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14. Januar 2015

Interview Sterbehilfe: „Sterben ist ein Milliardengeschäft“

 Von 
Die meisten Deutschen wollen zu Hause sterben, den wenigsten gelingt es.  Foto: epd

Die Sterbehilfe-Debatte hat eine alte Frage neu aufgeworfen: Wie wollen wir aus dem Leben scheiden? Der Soziologe Klaus Feldmann über unseren schwierigen Umgang mit dem Tod und die letzten Wünsche der Deutschen.

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Herr Feldmann, ist der Tod tatsächlich ein Tabuthema in Deutschland?
Nein, im Allgemeinen nicht. Noch nie wurde so viel und vielfältig über Sterben und Tod in einer Kultur gesprochen und gezeigt wie in unserer modernen Gesellschaft. Auf der anderen Seite finden Verdrängungsprozesse natürlich statt, aber eher individuell.

Der Einzelne will also von seiner Vergänglichkeit nichts wissen?
Genau. Das ist eine universale Grundlage des Menschen. Dieser gewissermaßen natürliche Verdrängungsprozess wird gesellschaftlich geformt. Studien zeigen, dass unser Unterbewusstsein Unbewusstes mit Abwehr reagiert, wenn wir an die eigene Sterblichkeit erinnert werden.

Fällt es den Menschen deshalb so schwer, über das Sterben zu sprechen?
Ja, Menschen vermeiden im Alltag häufig Gespräche über das Thema, weil sie negative Reaktionen fürchten. Aber das bedeutet nicht, dass sie sich nicht trotzdem damit beschäftigen. Die Verdrängung funktioniert ja nur teilweise. Und es gibt auch Menschen, die sich in einer intensiven Weise mit dem Thema beschäftigen, die andere zurückschrecken lässt. Die deutsche Gesellschaft ist unwahrscheinlich heterogen geworden, das vergessen wir oft.

Gibt es in einer so heterogenen Gesellschaft eine gemeingültige Definition von „tot“?
Die deutsche Gesellschaft ist überdurchschnittlich gebildet und überdurchschnittlich säkularisiert. Von daher wird die formalrechtlich und medizinisch vermittelte Hirntod-Konzeption sehr stark gesellschaftlich anerkannt, auch wenn im Einzelfall Menschen das ganz anders bewerten. Der Körper wird immer mehr als Instrument gesehen, über den das Ich funktioniert.

Der körperliche Verfall wird also weniger dramatisch bewertet als der des Bewusstseins?
Ich unterscheide das physische, das psychische und das soziale Sterben. Das soziale Sterben hat viel mit Verlust von Anerkennung und gesellschaftlicher Teilhabe zu tun und wird ebenfalls recht negativ gesehen. Von der überwiegenden Mehrheit der Menschen in Deutschland wird aber vor allem das psychische Sterben, wie etwa bei Demenzkranken, wo das Bewusstsein nur noch in Bruchstücken vorhanden ist, als höchst unerwünscht und negativ bewertet. Daraus ergibt sich das gesellschaftliche Problem, wie mit diesen Erkrankungen umgegangen werden soll.

Klaus Feldmann war bis 2004 Professor an der Universität Hannover und wirkt derzeit bei Forschungsprojekten an der Abteilung für Bildungswissenschaft der Wirtschaftsuniversität in Wien mit. Seine Schwerpunkte sind Thanatosoziologie und Bildungsforschung.  Foto: Privat

Erschwert unsere immer individualistischer geprägte Gesellschaft einen entkrampfteren Umgang mit dem Tod?
Das weiß ich nicht. Aber die ökonomischen Faktoren spielen sicher eine Rolle. In einer reichen Gesellschaft lebt man nicht nur länger, man stirbt auch länger, weil es mehr Möglichkeiten gibt, auch auf Massenbasis, medizinisch einzugreifen.

Die meisten Menschen wünschen sich einen Tod im Privaten, im eigenen Heim, tatsächlich stirbt der überwiegende Teil in Krankenhäusern oder Heimen, also öffentlich. Wie wirkt sich das aus?
Es ist wünschenswert, dass mehr auf die Wünsche der Menschen eingehen eingegangen wird und die Bedingungen dafür geschaffen werden, dass mehr Menschen zu Hause sterben können. Allerdings muss man sagen, dass im Notfall die Betroffenen oft diesem Wunsch widersprechen, weil sie etwa bei einer Erkrankung doch ins Krankenhaus wollen, um ihr Leben zu verlängern. Hinter dem Wunsch nach einem Tod im eigenen Bett steht aber noch etwas anderes, nämlich der Wunsch nach einem Sterben in privater, persönlicher Atmosphäre. Das soziale Klima ist wichtiger als der tatsächliche Ort. In Hospizen wird darauf Rücksicht genommen, aber in Krankenhäusern hat man andere Prioritäten. Das ist ein Problem, für das noch niemand gute Lösungen hat. Trotzdem ist es wichtig, dass es erkannt und daran gearbeitet wird.

Zeigt sich hier, dass die Sterbenden keine Lobby haben?

Völlig richtig. Außerdem herrscht eine soziale Ungleichheit. Das heißt, je ärmer die Menschen sind, desto früher sterben sie. Und desto schlechter werden sie während des Sterbeprozesses professionell betreut. Allerdings wissen wir über die genauen Auswirkungen dieser Ungleichheit noch zu wenig, weil es insgesamt kaum gute Studien über das Sterben in Deutschland gibt. Wir brauchen dringend mehr Daten, denn erst dann können wir sagen, wo es Missstände gibt und wo eingegriffen werden muss. Bis jetzt ist das eher von ökonomischen Interessen als von Fakten geleitet.

Trotz mangelnder Daten werden Sie sicher eine Vermutung haben, wo sich etwas ändern muss?
Die katastrophalen Zustände in manchen Pflegeheimen und Krankenhäusern, zum Beispiel. Die dürfen wir nicht einfach hinnehmen. Um dort eine bessere Atmosphäre zum Leben und zum Sterben zu erreichen, braucht man meist mehr und qualifiziertes Personal. Denn Überlastung heißt auch, dass die Wünsche von Sterbenden weniger berücksichtigt werden.

Wieso das?
Bei vielen Sterbenden ist das Bewusstsein eingeschränkt und damit oft die Fähigkeit zur Kommunikation. Es ist also ohnehin schwer, die Wünsche dieser Menschen wahrzunehmen. Mit überlasteten und schlecht ausgebildeten Pflegern wird es noch unwahrscheinlicher.

Bei der Verarbeitung des Todes spielen Rituale eine große Rolle. Wie wirkt es sich aus, dass in einer zunehmend säkularen Gesellschaft die Bedeutung der kirchlichen Rituale zurückgeht?
Im Sterbeprozess ist die Kirche inzwischen nur noch für eine Minderheit wirklich relevant. Dennoch spielen Rituale – übrigens im ganzen Leben – weiter eine wichtige Rolle. Zwar ist ein Verlust traditioneller Rituale eingetreten, man kann sich aber die Frage stellen, ob nicht neue Rituale an die Stelle getreten sind, die gar nicht als solche bezeichnet werden. Zum Beispiel die Gesundheitsvorsorge, die die Menschen betreiben. Oder die Abläufe in Heimen. Man sollte allerdings nicht meinen, dass Rituale im Umgang mit dem Tod automatisch helfen.

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Weil sie den individuellen Wünschen zuwiderlaufen?
Richtig. Rituale können die Menschen auch quälen.

Wie bewerten Sie vor diesem Hintergrund die aktuelle Debatte um die Sterbehilfe?
Die Intensität der Debatte zeigt, dass wir in einer sehr pluralistischen Gesellschaft mit unterschiedlichen Wertvorstellungen und kulturellen Konzepten leben. Ich persönlich halte eine Liberalisierung der Sterbehilfe jetzt für richtig, weil sie die Möglichkeit für ganz verschiedene Gruppen eröffnet, in ganz unterschiedlicher Weise das Sterben zu gestalten. Ich halte auch die Einschränkung der Kommerzialisierung bei der Beihilfe zum Suizid für absurd. Sterben ist doch schon jetzt ein Milliardengeschäft.

Interview: Nadja Erb

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