zu sagen.
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