Sie glauben nicht, dass die Vertrauensfrage seinen unaufhaltsamen Höhenflug beenden könnte?
Darum geht es nicht. Berlusconi könnte morgen sterben. Aber das System Berlusconi hat eine Strahlkraft über die Grenzen Italiens hinaus. Der nächste Berlusconi könnte Murdoch oder sonst wie heißen. Aber ich bin kein Prophet, daher beschäftige ich mich im Moment vor allem mit dem realen Berlusconi.
Aber trotz historischer Parallelen ist das System Berlusconi doch vor allem durch eine Art Paradigmenwechsel in der politischen Kommunikation zu erklären, oder?
Ja, der Prozess der Kommunikation politischer Inhalte und damit auch bestimmter Werte hat sich verändert. Das begann mit der Wahl-Kampagne Kennedy gegen Nixon in den 60ern. Kennedy hat gewonnen, weil er besser aussah, während Nixon während der TV-Duells schlecht wegkam, weil er unrasiert war. Bis zu dem Zeitpunkt waren Staatschefs eher abstrakte Figuren, die man bestenfalls von Fotos kannte. Später wurde Nixon Präsident, aber dann gefeuert, weil er gelogen hatte. Clinton hatte oralen Sex mit einer Praktikantin, log darüber, blieb aber an der Macht. Zwischen Nixon und Clinton lag weniger als eine Generation. 50 Jahre zuvor war eine Lüge im politischen Betrieb ein nicht zu tolerierender Skandal. Sex mit einer Praktikantin wäre zu Nixons Zeiten einfach inakzeptabel gewesen, die Medien-Berichte hätten ihn schwer geschädigt. Heute ist genau das Gegenteil der Fall: All diese Mädchen, die deshalb berühmt wurden, weil sie mit Berlusconi im Bett waren, geben ständig Interviews oder werden fotografiert, wie sie in die Disco gehen. Diese Art von Publicity ist heute ein Wert an sich geworden. Ein Auftritt in der Öffentlichkeit als solcher gilt als erstrebenswert. Der nächste Berlusconi könnte es also noch schlimmer treiben – und die Menschen würden ihn trotzdem akzeptieren. Da hat sich in unserer Gesellschaft etwas grundlegend verändert. Das zeigt sich auch in Bereichen außerhalb des politischen Betriebs.
Können Sie das konkretisieren?
Kürzlich wurde in Italien einer der großen Bosse der Camorra festgenommen. Auf den Fotos und TV-Bildern zeigt er sich lachend. Er war offenbar happy, weil er im Fernsehen war. Dabei erwartet ihn eine lebenslange Haftstrafe.
Jetzt klingen Sie wie ein Moralist. Braucht die Gesellschaft eine moralische Erneuerung?
Ja. Unser Wertesystem hat sich radikal verändert. Wir brauchen einen Schock. Etwas, das uns zwingt, zu sagen: Sind wir denn verrückt?!
Und jetzt argumentieren Sie wie die Kirche, die mit Tod und Teufel droht, um die Menschen zu bewegen, ihr Leben zu verändern.
Ich habe nicht vom Teufel gesprochen. Sondern von einem Schock. Das ist ein Unterschied. Phänomene wie ein Tsunami oder Überschwemmungen haben einen meist nur vorübergehenden Effekt, dass manche mehr über Ökologie nachdenken. Dass sie sagen: Wir wären verrückt, wenn wir so weitermachten wie bisher.
Die Finanzkrise war auch ein Schock, der allerdings nicht lange andauerte. Inzwischen herrscht an der Wall Street und anderen Börsen wieder das Prinzip „business as usual“ – weiter wie gehabt.
Es gibt, zugegeben, auch Schocks, die Ressentiments auslösen, wie der Krieg gegen den Terror nach dem 11. September 2001. Ich sage auch nicht, dass jeder Schock gut ist. Verlangen Sie bitte nicht von mir, die Welt neu zu ordnen. Sie haben mich immer wieder gefragt, wie das in Italien passieren konnte. Es gibt Tendenzen in einer Massenmedien-Gesellschaft, in der wir alle leben, die jemanden wie Berlusconi hervorbringen können. Wenn ich wüsste, wie man das verhindern kann, würde ich versuchen, Präsident der USA zu werden.
Sie haben vor Jahren mal damit kokettiert, dass Sie Italien verlassen würden, wenn Berlusconi weiterhin an der Macht bliebe. Haben Sie das je ernsthaft überlegt?
Ich könnte ohne weiteres auswandern, ich habe ein Appartement in Paris. Aber das wäre zu einfach. Ich möchte hier bleiben, mitbekommen, was passiert.
Sie haben Berlusconi unermüdlich kritisiert, in Essays und Pamphleten. Sind Sie frustriert darüber, dass Ihr Land gespalten ist?
Das bin ich sicher. Ich bin nicht glücklich über die Lage in Italien, wobei es mir nicht mehr so sehr um mich geht, dafür bin ich zu alt. Aber für meine Kinder und Enkel würde ich mir etwas anderes wünschen. Sehen Sie, ich wurde unter dem Faschismus geboren. Ich würde mir doch sehr wünschen, dass ich nicht unter Berlusconi sterben müsste.
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