Herr Bloch, ein bis dahin anscheinend friedlicher Husky-Schäferhund-Mischling fällt am vergangenen Wochenende in einer Familie in Cottbus angeblich aus heiterem Himmel ein Baby an und tötet es. Haben Sie eine Erklärung dafür?
Ohne den Fall zu kennen, ist die logische Erklärung, dass das Baby durch sein Schreien bei dem Hund ein Beute-Fang-Verhalten ausgelöst hat: Der Hund springt hoch, der Wagen fällt um, das Baby schreit noch mehr, dann kommen noch hektische Bewegungen dazu − und schon ist es passiert.
Zur Person Günther Bloch (57) ist Wolfsforscher, Hundeexperte und Gründer der Hundefarm "Eifel", wo er seit 30 Jahren Haushunde in Gruppen hält, um ihr Verhalten systematisch zu beobachten. Er ist Autor einer Reihe von Büchern über Hundeverhalten. Zuletzt erschien "Wölfisch für Hundehalter" (zusammen mit Elli H. Radinger) im Kosmos Verlag.
Viele Hundehalter sagen jetzt: Mein Hund würde so was nie tun.
Ja, ja: "Ich halte die Hand für meinen Hund ins Feuer." Das ist ein ganz dämlicher Spruch: Wie man sieht, kann man sich die Hand sehr leicht verbrennen.
Aber ein Hund, der seit Jahren friedlich und lieb in der Familie lebt?
Stammt immer noch vom Wolf ab. Ich sags zum Mitschreiben: Einen Hund lässt man nicht mit kleinen Kindern allein. Absolut nicht. Niemals. Weil die nun mal schreien und strampeln und damit das sogenannte Beute-Fang-Verhalten auslösen. Und das hat ja nichts mit Aggression zu tun, es dient der Nahrungsaufnahme. Ein Hund, der einem Hasen hinterher rennt, ist nicht aggressiv. Das sieht man auch an seiner Körpersprache: Da ist kein Haar aufgestellt und keine Rute. Aber das Beute-Fang-Verhalten ist viel gefährlicher als Aggression.
Huskys gelten ja als freundliche Hunde: Sonst hört man vor allem im Zusammenhang mit Kampfhunden von Attacken auf Menschen ...
Es hat nichts mit Rassen zu tun, ob so etwas passiert. Es gibt Hundetypen, die ein ausgeprägteres Beute-Fang-Verhalten haben als etwa ein Mops. Windhunde zum Beispiel und Bordercollies − und die würde man ja nicht gerade als Kampfhunde bezeichnen. Die meisten "Kampfhunde" sind kleine, nicht besonders beeindruckende Terrier, eben weil sie ein ausgeprägtes Beute-Fang-Verhalten haben, und das kann sehr gefährlich sein. Anders als die massiven, bedrohlich wirkenden Bull Mastiffs, die das kaum zeigen.
Worauf muss der Mensch als Hundehalter in diesem Zusammenhang achten?
Es gilt, schon beim jungen Hund das Beute-Fang-Verhalten unter Kontrolle zu bringen. Doch im Alltag ist das Gegenteil der Fall: Mit dem dauernden Ball- und Frisbeewerfen heutzutage wird dieses Verhalten ständig gefördert, der Hund geradezu süchtig danach gemacht − so erzeugt man einen Hetzjunkie.
Also künftig keinen Hölzchenwurf mehr?
Es ist nichts dagegen zu sagen, ab und zu mal was zu werfen. Aber nur, wenn man in der Lage ist, den Hund jederzeit zu stoppen und zurückzupfeifen.
Was tut ein Hundehalter sinnvollerweise, wenn er nun keine Bälle mehr werfen soll?
Statt des Beschäftigungswahns zweimal am Tag eineinhalb Stunden einfach Spazieren gehen, am besten noch mit weiteren Hunden. Dann ist der Hund müde und zufrieden und schläft. Das tut er nämlich zwei Drittel seiner Lebenszeit: schlafen.
Welches Verhalten meines Hundes sollte mich in Alarmbereitschaft versetzen?
Wenn der Hund Besitzansprüche auf Gegenstände stellt, und wenn er den Freiraum des Menschen eingrenzt und der Mensch es in beiden Fällen nicht schafft, das zu kontrollieren oder zu stoppen. Was außerdem oft falsch läuft, ist, dass der immer konfliktscheuere Mensch seinen Pflichten als Leittier nicht nachkommt. Er muss eigentlich sagen, wo es lang geht. Regellosigkeit bedeutet für einen Hund vor allem Unklarheit − was dazu führt, dass er nach eigenen Regeln lebt. Und die erleben wir dann meist als offensive Aggressivität. Schuld daran ist der Mensch.
Interview: Frauke Haß
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