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Interview: „Wir können ein Museum der Chinesen werden“

Sie haben gesagt, die Politiker in Europa hätten eigentlich gar kein Mandat für Europa, weil sie vor allem nationale Interessen vertreten. Aber sie tun doch seit Monaten nichts anderes als zu versuchen, die europäische Krise zu bekämpfen?
Ja, aber sie versuchen nicht genug. Ich weiß nicht, ob sie genug politischen Willen, Mut und Kraft haben. Sie treffen sich alle sechs Wochen, und es hilft nichts.

Haben Sie eine Wahrnehmung, wie Angela Merkel in diesen Krisen agiert?
Ich glaube, sie ist zu passiv. Sie wartet ab, was die Ereignisse von ihr fordern, anstatt sie zu beeinflussen. Viele ihrer Berater denken nicht sehr praktisch, mit Ausnahme von Wolfgang Schäuble. Sie denken nicht wie in einer Familie, wo man hilft, wenn es dem Bruder oder der Schwester schlecht geht. Da kann man natürlich sagen: Das ist nicht mein Problem. Aber wenn man zusammen in einem Haus lebt, kann man sich auch leicht anstecken.

Aber wenn sie mehr tun wollten, müssten sie vor allem die Menschen davon überzeugen, dass sie auf dem richtigen Weg sind …
Ja, das muss hundertprozentig demokratisch sein. Heute ist Brüssel das Gegenteil davon. Wir haben ein großes Demokratiedefizit in Europa. Und es gibt einen Mangel an starken Persönlichkeiten. Wer ist eigentlich der Chef von Europa? Herr Barroso? Herr van Rompuy? Es hätte ja starke Kandidaten gegeben, Tony Blair, Felipe Gonzalez, Joschka Fischer. Aber die wurden von den Regierungen, auch von Frau Merkel, nicht gewollt. Die wären ihnen zu stark gewesen. Aber in Demokratien wollen die Menschen Führer, mit denen sie sich identifizieren können, keine anonymen Figuren.

Frau Merkel ist doch eine ziemlich präsente Persönlichkeit?
Aber sie redet nicht mit den Menschen. Deutschland hat aber eine Führungsrolle in Europa. Nach so einem Gipfel wie jetzt in Brüssel müsste Merkel abends ins Fernsehen gehen und eine Rede an die Nation halten und sagen: Liebe Landsleute, wir haben eine schwere Krise in Europa. Wir haben sie nicht ausgelöst, aber als Europäer müssen wir sie gemeinsam lösen. Wir haben entschieden, dies und dies und dies zu tun. Als Ihre Kanzlerin bin ich davon überzeugt, dass wir so handeln müssen. Punkt. Das würden die Menschen akzeptieren.

Neulich hat sie das in einer Talkshow vor ein paar Millionen Zuschauern versucht.
Ja, aber das ist die falsche Form, nicht staatsmännisch genug. Wir sind wie in einem Krieg. Und das hat Frau Merkel noch nicht erkannt. Sie spricht von einem Problem, einer Krise. Es ist ein Krieg! Einer, den man nicht verlieren darf.

Zwischen wem genau?
Es ist natürlich kein konventioneller Krieg. Da steht niemand mit einer Waffe vor der Tür. Aber es geht dennoch ums Überleben.

Sind die Märkte die Gegner der Politik?
Die Gegner sind nicht die Märkte, und auch nicht die Griechen oder die Italiener. Die Gegner sind die mangelhaften Strukturen, das nicht funktionierende System. Das System ist wie eine Krankheit. Es ist wie ein Krebs, dessen Zellen sich ausbreiten, wo sie können.

Das sehen die Anhänger der neuen Occupy-Bewegung ganz ähnlich. Was halten Sie von denen?
Da geht es nicht um spezifische Fragen oder Probleme, sondern um generelle. Hier fragt eine neue Generation die Politiker und am Ende das gesamte System: Welche Zukunft haben wir? Wie sieht die Zukunft unserer Generation aus? Die Generation unserer Eltern hatte Frieden, nach dem Krieg ständig wachsende Lebensstandards und eine fantastische soziale Umgebung, generell im Westen, in Amerika und Europa. Die Frage ist nun, wird das weitergehen in der sich verändernden Welt? Die Politiker haben bis heute keine Antworten oder vielleicht nicht den Mut, den jungen Leuten, den Wählern, zu erzählen, dass es jetzt viele Änderungen geben muss und wird.

Was sind Ihre nächsten Ziele?
Erst Paris, dann Afrika, dann Südamerika. In Paris sprechen wir mit den G20-Verantwortlichen, Frankreich hat ja den Vorsitz. In Afrika haben wir Projekte. Und dann geht es nach Mexiko, das im nächsten Jahr den G20-Vorsitz hat. Ich spreche schon einmal mit Präsident Calderon über die dann anstehende Agenda.

Damit wir alle nicht in einem Museum der Chinesen enden?
Genau.

Das Gespräch führte Holger Schmale.

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3 von 3
Autor:  Holger Schmale
Datum:  28 | 10 | 2011
Seiten:  1 2 3
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