Bogota. "Alle wussten davon", sagte die 35-jährige Alba Nidia Álvarez, die ihren Vater beschuldigt, sie fast 30 Jahre lang sexuell missbraucht und 14 Mal geschwängert zu haben. Aber niemand in ihrem 300-Seelen-Dorf La Cabaña habe etwas gesagt. Der Lokalzeitung El Nuevo Dia erzählte die Frau Details, die das Entsetzen über den - nach Fritzl und dem jüngst in Italien bekanntgewordenen Fall - nunmehr dritten Inzest-Fall noch einmal steigern. Es scheint offensichtlich: Viele wussten davon - aber niemand tat etwas.
Dass ihr heute 58-jähriger Vater Arcebio Álvarez sie seit ihrem fünften Lebensjahr sexuell belästigte, dass ihre Kinder von ihm sind - das vertraute sie bereits vor drei Jahren dem Pastor an, der regelmäßig ins Dorf knapp 400 Kilometer südwestlich der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá kommt, um den Gottesdienst abzuhalten. "Wer bin ich, um einen Menschen ins Gefängnis zu bringen", verteidigte Pastor Orlando Marín sein Schweigen gegenüber Journalisten. Auch den Hebammen, die bei den Geburten - heute leben noch acht der Kinder - halfen, sei Alba Nidia Álvarez zufolge klar gewesen, dass ihr Vater zugleich der Vater der Kinder war.
Selbst den Behörden der Stadt Mariquita, zu der La Cabaña gehört, war der Fall offenbar bekannt - doch auch sie blieben untätig. Ans Licht kam der Skandal erst durch einen pensionierten Beamten der Stadtverwaltung. Er wandte sich vor Monaten an die Politikerin Gilma Jiménez, die eine landesweite Kampagne gegen sexuelle Gewalt an Kindern anführt. Jiménez fand die 35-Jährige, die vor neun Monaten mit fünf ihrer Kinder aus La Cabaña geflohen war, aus Angst, ihr Vater werde sich auch an ihren Töchtern vergehen. Jiménez brachte schließlich die Verhaftung des Vaters ins Rollen.
Arcebio Álvarez, den die Polizei vor einer aufgebrachten Menge schützen musste, verteidigte sich, die Mutter der acht Kinder sei seine Stieftochter, und sie habe den sexuellen Beziehungen zugestimmt. Die Behörden kündigten eine DNA-Analyse an. Medienberichte, nach denen sich die ältesten Söhne des Mannes, die bei ihm blieben, an ihren jüngeren Schwestern vergingen, wurden zunächst nicht bestätigt oder widerlegt.
Jiménez zufolge werden in Kolumbien jährlich 21 000 Fälle sexueller Gewalt angezeigt; in 15 000 Fällen sind dabei Kinder unter 14 Jahren betroffen. Schätzungen zufolge liegt die Zahl sexueller Übergriffe jedoch zehnmal höher.
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