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07. Oktober 2012

Interview Oliver Stone: „Ich habe im Krieg getötet“

Oliver Stone bei der Vorschau von "Savages" in Rom. Foto: AFP

Der dreifache Oscar-Preisträger Oliver Stone spricht im Interview über seine Zeit als Soldat in Vietnam, die heilende Kraft von Marihuana und seine Enttäuschung über den ersten schwarzen Präsidenten der USA.

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Er gehört zu jenen Regisseuren, die eigentlich lieber über Politik reden als über ihren neuen Film. Wobei sich im Fall von Oliver Stone das eine meist mühelos mit dem anderen verbinden lässt. Sein neuestes Werk, die Verfilmung des Romans „Savages“ von Don Winslow, handelt von einem Krieg zwischen Marihuana-Anbauern in Kalifornien und einem mexikanischen Drogenkartell. Stone sitzt an einem Tisch im Berliner Adlon-Hotel, das Jackett hat er über den Stuhl gehängt. Er erzählt von seinen Recherchen zu dem Film und ist ganz schnell dabei, die US-Drogenpolitik zu kommentieren, also auch Obama. Stone hat oft gesagt, dass Amerika seine Seele verloren habe – in Vietnam, während des Watergate-Skandals, an der Wall Street oder in den Trümmern des World Trade Centers. Und wann immer er in seinen Filmen den Blick auf die Schattenseiten der Supermacht richtete, hat er polarisiert, mal die Konservativen, mal die Linken gegen sich aufgebracht. Ein Unberechenbarer.

Mr. Stone, Marihuana ist in den USA immer noch illegal. In Kalifornien dagegen gibt es Apotheken, in denen man sich „Gras“ auf Rezept abholen kann. Wie passt das zusammen?

Das ist eine völlig verzwickte, schwammige Situation. Denn es gibt eben auch Staatsgesetze, die Marihuana verbieten. Daran hat sich auch unter Obama nichts geändert, der eine Liberalisierung der Drogenpolitik versprochen hatte. Also gibt es einen juristischen Konflikt zwischen dem kalifornischen Recht und dem Bundesrecht.

Wie wird das im Alltag gelöst – etwa so wie Sie das in Ihrem neuen Film „Savages“ andeuten, wenn der von John Travolta gespielte Drogenbekämpfer sich von den Marihuana-Produzenten dafür bezahlen lässt, dass er ein Auge zudrückt?

Zur Person

Oliver Stone, am 15. September 1946 in New York geboren, zählt zu den einflussreichsten Filmemachern der USA. Er wurde drei Mal mit dem Oscar ausgezeichnet: 1978 für sein Drehbuch zu „12 Uhr nachts – Midnight Express“, 1986 für „Platoon“ und 1989 für „Geboren am 4. Juli“, die sich beide mit dem Vietnam-Krieg beschäftigen.

Der Regisseur und Drehbuchautor hat sich immer wieder kritisch mit der US-Politik auseinandergesetzt und allein drei US-Präsidenten – Kennedy, Nixon und George W. Bush – zum Thema seiner Filme gemacht.

In „Savages“ (ab 11.10. im Kino), schildert er die Konfrontation zwischen mexikanischen und kalifornischen Drogen-Produzenten. In der Adaption des gleichnamigen Romans von Don Winslow sind unter anderem John Travolta und Salma Hayek zu sehen.

Weil dieser Konflikt nie gültig entschieden worden ist, hängt es immer vom Ort, von der Zeit, dem County und dem zuständigen Sheriff ab, wie ein Marihuana-Fall be- und verhandelt wird.

In Ihrem Film zeigen Sie zwei kalifornische Marihuana-Produzenten, die mit einem mexikanischen Drogen-Kartell in Konflikt geraten. Sie zeigen diese kalifornische Marihuana-Szene als Ansammlung von kreativen, ökologisch bewussten und vor allem sehr geschäftstüchtigen Freaks. Wie nah ist Ihre Dichtung an der Wahrheit?

Ich hab ein paar von diesen Gras-Unternehmern getroffen. Sie erinnerten mich sehr stark an all die Computer-Freaks im Silicon Valley, weil sie genauso individuell sind, vor allem aber sind sie sehr konkurrenzbewusst. Sie züchten das Gras auf Feldern, im Wasser, in Lagerhallen, Kellern und Wohnzimmern. Jeder dieser Typen hat seine eigene Anbau-Methode. In Magazinen wie High Times werden diese Geschichten und Anbaumethoden erläutert und diskutiert – das sind inzwischen schon fast Hightech-Magazine! Das ist nun sehr amerikanisch. Und die kalifornische Marihuana-Industrie ist sehr effizient; sie produziert über hundert verschiedene Sorten. Die medizinische Wirkung von Marihuana ist ja erweisen, es hilft bei Schmerzen, gegen Schlaflosigkeit.

Sie haben nie verheimlicht, dass Sie seit den 60ern gekifft und auch andere Drogen genommen haben, bis Sie vor zwei Jahren verkündeten, Sie hätten aufgehört Gras zu rauchen.

So ist es auch nicht. Mal mache ich es, mal nicht. Ich hole mir mein Gras heute aus der Apotheke, ich habe ein Rezept dafür; es wird mir ärztlicherseits verschrieben. Ich bin Patient in einem Therapieprogramm. Marihuana ist etwas Positives. Es hat beispielsweise vielen Soldaten geholfen, menschlich zu bleiben in Situationen, in denen man seine Menschlichkeit verliert.

Sie haben vorhin Obama erwähnt. Vor vier Jahren hatten Sie ihn noch unterstützt, inzwischen sparen auch Sie nicht mit Kritik an ihm.

Er hatte versprochen, bei der Legalisierung von Marihuana weiterzugehen. Das hat er nicht gemacht. Am meisten hat mich aber an ihm enttäuscht, dass er George W. Bushs Krieg gegen den Terror weitergeführt und verstärkt hat. Jetzt bekommt er dafür die Rechnung: Der Rest der Welt ist ungeheuer wütend auf die USA.

Sie haben den Krieg der USA gegen die Drogen mal mit dem Krieg gegen den Terror verglichen, beides seien Kreuzzüge. Wohin haben diese Kreuzzüge Ihr Land geführt?

Die USA haben in der Tat schon einige Kreuzzüge geführt – ohne, dass sich dadurch irgendetwas verbessert hätte. Wer weiß, was wird, wenn Obama noch mal gewinnt. Es ist für einen Politiker heute nahezu unmöglich, aus einem Krieg wieder herauszukommen. Man kann auch den Krieg gegen den Terror nicht beenden: Man kann nicht einfach den Etat dafür kürzen.

Warum nicht?

Wenn es dann wieder irgendwo einen Anschlag gibt, spielen alle verrückt. Man kann auch den Drogenkrieg nicht einfach beenden. Plötzlich stirbt wieder jemand an einer Überdosis, und schon wird nach drastischeren Maßnahmen geschrien. Die USA haben lange Kriege geführt, in Afghanistan, im Irak. Wenn man erst mal Geld in einen dieser Kriege investiert, kommen sofort all die Blutsauger an, um möglichst lange davon zu profitieren. Sie haben ein Eigeninteresse daran, dass die Kriege möglichst lange dauern. Zurzeit reden alle von der Finanzkrise. Wissen Sie, was in den USA boomt? Das Gefängnissystem! Mit Gefängnissen, staatlichen wie privat geführten, lässt sich viel Geld verdienen.

Wo wir gerade über Geld reden: Ihr Vater war Broker. Er wollte, dass sie ihm nacheifern. Haben Sie mal darüber nachgedacht, wo Sie jetzt stünden, wenn Sie ihm gefolgt wären?

Ich wäre vermutlich ein Hedgefonds-Manager und sehr reich. Es ist eine komplexe Angelegenheit, mit Geld noch mehr Geld zu verdienen. Mein Vater konnte das gut; dafür respektiere ich ihn sehr. Ich war zwar gut in der Schule, allerdings nicht in Mathe. Ich war nicht klug, nicht scharfsinnig genug, um Banker zu werden.

Mit der Finanzwelt haben Sie sich in Ihren „Wall Street“-Filmen befasst. Der von Michael Douglas gespielte Börsenhai im ersten Teil aus dem Jahr 1987 lebte und handelte nach dem Credo „Gier ist gut“. Seitdem gab es viele Sonntagsreden, die einen grundlegenden Wertewandel einfordern. Hat sich was geändert?

Es gab zuletzt schon einige Versuche, die Finanzbranche zu regulieren. Obwohl dieses Business immer auch einen Weg findet, Regulierungen zu umgehen und noch ein paar Dollars zu verdienen, haben die Hedge-Fonders doch ein paar Schläge einstecken müssen.

Die Occupy-Bewegung kam erst nach Erscheinen von „Wall Street 2“ auf und ist inzwischen schon wieder im Schwinden begriffen. War diese Protestbewegung zu naiv?

Occupy war ein nobler Versuch, Aufmerksamkeit auf Prozesse im Finanzmarkt zu lenken, die das Leben von uns allen beeinflussen, von denen die meisten Leute aber ausgeschlossen sind. Wir haben in den USA nur noch Arme, ein paar sehr Reiche und ein bisschen Mittelklasse. Dass sich die Finanzindustrie mal derart destruktiv auf die Ökonomie auswirken könnte, hätte ich mir damals, als mein Vater wollte, dass ich Broker werde, nicht vorstellen können. Ich ging zu der Zeit auf die Yale Universität, und war in einer Klasse mit George W. Bush – und noch mit ein paar anderen von denen, die mal die großen Moneymaker werden sollten. Das waren alles enorm kluge, sehr konkurrenzorientierte Jungs. Aber solche Leute sind eben nicht gut für das soziale Gefüge, das eine Gesellschaft zusammenhält.

Mitte der 60er flohen Sie aus der Universität Yale nach Vietnam, arbeiteten dort zunächst als Englisch-Lehrer. Was trieb Sie an, Ihr privilegiertes Umfeld in den USA aufzugeben?

Ich war damals neunzehn. Vietnam war für mich eine Möglichkeit, den USA und der Enge in Yale zu entkommen und etwas über die reale, echte Welt zu erfahren. Ich bin da allein hin habe 16- und 17-jährigen Vietnamesen und Chinesen Englisch bei gebracht. Ich habe dabei selbst viel gelernt.

Worüber?

Über eine ganz andere Art zu leben. Saigon war eine andere Welt als New Haven und New York City.

Sie gingen danach kurz an die Uni zurück, waren dann aber von April 1967 bis November 1968 wieder in Vietnam – diesmal als Soldat an der Front. Was hat Sie da geritten?

Darüber habe ich ein Buch geschrieben, „A Child’s Night Dream“, das dreißig Jahre später veröffentlicht wurde. Es erzählt von einem jungen, frustrierten Menschen, der glaubt, es gibt keinen Platz für ihn in der Welt. Ich dachte nach meinem ersten Vietnamaufenthalt, ich versuche nach Yale zurückzugehen, aber das war nichts. Und so entschied ich, zurück nach Vietnam zu gehen. Ich wollte diesen Krieg ganz und gar mitbekommen – auf dem niedrigsten Level. Das niedrigste Level ist die Infanterie. Politisch war ich damals nicht links; ich war republikanisch erzogen worden. Ich dachte, wir bekämpfen den Kommunismus. Das dachte ich damals wirklich. Diese 15 Monate in Vietnam haben mich viel darüber gelehrt, was Krieg wirklich bedeutet.

Haben Sie in Vietnam getötet?

Ich habe getötet, ja. Aber selbst nach diesen extremen Erfahrungen habe ich mich nicht über Nacht in einen anderen Menschen verwandelt. Das dauert noch ein paar Jahre. Jetzt arbeite ich an einer zehnstündigen Dokumentation mit dem Titel „The Untold History of the U.S.“. Das Projekt umfasst den Zeitraum vom Zweiten Weltkrieg bis heute. Darin geht es um all das, was ich nicht in der Schule gelernt habe. Amerikanische Geschichte ist heute mythisch verklärt. Sie erfahren in Deutschland wahrscheinlich mehr Wahrheiten über die USA als wir Amerikaner.

Sie glauben, wir sind kritischer?

Ich kenne Ihre deutschen Bücher nicht. Aber die deutschen Studenten, mit denen ich sprach, wussten mehr über die USA als Amerikaner.

Sie wurden im Vietnamkrieg hochdekoriert für Ihre Tapferkeit, mit dem Purple Heart und dem Bronze Star. Was bedeuten Ihnen diese militärischen Auszeichnungen heute?

Oh, lassen Sie uns nicht die ganze Zeit über Kriege reden.

Sie waren immerhin in einem und wissen, wovon Sie sprechen.

Da haben Sie nun auch wieder recht. Von den neokonservativen Großpolitikern, die uns in den Krieg nach Afghanistan oder in den Irak schickten, George W. Bush oder Dick Cheney, war keiner je in einem Krieg gewesen. In Amerika nennen wir sie „chicken hawks“, Hühner-Habichte. Das Kuriose ist, dass Politiker, die im Krieg waren, wie etwa George McGovern, der 1972 Präsidentschaftskandidat der Demokraten war, als Schwächlinge gescholten wurden. Gut, George Bush senior war im Krieg. Dazu fällt mir nur ein: Gerade er hätte es besser wissen müssen.

Haben Sie Ihre Kriegsauszeichnungen aufgehoben?

Ja. Ich bin nicht der Typ, der so etwas wegwirft. Ich finde, sie sehen schön aus. Ich kann sie ab und zu all jenen Nörglern zeigen, die bezweifeln, dass ich meinem Land gedient habe.

Das Gespräch führten Anke Westphal und Martin Scholz.

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