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Interview mit Thomas Kretschmann: Der Himmel ist die Grenze

Vom DDR-Leistungsschwimmer zum Schauspieler: Warum Thomas Kretschmann lieber in Hollywood arbeitet.

Kann sogar um die Ecke schießen: Thomas Kretschmann als Berufskiller im Hollywood-Streifen Wanted.
Kann sogar um die Ecke schießen: Thomas Kretschmann als Berufskiller im Hollywood-Streifen "Wanted".
Foto: Verleih

Herr Kretschmann, Sie wurden in Dessau geboren, waren in der DDR Leistungsschwimmer und sind 1983 aus dem Land geflüchtet. Wie hat Sie dieser Lebensweg geprägt?

Mit zehn Jahren fing ich an, das Leben eines Schwerstarbeiters zu führen. Ich bin jeden Tag 20 Kilometer geschwommen, bis ich 18 Jahre alt war. Das hat mich tief geprägt. Ich bin Langstreckenschwimmer. Ich weiß, es gibt Fernziele, dafür muss man arbeiten. Die Kraft dafür habe ich mir antrainiert. Es gibt Nackenschläge und Erfolge. Doch ich bin in einer guten Phase - und das seit 20 Jahren.

Zur Person

Thomas Kretschmann floh mit 21 Jahren aus dem Osten nach Westberlin und lebt heute in Los Angeles. Für seine Rolle in "Der Mitwisser" erhielt er 1991 den Max-Ophüls-Preis. Es folgte eine Hauptrolle in Joseph Vilsmaiers "Stalingrad".

Häufig wird der blonde, blauäugige Akteur als Nazi besetzt, zuletzt als Organisator des Holocaust, Adolf Eichmann.

Sein aktueller Action-Thriller "Wanted" läuft ab 4. September in den Kinos.

Als Papst, Kanibale oder Nazi waren Sie im Kino bereits zu sehen. In Ihrem aktuellen Film "Wanted" spielen Sie einen Auftragskiller.

Ich habe mich gewundert, dass mir die Rolle angeboten wurde. Sonst kriegen sowas immer die anderen. Ich war begeistert und fühlte mich, als wäre ich auf eine Party eingeladen. Ich habe ein Waffentraining mit demselben Team absolviert, das Angelina und Brad Pitt für ihren Film "Mr. und Mrs. Smith" betreute. Ich weiß jetzt, wie man eine Waffe auseinander nimmt, zusammensetzt und vor allem, wie man sie richtig trägt.

Waffen kommen reichlich zum Einsatz. Wie viele Leute meucheln Sie im Film?

Solche Fragen werden mir nur hier in Deutschland gestellt. Natürlich ist der Film brutal. Aber haben Sie mal Hamlet gelesen? Oder die Gebrüder Grimm? Wir reden hier von purem Action-Kino. Der Film ist keine Anleitung zum Erwachsenwerden. Er will auch nicht besonders tiefsinnig sein, er ist einfach einer der besten Action-Filme, den ich je gesehen habe. Für mich ist es kein Selbstfindungsprozess, eine Rolle zu spielen. Ich spiele sie und gehe nach Hause.

Immerhin spielen Sie mit Angelina Jolie und Morgan Freeman.

Morgan Freeman ist wirklich grandios. Ich kannte alle seine Filme. Auf einmal war ich am gleichen Set - und zwar nicht als Tourist, sondern als Kollege. Freemann kann Reden schwingen wie kaum ein anderer, höchstens vielleicht noch Samuel Jackson.

Angelina Jolie spricht im Film etwa zwei Sätze. Zu Angelina Jolie kann ich bloß sagen: Sehr lustig. Sehr sexy. Sehr professionell.

Sie leben seit gut zehn Jahren in Hollywood: Werden Sie noch als Deutscher wahrgenommen?

Dass ich aus Deutschland stamme, interessiert dort keinen. Ich war schüchtern, als ich damals ankam. Ich bewegte mich unter lauter Leuten, die ich nur aus dem Kino kannte: In meinem ersten Film stand ich plötzlich mit Harvey Keitel vor der Kamera. Aber in Hollywood wird einem Respekt entgegengebracht, auch von großen Stars.

In Deutschland etwa nicht?

Es wird einem weniger zugetraut - und gegönnt. Dass Til Schweiger oder Franka Potente aus Hollywood zurückkehrten, wird ihnen in Deutschland als Scheitern ausgelegt. Das ist eine ziemliche Frechheit. Tils letzter Film war ein Riesenerfolg. Nur, weil er bevorzugt, in Deutschland seine eigenen Sachen zu machen, heißt das noch lange nicht, dass er in Hollywood nicht hätte Fuß fassen können.

Ihre Kinder wachsen mit amerikanischer Kultur auf. Was wird ihnen in der Schule vermittelt: Yes, you can? Mir gefällt an Amerika diese Einstellung: Der Himmel ist die Grenze. Dort ist es völlig uninteressant, wo du herkommst, wie viel Geld du in der Tasche hast. Wenn du der Beste für einen Job bist, kriegst du ihn. In Europa hängt der berufliche Aufstieg viel stärker davon ab, aus welcher sozialen Schicht jemand kommt. In den USA zählen dagegen Erfindungsreichtum und Talent. Natürlich nerven mich manchmal dieser ständige Optimismus und diese Blauäugigkeit.

Was meinen Sie damit?

Ich erlebe das oft: Jeder sagt jedem, wie großartig er ist. Ich stehe daneben und wundere mich. Denn dem Realisten fällt sofort auf, dass nur einer von hundert das Potenzial für eine Karriere hat. Da fehlt es an Ehrlichkeit. Andererseits schöpft Amerika daraus, dass Millionen von Blauäugigen etwas versuchen- auch wenn sich letztlich nur zwei von ihnen durchsetzen. Ich finde, ein gesunder Realismus ist entscheidend, und das vermittle ich auch meinen Kindern.

Haben Sie bei denen schon künstlerisches Talent entdeckt? Meine Tochter ist acht Jahre und malt wunderschöne Bilder. Sie schreibt auch Gedichte, ohne dass jemand sie dazu gedrängt hat. Ich versuche ihr beizubringen, dass der beste Job der Welt der ist, der sich wie ein Hobby anfühlt. Aber ich sage ihr auch, dass man Kompromisse eingehen muss.

Interview: Maxi Leinkauf

Datum:  2 | 9 | 2008
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